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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.01.2012

Es wird "Auffangstrategien der Reedereien geben"

Tourismus-Experte Jans : Der Kreuzfahrtwettbewerb wird härter

Bernhard Jans im Gespräch mit Andreas Müller

Trotz der Havarie der Costa Concordia sieht  Jans keine allgemeinen Sicherheitsprobleme bei Kreuzfahrten. (picture alliance / dpa / Peter Mayer)
Trotz der Havarie der Costa Concordia sieht Jans keine allgemeinen Sicherheitsprobleme bei Kreuzfahrten. (picture alliance / dpa / Peter Mayer)

Das Unglück der Costa Concordia wird das Interesse an Kreuzfahrten nicht nachhaltig abschwächen, meint der Tourismus-Experte Bernhard Jans. Es werde als Reaktion aber Aktionen der Reiseanbieter geben, die den Kreuzfahrtmarkt insgesamt umkämpfter machen werden, ist er überzeugt.

Andreas Müller: Der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia hat offenbar einen schweren Fehler begangen, als er am vergangenen Freitagabend sein Schiff viel zu nah an die Insel Giglio manövrierte. Es lief auf Grund und geriet in eine gefährliche Schieflage. Bislang weiß man von sechs Menschen, die bei der Havarie starben.

In den letzten Jahren ist immer wieder von Unfällen mit beziehungsweise auf Kreuzfahrtschiffen zu hören, von mangelnden Hygienestandards, Krankheiten, die an Bord ausbrechen. Dennoch träumen Millionen Deutsche zum Beispiel von einer Reise unter den Sternen der Karibik.

Über den hart umkämpften Markt mit den Kreuzfahrten spreche ich jetzt mit Bernhard Jans, er ist tatsächlich Kreuzfahrtforscher. Schönen guten Tag, herzlich willkommen!

Bernhard Jans: Auch schönen guten Tag!

Müller: Die Reedereien lassen immer mehr Schiffe bauen, immer größere. Die Schiffe kosten zwischen 400 und 900 Millionen Euro, die größten können 6000 Passagiere aufnehmen. Übersteigt das nicht so ein bisschen die menschlichen Dimensionen angesichts von Schiffen, die so groß wie Hochhäuser sind und so viele Menschen beherbergen wie eine kleine Stadt?

Jans: Also, ich denke, die Größe der Schiffe ist auch eine Chance, die entstanden ist für immer mehr Menschen, diesem Mythos Kreuzfahrten ein bisschen näher zu kommen. Das heißt, wir haben eigentlich mit diesen großen Schiffen einen Trend, der immer mehr Menschen ermöglicht, schöne, große Reisen zu machen, Dinge zu erleben, die sie vorher nie erleben konnten, Dinge zu erfahren, die vorher für sie ungreifbar waren, eigentlich ein Stück in den Mythos Urlaub wieder viel mehr hineinzutauchen, als es vorher möglich war. Das ermöglichen die großen Schiffe.

Die kleineren Schiffe haben natürlich auch ihre Chancen durch Routen, durch spezielle Programme, aber genau diese Größe dieser Schiffe hat uns ein modernes Urlaubsgefühl auf diesen Reisen vermittelt.

Müller: Geben Sie uns mal vielleicht ein Beispiel für große Schiffe, die ja immerhin eine ganze Kleinstadt mitnehmen können?

Jans: Nehmen wir mal ein Schiff, mit dem ich selbst vor Kurzem unterwegs war, MSC Splendida. Da haben Sie 4000 Passagiere in etwa auf dem Schiff, Sie haben ein Theater in der Größe einer Kleinstadt, Sie haben 1600 Leute im Theater Platz mit Vorstellungen, Sie gehen jeden Abend ins Theater, Sie gehen drei-, viermal am Tag schön essen, Sie haben Bars, Sie haben Lounges, Sie haben Cafeterias, Sie haben einfach die Möglichkeit, am Schiff und im Schiff zu leben. Sie haben eine Kabine – und Kabine heißt heute nicht mehr elf, zwölf Quadratmeter, in die man eingesperrt ist, sondern Kabinen heißt heute schöne, große Zimmer mit 18 bis 20 Quadratmeter mit einem Balkon, mit einem eigenen Balkon dran, wo Sie hier ja Ihren eigenen kleinen Raum haben, genau so, wie Sie das große Schiff für Ihr Urlaubserlebnis haben.

Müller: Dennoch, wenn ich mir vorstelle, so ein Boot wie Oasis of the Seas, 360 Meter lang, 72 Meter hoch ... Man hört ja immer wieder von den Öltankern, die ja wahnsinnig schwierig zu manövrieren sind mit den kilometerlangen Bremswegen et cetera. Kann man so ein Boot überhaupt noch sicher durch die Weltmeere fahren?

Jans: Die Technik auf diesen Schiffen hat sich immer weiter entwickelt. Ein Schiff wie die Oasis lässt sich mit modernem GPS-System heute selbst ohne Kapitän auf zehn Zentimeter Genauigkeit in einen Hafen hineinbringen, genau so wie jedes andere moderne Schiff. Das heißt, diese Schiffe sind eigentlich so konstruiert, dass sie sämtliche modernen Möglichkeiten haben, und sie haben eigentlich die Chance, dass man Urlaub gesichert und ohne solche Risikofaktoren eigentlich erleben können müsste, wie Sie es jetzt erlebt haben.

Müller: Sie sagen immer eigentlich. Man muss ja auch mal fragen, wo ist die Grenze? Es gibt ja Boote, die passen nicht mal mehr durch den Panamakanal, das heißt, die sind reduziert auf den Atlantik zum Beispiel. Das kann ich mir nicht vorstellen, dass das noch Spaß machen soll.

Jans: Die Schiffe machen Spaß. Also, das Thema Spaßmachen hat eigentlich – ich sage schon wieder eigentlich –, hat mit Schiffsgröße nichts zu tun. Die Schiffsgröße ist die Chance, Urlaub zu erleben. Schiffsgröße bringt das Urlaubserlebnis. Und nicht mehr durch den Panamakanal passen heißt, dass diese Schiffe in der Karibik ihr Seegebiet haben, die haben im Mittelmeer zum Teil ihr Seegebiet, sie haben Routen, die auf diese Schiffsgrößen abgestellt sind.

Müller: Früher war Kreuzfahrt eine Luxusveranstaltung für relativ wenige Menschen. Wann hat sich das eigentlich geändert?

Jans: Hat sich geändert mit einem deutschen Anbieter, wenn man so möchte. Wir haben, vor stark zehn Jahren haben wir Aida mit dem neuen Club-Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff erlebt. Aida hat mit dem Konzept das Thema Urlaub auf dem Schiff für ein breiteres Publikum eröffnet: Club-Charakter, Freizeitcharakter, Unterhaltung, Animation – damit ist natürlich der steife Charakter einer Urlaubskreuzfahrt raus. Und dann natürlich auch mit den immer mehr und immer einfacher werdenden Standardisierungen im Schiffsbau. Das heißt, die Schiffe konnten größer werden, weil die Technologie das hergegeben hat und weil die Standardisierung das hergegeben hat, die Schiffe damit auch größer geworden sind.

Müller: Dennoch, die Kosten sind natürlich auch gesunken für solche Reisen, also das, was man bezahlen muss. Das heißt aber auch, die Anbieter waren gezwungen zu sparen. Sie haben selbst einen Artikel geschrieben, in dem zu lesen ist, dass das Essen immer einfacher wird, bestimmte Standards nicht mehr erfüllt werden, dass die Besatzung im Verhältnis zu der Passagierzahl immer weiter gesunken ist. Wenn man sich das mal vorstellt in anderen Bereichen, diese Sparmaßnahmen haben teilweise dramatische Auswirkungen. Wie ist das, was bedeutet das zum Beispiel für die Sicherheit an Bord?

Jans: Zunächst Schwerpunkt Sparmaßnahmen: Es ist klar, dass Kreuzfahrten immer mehr für unterschiedliche Zielgruppen angeboten werden. Das heißt, ein Bereich Kreuzfahrten ist tatsächlich zur einfacheren, zur günstigeren Pauschalreise geworden, Ersatz für Urlaub an Land. Und damit ist auch das Thema nicht mehr Hummer und Kaviar an Bord, sondern es ist das, stückweit sogar Kantinenessen, wenn man es so haben möchte. Das ist ein Bereich, den muss man ernst nehmen, das ist dieser günstigere Urlaubsbereich, den man immer finden kann. Wir haben natürlich dann auch die ganz hochwertigen Kreuzfahrten, wo dann auch entsprechend viel mehr Geld bezahlt werden muss, das ist so.

Müller: Nun hat man aber auch immer wieder in den letzten Jahren von diesen ... Es gab einen Brand auf einem Boot, dann einen Ausbruch des Norovirus, eine ganz schlimme Magen-Darm-Viruserkrankung, diese Hygienestandards, die aufs Essen gehen, also, wenn man dann mit einer Lebensmittelvergiftung eventuell den Urlaub verbringen darf in der Kabine ... Das sind ja Dinge, die sich häufen, also, da ist ja offensichtlich was im Argen.

Jans: Also, ich sehe diese Häufung nicht, wie Sie jetzt sagen. Es ist tatsächlich so, dass bei solchen Menschenanhäufungen immer wieder etwas vorkommt. Das passiert im Hotel genau so, wenn Sie den deutschen Hotelmarkt durchschauen, wie auf dem Kreuzfahrtschiff. Wir haben dadurch bedingt natürlich, dass ein solches Kreuzfahrtschiff eine ungeheure Aufmerksamkeit auf sich zieht, haben wir natürlich dann den pressemäßigen Effekt auch bei so einer Geschichte sehr stark mit drin.

Wenn Sie das Stichwort Norovirus nehmen und so weiter, es gibt sehr, sehr harte Hygienestandards, Sie finden in jedem Kreuzfahrtschiff, wenn Sie reingehen, finden Sie die Möglichkeit, Hände zu desinfizieren, Sie werden darauf hingewiesen, es werden die Sicherheitsstandards erwähnt. Also, ich glaube nicht, dass wir in dem Bereich Hygiene, Sicherheit, Standards, da große Probleme haben.

Müller: Über den Mythos Kreuzfahrt und den hart umkämpften Markt mit dem Traum vom romantischen Trip unter den Sternen des Südens spreche ich mit dem Kreuzfahrtforscher Bernhard Jans. Herr Jans, in den letzten Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr Touristen auch auf die ökologischen Auswirkungen ihrer Reisen achten. Wie ist das auf einem Kreuzfahrtschiff, da wird ja eine Menge Müll produziert, der mutmaßlich im Meer landet, die Schornsteine spucken dreckigen Ruß aus. Ist das Thema bei den Anbietern eigentlich?

Jans: Das Thema ist angekommen, würde ich mal sagen, das zeigt sich ja auch in den letzten Entwicklungen und in Forschungsprogrammen. Auf den neueren Schiffen finden Sie ja jetzt inzwischen von Müllverbrennungsanlagen über Wasseraufbereitungsanlage alle möglichen Dinge, die genau in diese Richtung zielen. Das heißt, ein großes modernes Kreuzfahrtschiff macht zum Beispiel seinen kompletten Wasservorrat selbst, bereitet ihn aus Meerwasser auf. Es gibt Müllverbrennungsanlagen an Bord, es gibt eine sehr klare Mülltrennung an Bord, es gibt Wiederverwertungen und so weiter. Das heißt, je moderner ein Schiff ist, desto mehr können Sie davon ausgehen, dass genau diese Dinge, die wir jetzt immer mehr im Bereich Umwelt für wichtig einschätzen, wahrgenommen werden.

Müller: Wie viele sind davon unterwegs im Verhältnis zu den alten?

Jans: Ich denke, es sind inzwischen zwei Drittel der neuen Schiffe, die auf dem Standard sind. Sie können vielleicht noch die Ergänzung machen, wenn Sie jetzt die modernen Forschungsprogramme, die auch von der Bundesregierung gefördert werden, anschauen: Aida ist mit neuen Motoren am testen, wo also mit Dual-Betrieb gefahren werden soll; die alte Schwerölthematik ist natürlich dran; aber auch jetzt in den neuen Programmen ist es so, dass Häfen in Europa nur mit dem sogenannten Marine-Diesel angefahren werden sollen. Das heißt, es gibt ein immer größeres Bewusstsein, dass an der Stelle viel zu verändern ist und viel nachzuholen ist.

Müller: Nun haben wir die Katastrophe von Giglio und wir haben die Bilder. Wie beeinflusst das das Kundenverhalten, was glauben Sie? Wird es jetzt eher ein Nachlassen des Interesses geben oder glauben Sie, dass das so weitergeht mit dem großen Interesse?

Jans: Ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, dass das Interesse nachlässt. Es wird sicherlich den einen oder anderen geben, der heftig nachfragen wird, es wird den einen oder anderen geben, der aufgrund dieses Vorkommnisses nicht auf Kreuzfahrt gehen wird. Es wird auf der anderen Seite ganz sicherlich die Auffangstrategien der Reedereien geben. Die Auffangstrategien werden heißen bei den zentralen Reedereien, die betroffen sind, sowieso, mit günstigeren Aktionen, mit besonderen Aktionen an den Markt zu gehen. Das heißt, es wird auch der Neukundenbereich erschlossen.

Müller: Aber der Kampf um den Markt wird dadurch wieder härter?

Jans: Der wird härter, eindeutig.

Müller: Eventuell auch wieder mit Folgen für die Sicherheit solcher Schiffe?

Jans: Glaube ich nicht. Im Gegenteil. Also, wir werden erleben, dass die Sicherheitsregeln weitaus schärfer werden, sei es Landabstände, sei es Gefahrgeschwindigkeiten, sei es auch so, ich sage mal, diese Grußregelung, die wir jetzt anscheinend beobachten konnten, und Ähnliches.

Müller: Das war Bernhard Jans, er ist Kreuzfahrtforscher. Haben Sie vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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