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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.08.2009

"Es war ja eine ganze Generation"

Herta Müller im Gespräch mit Jürgen König

Herta Müller schrieb den Roman "Atemschaukel" (AP-Archiv)
Herta Müller schrieb den Roman "Atemschaukel" (AP-Archiv)

Die Schriftstellerin Herta Müller über Deportationen von Rumäniendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Sowjets und ihr Romanprojekt "Atemschaukel".

Jürgen König: Bis zum Sommer 1944 stand Rumänien unter seinem faschistischen Diktator Antonescu an der Seite der Nazis, dann rückte die Rote Armee ein, Marschall Antonescu wurde verhaftet und hingerichtet, Rumänien kapitulierte und erklärte Nazideutschland den Krieg. Im Januar 1945 forderte dann der sowjetische General Vinogradov im Namen Stalins, dass alle in Rumänien lebenden Deutschen in die Sowjetunion deportiert werden sollten - für den Wiederaufbau, wie es hieß.

Listen wurden dann erstellt und dann tatsächlich alle Männer und Frauen zwischen 17 und 45 Jahren festgenommen und in Viehwaggons in die Sowjetunion gebracht, insgesamt etwa 80.000 Menschen. Dieses Thema Deportation war in Rumänien Ceausescus immer tabu, weil es an die faschistische Vergangenheit Rumäniens erinnerte, und es blieb eigentlich bis heute ein weitgehend unbekanntes Thema.

Nun hat Herta Müller einen Roman darüber geschrieben, "Atemschaukel", nächsten Montag erscheint das Buch im Hanser Verlag, und ich begrüße Herta Müller bei uns im Studio. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind, Frau Müller!

Herta Müller: Hallo!

König: Frau Müller, Sie wurden 1953 in einem deutschsprachigen Dorf im rumänischen Banat geboren, mussten nach üblen Repressalien durch den rumänischen Geheimdienst Securitate Rumänien 1987 verlassen, leben seither in Berlin. Inwieweit war Ihre Familie von diesen Deportationen betroffen, ich meine damit, wie kam sie mit dem Thema in Berührung, oder war es, vielleicht gerade weil es ein solches Tabu war, irgendwie immer schon da gewesen?

Müller: Na ja, meine Mutter war deportiert, und das war ja nicht nur sie, sondern es war ja die ganze Generation. Alle in ihrem Alter, die damals zu jung waren für den Krieg, die Männer, oder etwas zu alt, und die Frauen sowieso, zwischen, Sie haben ja gesagt, 17 und 45, die wurden alle deportiert. Insofern war es ein Problem, das im ganzen Dorf vorhanden war und die Zurückgekehrten haben natürlich – wenn sie unter sich waren – über diese Deportationen gesprochen.

König: Auch bei Ihnen zu Hause? War das ein Gesprächsthema?

Müller: Es waren ja eigentlich keine Gespräche, weil das war ja auch das Problem: Ich glaube, Bauern reden nicht viel über sich selbst. Es waren halt immer nur diese gängigen Sätze, mit man habe so viel gelitten, man hat den Tod gesehen oder diese Ermahnungen, in meinem Fall, als ich ein Kind war, beim Essen, mit dem Verhungern.

König: Was hat Ihre Mutter da gesagt?

Müller: Dass … In Russland sind die Leute verhungert, und ich lasse das jetzt auf dem Teller, oder im Winter, wenn sie sagte, Wind ist kälter als Schnee, oder wenn sie sagte, Durst ist schlimmer als Hunger, also immer diese Halbsätze, die zu gewissen Situationen immer wieder kamen, auch unverändert.

König: Aber die dann nicht zu Diskussionen führten?

Müller: Aber viel mehr war das nicht. Ich habe nur gedacht immer, als Kind schon, ich dachte, meine Mutter ist eine alte Frau. Und da war die vielleicht 28 oder 30, und dann war diese Ungeduld beim Essen, oft, dass sie im Stehen aß oder im Gehen, oder eine richtige Philosophie des Kartoffelschälens, dass man die Schale so dünn wie möglich macht und das alles in eine Schale geschält werden musste. Und damit hat sie, da hat sie so viel Gewicht darauf gelegt.

König: Warum, wozu sollte das denn ausdrücklich gut sein?

Müller: Ich glaube, die Kartoffel war in ihrem Lager das Grundnahrungsmittel, in anderen Lagern war das manchmal anders, also, bei Oskar Pastior war es das Kraut und die Krautsuppe, aber bei ihr war es die Kartoffel, und sie hat auch sehr gerne Kartoffeln gegessen.

König: Sie haben dann im Jahr 2001 angefangen, Gespräche zu führen mit ehemals Deportierten, der wichtigste wurde Oskar Pastior, der große Lyriker, der war als 17-Jähriger verschleppt worden. Woher genau kam der Wunsch bei Ihnen, darüber nun zu schreiben?

Müller: Am allermeisten hat mich immer interessiert: Was ist eine Beschädigung? Was ist ein Trauma? Das Wort ist ja so schnell da, auch oft in Situationen, wo es eigentlich nicht unbedingt hingehört. Wie kann man das beschreiben? Mit dem Begriff kann man ja in der Literatur nichts anfangen, den muss man ja auflösen in diese Details, aus denen heraus dieses Trauma oder diese Beschädigung entstanden ist.

Und dann habe ich gemerkt … Ich habe mit einem Ehepaar reden wollen, die waren die nahesten Bekannten meiner Eltern, die haben sich im Lager kennengelernt. Und dann ist die Frau gestorben. Und das war für mich so eine Zäsur, da habe ich gemerkt: So geht das jetzt. Die Leute werden immer weniger.

König: Jetzt muss es sein.

Müller: Und wenn ich es noch immer hinausschiebe - ich hatte auch Angst davor –, dann kann ich es nicht mehr tun, weil es wird niemand mehr da sein, der mir das erzählt, und ich kann es ja nur auf der Basis von dem Erlebten dann beschreiben. Ja, und dann bin ich zu diesem Mann gefahren und habe mit dem Aufnahmen gemacht, gelegentlich auch meine Mutter gefragt. Aber in der Beziehung zu meiner Mutter ist das Schweigen, das ist eingebettet in unsere Beziehung, das ist alt.

König: Erzählen Sie von der Zusammenarbeit mit Oskar Pastior. Er muss sich noch nach Jahrzehnten an kleinste Details erinnert haben.

Müller: Ja, ich wusste das schon lange, dass Oskar Pastior auch deportiert war, ich kenne ihn ja seit vielen, vielen Jahren. Aber Oskar Pastior hatte eine unglaubliche Diskretion, obwohl dieses Thema ihm zugesetzt hat für ein Leben und in seiner Literatur ist das ja auch immer wieder da, wenn man das Vokabular seiner zerbrochenen Sprache kennt, er hat ja auch gesagt, ihm habe das Lager die Sprache zerbrochen.

Und für mich, als ich dann darüber schreiben wollte, habe ich zufällig, auf einer gemeinsamen Reise zu einer Literaturveranstaltung haben wir darüber gesprochen, weil es um Tannen ging. Wir waren in einer Gebirgsgegend, und ich habe die Tanne beschimpft und gesagt, sie sei langweilig, immer fertig, tue überhaupt nichts, dass ich überhaupt nicht verstehe, warum man diesen Baum gerade so ins Zimmer stellt und …

König: … auch noch besingt.

Müller: … zum Schmuck macht und besingt und dass er der Inbegriff von Weihnachten sein soll. Und dann hat er mir vehement widersprochen und erzählt, wie er sich im Lager aus grünen Wollhandschuhen, aufgetrennte Wolle, ein Tannenbäumchen gemacht hat und dass also die Tanne nicht das ist, was ich sage, und dass man an die Tanne glauben kann, ohne an Weihnachten zu glauben, und dass die Tanne, also so in dieser Zeit im Lager, dass dieser Weihnachtsbaum der letzte Halt war.

König: Der Ich-Erzähler Ihres Buches ist ein Mann, der auch aufs Genaueste beobachtet, was um ihn herum passiert. Es beginnt mit der Nacht im Januar 1945, als die Patrouille ihn um drei Uhr nachts abholt, endet mit dem Moment, da ihm ein rumänischer Polizist ihm fünf Jahre später die Passierscheine für die Heimfahrt aushändigt.

Was einem wirklich beim Lesen den Atem nimmt, das ist die poetische Sprache Ihres Buches, also zum Beispiel, wenn die liebste Schaufel des Mannes – er muss ständig Kohlen abladen – wenn diese Schaufel ihm zur Herzschaufel wird, weil das Schaufelblatt nun mal herzförmig ist, oder wenn der Hunger Gestalt annimmt als Hungerengel, der neben dem Schaufelnden steht, auf seine Waage schaut und sagt, Zitat: "Du bist mir noch immer nicht leicht genug", und er dann den Atem des Mannes schaukeln lässt, wiederum Zitat, "diese Atemschaukel ist ein Delirium, und was für eins". Durch diese poetische Sprache, fand ich, tritt gerade besonders plastisch heraus, was beschrieben wird. Nun sind sie ja beide – der Lyriker Oskar Pastior und die Schriftstellerin Herta Müller – berühmt für ihre Sprachkunst. Wie sind diese Texte entstanden? Will sagen, was ist von wem oder auf vielleicht wundersame Weise sind da auch zwei Sprachen ineinander geflossen?

Müller: Na ja, leider ist Oskar Pastior ja gestorben, und zwar in einer sehr frühen Phase unserer Zusammenarbeit. Wir hatten Notizen, ich hatte drei große Hefte Notizen. Wir hatten kleine Texte, Anfangskapitel, wir hatten eine gewisse Anzahl von Personen, aber auch nur Namen, von denen ich überhaupt nichts wusste.

Die Erinnerungen von Oskar Pastior waren natürlich auch in unserem Gespräch – und das hat mich natürlich auch interessiert, und danach habe ich auch immer gefragt – auf ihn zentriert, und die anderen Personen waren zwar erwähnt, aber es kam nicht zu Einzelheiten. Diese Wörter, die Sie zuvor genannt haben, die Atemschaukel ist von mir.

Das ist zwar auch ein Wort, das ich mit Oskar Pastior manchmal benutzt habe, aber es hatte nichts mit dem Schreiben zu tun. Womit es zu tun hatte, sage ich nicht. Das Zweite ist, die Herzschaufel ist ein Wort, das ist ein technisches Wort.

Dieses poetische, technische Wort gibt es, und zwar wegen dieser Form des Schaufelblatts. Der Hungerengel ist ein Wort von Oskar Pastior. Ich weiß nicht, ob er schon im Lager sich so an den Hunger gewandt hat oder ob er das erst im Nachhinein so formuliert hat, das habe ich ihn nie gefragt.

Ich hatte diese Wörter von Oskar Pastior, ich hatte die Einzelheiten der Arbeitsvorgänge, wie das Schaufeln vor sich geht, die ganzen Materialien, diese unglaublichen Beschreibungen von Sand, die Arten von Sand, die Kohlearten, diese Schlackoblocksteine, die Qual mit dem Zement, all diese Materialien, die da sind und an die sich Oskar Pastior selbstverständlich genauestens erinnert hat.
Aus dieser Genauigkeit heraus und weil ich auch mit Oskar Pastior die Lagerorte besucht habe – das war für mich unglaublich wichtig, ich habe nicht gewusst, wie wichtig das sein wird, weil ich nicht wusste, dass Oskar Pastior nicht bis zum Ende des Schreibens da sein wird. Das alles zusammen, das hat alles in mir die Möglichkeit ausgelöst, das im Detail als Ganzes zu imaginieren. Was kann so einem Menschen, so einem Ich alles passiert sein, wie können die Personen gewesen sein?

König: Und das Ganze ist ein unglaublich verdichteter Text geworden, in dem auch die Angst vorkommt, das Heimweh, die Fluchtgedanken, auch wieder das Lagerglück, Sie sprechen vom Mundglück, das beim Essen kommt und das allein sein will, oder vom Kopfglück, das gesellig ist.

Dann gibt es das "Ein-Tropfen-zuviel-Glück", das kommt beim Sterben, man sieht, schreiben Sie, den Toten die Erleichterung förmlich an, dass nun Hungerengel und Atemschaukel endlich Ruhe geben. Das war beim Lesen unglaublich eindringlich. Ich habe mir gedacht: Das muss auch beim Schreiben Ihnen sehr viel abverlangt haben.

Müller: Ich glaube, so ein schweres Thema hätte ich gar nicht ausgehalten, wenn ich das nicht kompensiert hätte durch, ja, es gibt kein anderes Wort, durch Schönheit an Sprache. Schön ist ja so ein Wort, das, es ist eigentlich nicht das richtige Wort, aber es ist dieses Poetische, dass das Zusammenkommen von Dingen mehr sagen muss als in den Wörtern selber drinsteckt. Ich weiß nicht, wie ich das sonst erklären soll.

Das war auch das Prinzip, das einzige Prinzip, wodurch für mich das Imaginieren dieses Lagers funktioniert hat, und es ist auch immer wieder, sind dann Dinge dazugekommen und dann habe ich gesehen, das eine lässt sich mit dem anderen verbinden und das lässt sich wieder aufgreifen. So funktioniert das dann, es entsteht dann so ein Sog und ein Netz.

König: Das letzte Kapitel ist überschrieben "Von den Schätzen", Sie beschreiben darin einen Menschen, der das Lager nicht vergessen hat, Zitat: "So muss ich von meinem ganzen Schädel wie von einem Gelände sprechen, von einem Lagergelände, man kann sich nicht schützen, weder durchs Schweigen noch durchs Erzählen", und etwas weiter heißt es, wiederum Zitat: "Der schwerste meiner Schätze ist mein Arbeitszwang. Er ist die Umkehr der Zwangsarbeit und ein Rettungstausch. In mir sitzt der Gnadenzwinger, ein Verwandter des Hungerengels. Er weiß, wie man alle anderen Schätze dressiert, er steigt mir ins Hirn, schiebt mich in die Verzauberung des Zwangs, weil ich mich fürchte, frei zu sein."

Am Ende wird diese Figur des Buches immer kleiner, immer kleiner und immer einsamer, war mein Empfinden. Ist das das Lebensgefühl des Oskar Pastior zum Schluss gewesen?

Müller: Das kann ich nicht sagen. Ich möchte das …

König: Oder ist es, pardon, oder ist es denn doch mehr eine literarische Notwendigkeit, die hier …

Müller: Ich muss das immer betonen: Die Ich-Figur ist nicht Oskar Pastior. Ich kann nicht Oskar Pastior sein, also, auch nach dem Tod vom Oskar Pastior musste ich mich entscheiden. Und ich kann auch nicht so tun, als wäre ich Oskar Pastior und ich. Das wäre nicht anständig.

König: Es ist eine Autofiktion.

Müller: Es ist eine Autofiktion und ich glaube, zu einer Beschädigung gehört Einsamkeit, das kommt ja auch schon viel früher, das Keine-Beziehung-mehr-ertragen-Können oder niemanden an sich so nah heranlassen, wie es für eine Beziehung notwendig ist.

Und dieser Teufelskreis, einfach darauf angewiesen sein, wenn man am nötigsten auf die Beziehung angewiesen ist, hat man keine Möglichkeit mehr, diese Beziehung aufrecht zu erhalten, dass das eine das andere nicht mehr zulässt, und darum ging es mir.

König: Vielen Dank, "Atemschaukel" von Herta Müller, ein wunderbares Buch, es erscheint am nächsten Montag. Doch, noch eine Frage: Ist das eigentlich Zufall, dass das Buch an Ihrem Geburtstag erscheinen wird?

Müller: Das ist ein Zufall. Ich habe zuerst gedacht, der Verlag hat sich das so ausgedacht, aber es ist ein Zufall. Ich habe gedacht: Vielleicht hat Oskar Pastior was damit zu tun.

König: Vielen Dank! Herta Müller zu Gast bei Deutschlandradio Kultur, ihr Roman "Atemschaukel" erscheint am Montag, wie gesagt, im Hanser Verlag.

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