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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

"Es schnitt mir wie ein Messer durch meine Seele"

Clamor Schürmanns Mission bei den Kaurna-Aborigines

Von Silke Lahmann-Lammert

Ein australischer Aborigine spielt das Didgeridoo am "National Aboriginal Day" in Sydney.
Ein australischer Aborigine spielt das Didgeridoo am "National Aboriginal Day" in Sydney. (AP Archiv)

Der Missionar Clamor Schürmann aus Ellerbeck reiste 1815 nach Südaustralien. Dabei warb er bei den Ureinwohnern nicht nur für den christlichen Glauben, sondern half ihnen auch noch, ihre Sprache zu retten.

Alytia Wallara Rigney: "Abends lernten wir die Vokabeln, am nächsten Morgen gaben wir sie an unsere Schüler weiter. So eng war das, als wir mit dem Unterricht in Kaurna - der Sprache meines Volkes - begannen. Damals hörte ich zum ersten Mal von den Missionaren Schürmann und Teichelmann. Wundervolle Menschen! Sie waren Freunde der Aborigines. Im 19. Jahrhundert haben meine Vorfahren ihnen an den Ufern des Torrens-Flusses ihre Sprache übergeben, um sie niederzuschreiben. Und um mir diese Sprache Ende des 20. Jahrhunderts zurückzugeben."

Jan Schürmann: "I feel it's still my homeland here. I'm sure you do...."

Jan Schürmann steht vor dem Bauernhof, auf dem er groß geworden ist. Ein Gehöft in Ellerbeck, unweit von Osnabrück. Um ihn herum: Eine Gruppe von Australiern: Aborigines und Weiße, die hergekommen sind, um zu sehen, wo der Missionar Clamor Schürmann - ein Ur-Urgroßonkel von Jan Schürmann - geboren wurde:

"Clamor was born in this house here. In that one there?"

Im Leben eines jeden der australischen Gäste spielt der deutsche Missionar eine Rolle: Für die Kaurna-Aborigines ist er bedeutend, weil er ihnen ein Wörterbuch hinterließ, mit dessen Hilfe sie ihre ausgestorbene Sprache neu erlernen konnten. Die anderen Mitglieder der Delegation beschäftigen sich wissenschaftlich - oder aus persönlichem Interesse - mit Clamor Schürmanns Nachschlagewerken, seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, seiner Missionsarbeit und seinen theologischen Überzeugungen:

"In Clamor's days the Ellerbeck Children, they had to walk about three k across the hill. It's still called - the elderly people know - schooltrack, Schulweg."

Auch Jan Schürmann hat sich intensiv mit dem Leben seines Vorfahren auseinandergesetzt. Jahrhunderte lang, erzählt er, war der Bauernhof, auf dem der Missionar seine Kindheit verbrachte, in Familienbesitz. In den 1970er Jahren wurde das Haus verkauft. Heute unterhält die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück dort ein Wohnheim für Behinderte.

Jan Schürmann: "Clamor Wilhelm Schürmann wurde geboren nach der Schlacht von Waterloo. Also nach Napoleon. Er war das jüngste von sechs Kindern. Zwei seiner Brüder sind schon früh gestorben. Und als er im März 1815 geboren wurde, da war eigentlich die Welt noch in Ordnung. Aber schon ein Jahr später starb sein Vater. Ziemlich unerwartet."

Zitat Clamor Schürmann: "Nun war meine Erziehung meiner Mutter fast ausschließlich überlassen, da mein Stiefvater sich wenig darum kümmerte. Mit allem Ernst und großer Sorgfalt unterzog sie sich auch derselben und schickte mich in die Schule, sobald ich nur den - eine gute halbe Stunde langen - Weg machen konnte. Aber auch diese einzige Pflegerin meines leiblichen und geistigen Lebens ward mir schon in meinem [elften] Jahre entrissen durch den Tod. Ihr Ende an und für sich, noch mehr aber ihre rührende Glaubensfestigkeit bei demselben, machte tiefen Eindruck auf mich und hatte wesentlichen Einfluss auf mein künftiges Leben."

Jan Schürmann: "Sie sind sehr geprägt worden von der Mutter. Die wohl eine sehr warmherzige, religiöse Frau war. Also die Religion hat sicherlich einen besonderen Halt gegeben, um mit diesen Schicksalsschlägen auch fertig zu werden."

Zitat Clamor Schürmann: "Bis zu meiner Einsegnung blieb ich im elterlichen Hause bei meinem Stiefvater, der neben der leiblichen Notdurft mir den nötigen Schulunterricht gewährte. Während dieser Zeit geschah es, dass einer meiner Brüder im Umgange mit einigen frommen Freunden meiner seligen Mutter, denen sie ihre Kinder sterbend ans Herz gelegt, ( ... ) sich entschloss, ein Prediger des Evangeliums unter den Heiden zu werden."

Jan Schürmann: "Und Clamor muss fasziniert gewesen sein. So dass er seinen Bruder quasi bat und insistierte, dass der nach Berlin schrieb und versuchte einen Studienplatz - würde man heute sagen - für Clamor zu bekommen. Was schließlich auch gelang. Und kurze Zeit später, auch schon - wenn man so will - zum Wintersemester 1832 ist er dann auch nach Berlin gereist und wurde angenommen in der Missionsschule, die auch mit Universität usw. verbunden war."

Clamors Wunsch, wie sein Bruder Johann Adam Missionar zu werden, stößt im heimischen Ellerbeck auf Befremden. Schließlich ist er - dem Jüngsten-Erbrecht im Königreich Hannover entsprechend - alleiniger Erbe des Schürmann-Hofes.

Jan Schürmann: "Er hat auf das Erbe verzichtet, was ein Skandal war. Sein Vormund schreibt an den Herrn Amtmann, man kann den empörten Ton raushören, dass er auf das Erbe verzichtet. Und da steht so etwa sinngemäß: Nun ist kein Halten mehr! Clamor war sicher, was er tun wollte."

An der Jänikeschen Missionsschule in Berlin und am Seminar der Dresdener Missionsgesellschaft, wohin er nach vier Jahren wechselt, lernt Clamor Hebräisch, Latein, Griechisch, Englisch und die Grundzüge des Chinesischen.

Jan Schürmann: "Natürlich auch das Evangelium, die Fähigkeit zu predigen, einen Gottesdienst auch zu halten. Denn er ist ja am Ende seiner Ausbildung auch ordentlich ordiniert worden. Man hat sich auch mit Völkerkunde, mit den Bedingungen der Mission auseinandergesetzt.
Und in Dresden gab es Kontakt zur englischen Regierung, kann man sagen, insbesondere zu einem sehr kompetenten Herrn und auch begüterten Herrn: George Fife Angas war sein Name. Dieser Briefkontakt zwischen diesen beiden Missionen, zwischen London und Dresden hat dazu geführt, dass George Fife Angas sich in der neugegründeten Kolonie Südaustralien engagieren wollte und natürlich nach gebildeten Leute suchte, mit denen man auch - sag ich mal - den Staat aufbauen kann. "

So kommt es, dass Clamor Schürmann und sein Kollege Gottlieb Teichelmann als Missionare nach Australien geschickt werden. Nach einer fünfmonatigen Schiffspassage gehen sie am 14. Oktober 1838 in Adelaide an Land.

Jan Schürmann: "Aber blätter das Buch doch mal zurück. Da ist doch die Taufeintragung. Die sind nach Jahrgängen geordnet."

Mittlerweile besichtigt die Reisegruppe aus Down Under die Schelenburg. Eine mittelalterliche Festung im Osnabrücker Land - wenige Kilometer vom Schürmannhof entfernt. Dorothea Kellermann von Schele, die heutige Besitzerin des Anwesens, hat eigens für die Australier die alten Kirchenbücher aus der evangelisch-lutherischen Kirche im benachbarten Schledehausen geholt. Am Ende des Rundgangs beugen sich die Gäste über die schweren Ledereinbände, in denen die Tauf- und Konfirmationsdaten des späteren Missionars festgehalten sind. Jan Schürmann blättert weiter und findet einen Vermerk aus dem Jahr 1838:

"Auch dieser Schürmann geht in die Mission. Something like: This Schürmann as well as his brother Adam has dedicated his life to the mission. And in 1838 he has gone to Neuholland, Newholland, which was the name for South Australia way back then - as you know."

Zu der Gruppe aus Australien gehört auch Christine Lockwood. Die Historikerin schreibt eine Doktorarbeit über Schürmann, Teichelmann und zwei weitere Missionare aus Dresden. Sie versucht den Eintrag zu entziffern, nach dem Clamor Schürmann im Frühjahr 1838 nach "Neuholland" abgereist ist:

"Schürmann reiste auf dem selben Schiff wie der neue Gouverneur von Südaustralien, Gawler. Und die beiden hatten einen Disput: Schürmann war der Meinung, die Briten hätten kein Recht, den Aborigines ihr Land zu nehmen. Ihr ganzes Kolonialsystem basiere auf Ungerechtigkeit. Die beiden stritten auch darüber, wie mit den Ureinwohnern umzugehen sei. Gawler wollte die Aborigines assimilieren, ihre Gemeinschaften auflösen, sie als billige Arbeitskräfte für die Siedler nutzen. Aus diesem Grund sollten sie Englisch lernen. Doch Schürmann entgegnete ihm: Warum sollen sie nicht ihre Gemeinschaften behalten, ihre eigene Identität und Sprache pflegen? So hat Gott sie geschaffen. Und ganz sicher haben sie ein Recht, so zu bleiben. Es gab viele solcher Diskussionen. Trotzdem hatten die beiden ein gutes Verhältnis. Gouverneur Gawler ließ sich in vielen Punkten vonSchürmann überzeugen und hat immer mit Hochachtung von dem deutschen Missionar gesprochen."

Schürmann und Teichelmann lernen die lokale Aborigine-Sprache so schnell, dass sie schon zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Südaustralien ein umfangreiches Kaurna-Wörterbuch veröffentlichen können. Ihr Ziel ist es, sich fließend mit den Ureinwohnern verständigen zu können. In Piltawodli am Torrens River unterrichten die Missionare Kinder und interessierte Erwachsene. Ganz oben auf dem Lehrplan steht die Verkündung des Evangeliums. Aber auch Lesen, Schreiben, Englisch und die Vermittlung handwerklicher Fertigkeiten gehören zum Schulalltag.

Christine Lockwood: "Die Lutheraner haben in Australien viel größere Anstrengungen als Missionare anderer Kirchen unternommen, die Kultur und Sprache der Aborigines zu lernen. Sie wollten sich nicht - wie viele Christen in der Kolonie - mit Äußerlichkeiten beschäftigen. Andere Missionare glaubten, wenn sie die Aborigine-Kinder dazu brächten, sich zu kleiden, Englisch zu sprechen und ein Handwerk zu lernen, täten sie Missionarsarbeit. Schürmann und Teichelmann dagegen wollten die Herzen der Menschen erreichen. Nur so - glaubten sie - könne man ihnen den christlichen Glauben nahebringen."

An seinem Auftrag, die Aborigines zu bekehren, hat der Missionar Clamor Schürmann nie gezweifelt:

"Es hängt alles von der religiösen Perspektive ab. Den Aborigines ihren Glauben zu lassen, bedeutet zum Beispiel zu akzeptieren, Geister für Krankheit und Tod verantwortlich zu machen. Wenn jemand stirbt, ist das die Folge von Zauberei. Und sofort wird - mit Hilfe von Ritualen - ein Schuldiger ausgemacht. Wohnt der vermeintliche Täter im Nachbardorf, ziehen die Männer los und töten ihn. Klar, dass dieser Mord wiederum Vergeltungsmaßnahmen des Nachbarstammes provoziert. Also eine endlose Spirale der Gewalt. Die Aborigines lebten in permanentem Schrecken vor der Welt der Geister.

Das Christentum nimmt die Angst und befreit vom Aberglauben. Wir tendieren heute dazu, die Religion der Ureinwohner zu romantisieren - und übersehen dabei die Furcht und Gewalt, die damit einhergingen. Ich weiß: Es ist heute nicht populär zu sagen, eine Religion sei besser als die andere. Aber die Dresdener Missionare waren zweifelsfrei der Meinung, das Christentum sei der Aborigine-Religion überlegen. Sonst wären sie keine Missionare gewesen!"

Wegen seiner Sprachkenntnisse, aber auch, weil er das Vertrauen der Aborigines genießt, beschäftigen die britischen Kolonialbehörden Schürmann als Dolmetscher. Auch als Vermittler in Konflikten zwischen Siedlern und Ureinwohnern schätzen sie seine Dienste. Zwei Jahre nach der Ankunft in Adelaide wird der Missionar "Deputy-Protector” - ein staatlicher Beauftragter für die Aborigines in Port Lincoln. In dieser Funktion begleitet er 1842 eine Polizeiexpedition. Die Männer sind auf der Suche nach einer Gruppe von Ureinwohnern, die drei Siedler getötet haben. Die Verfolgung zieht sich über Wochen hin. Immer wieder können die Täter entkommen. Eines Tages stößt die Expedition an einem Seeufer auf mehrere Aborignes:

Zitat Clamor Schürmann: "Sobald die Eingeborenen uns sahen, sprungen sie auf, breiteten ihre Arme aus und sagten, dass sie die Mörder nicht seien. Trotzdem drückte doch einer der Soldaten eine Pistole nach Yumba ab, der dicht bei mir stand. Allein war sie zum Glück nicht geladen. Als der Leutnant sah, dass die Eingeborenen keine Feindseligkeit zeigten, rief er aus: That will do! No, no! etc. Und ich selbst rief mit aller Gewalt: Nicht Schießen! Es waren ihrer anfangs drei Eingeborene, nebst zwei Weibern und einigen Kindern. Allein gleich drauf kam ein vierter, Numma, heran, dem ein Soldat eine Kugel durch den Unterleib gejagt hatte, so dass die Eingeweide an beiden Seiten herauskamen. Dieser Mann war etwa 10 - 20 Schritte von den übrigen Eingeborenen entfernt im Wasser gewesen, mit dem Speeren von Fischen beschäftigt. Der Soldat aber behauptete, er habe ihn speeren wollen. Doch widersprach er sich, indem ich ihn sagen hörte, dass derselbe zurück ins Wasser gelaufen sei, als er bemerkt habe, dass er nach ihm ziele. Ich hatte diesen Einborenen gar nicht bemerkt und auch den Schuss nicht fallen hören, indem meine ganze Aufmerksamkeit drauf gerichtet war zu verhindern, dass die übrigen drei geschossen würden. Wie groß war daher mein Erstaunen und mein Entsetzen, als Numma zu mir herumkam, mit wildem Blick, grässlicher Wunde und der Erklärung, dass er ein Bekannter oder Freund - und kein Mörder sei: I Kappler, I very good! waren seine beweglichen Worte."

Hilflos muss Schürmann mit ansehen, wie Numma unter Qualen stirbt.

Zitat Clamor Schürmann: "Dieser Mann war mir länger als ein Jahr bekannt, war immer sehr rüstig und offen. Es schnitt mir daher wie ein Messer durch meine Seele, diesen Mann unschuldig erschossen zu sehen. Ich konnte mich [der] Tränen nicht enthalten. Leutnant Hugonin nahm den Soldat, der den Schuss getan, sehr in Schutz, behauptend, er hätte ganz recht gehandelt. Dies ist auch aber kein Wunder, da die Leute unter seinem Befehle sind, und er also mehr als der Soldat verantwortlich ist."

Unter Protest verlässt Schürmann die Expedition. In einem schriftlichen Bericht beschwert er sich bei den britischen Kolonialbehörden über die Erschießung des Unschuldigen. Aber sein Report bleibt ohne Folgen. Um so enttäuschter ist er, als nach seiner Rückkehr nach Port Lincoln ausgerechnet der Mann sein Vorgesetzter wird, der dafür verantwortlich ist, dass der Zwischenfall unter den Teppich gekehrt wurde.

Christine Lockwood: "Schürmann war verärgert und entmutigt. Er hatte das Gefühl, in dieser Konstellation nichts für die Aborigines erreichen zu können. Dennoch gibt es Berichte, die dem Missionar bescheinigen, er habe in Port Lincoln für mehr Frieden zwischen Siedlern und Aborigines gesorgt. Nachdem er fortging, gab es einen Ausbruch der Gewalt. Daraufhin wurde Schürmann gebeten, als Gerichtsübersetzer zurückzukehren. Das tat er. Und eröffnete in Port Lincoln eine Schule, in der er in der Lokalsprache Bangarla unterrichtete. Von den Aborigines wurde diese Schule sehr gut angenommen."

Ganz im Gegensatz zur anglikanischen Missionsschule in Adelaide, die an Schülermangel litt. Grund dafür waren die sogenannten "Zivilisierungsmaßnahmen” der Anglikaner: Um den Kindern der Ureinwohner ihre Stammesbräuche auszutreiben, trennten die Missionare die Jungen und Mädchen von ihren Familien. Mit der Folge, dass die Eltern sich weigerten, sie zum Unterricht zu schicken. Als die Zahl der Schüler immer weiter sank, beschloss die Kolonialverwaltung Schürmanns Schule in Port Lincoln zu schließen und die Kinder von dort ins viele Kilometer entfernte Adelaide zu schicken. Im Gegenzug bot man Schürmann eine Stelle an. Doch der Missionar lehnte ab. Er wollte weder zur anglikanischen Kirche übertreten noch sich zum Handlanger einer Politik machen lassen, die Familienstrukturen, Kultur und Identität der Aborigines zerstörte. 1853 beendete er seinen Missionsdienst und folgte dem Ruf einer deutschen Einwanderergemeinde in den Bundesstaat Victoria. Vier Jahrzehnte arbeitete er als Pastor im heutigen Terrington, bevor er 1893 im Alter von 77 Jahren starb:

Inzwischen ist es Abend geworden im Osnabrücker Land. In der Gaststätte Schürmann haben sich Nachkommen des deutschen Familienzweigs und andere Interessierte versammelt, um die Delegation aus Australien zu treffen. Karl Winda Telfer, ein Performance-Künstler mit Kaurna-Wurzeln, hat sein Digeridoo mitgebracht.

Nicht nur Karls Musik, seine Tänze und Erzählungen ziehen das Publikum in den Bann. Die Leute interessieren sich auch für die Arbeit der australischen Wissenschaftler. Rob Amery, Professor für Linguistik an der Universität Adelaide, berichtet, wie die Kaurna-Aborignes ihre Sprache wiederbeleben und welche Rolle dabei das Wörterbuch spielt, das die Missionare geschrieben haben. Eine deutsche Schürmann-Nachfahrin will wissen, warum Kaurna in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgestorben ist. Gesetze der britischen Kolonialmacht, die das Kaurna-Volk zwangen, Englisch zu sprechen, waren eine Ursache dafür, antwortet der Sprachwissenschaftler Rob Amery:

"Their population plummeted with colonization. Even before colonization their population had been heavily compromised."

Einen anderen Grund sieht er in dem drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl. Schon bevor die Siedler ihnen ihr Land nahmen, gab es drei mal mehr Kaurna-Männer als Frauen. Segler und Walfänger entführten zahllose Mädchen, um sie sexuell zu missbrauchen und an Bord die gefährlichen Arbeiten in der Takelage verrichten zu lassen. Viele kamen dabei ums Leben - und dem Kaurna-Volk fehlte es an Nachwuchs.

Rob Amery: "Als dann 1836 die weißen Siedler eintrafen, brachten sie Krankheiten wie die Influenza mit, an denen viele Ureinwohner starben. Sie bauten auch Gerbereien an den Ufern des Torrens River und schütteten die giftigen Abwässer ungeklärt in den Fluss. Typhus und andere Epidemien sorgten dafür, dass die Zahl der Kaurna-Aborigines sich immer weiter dezimierte."

Rob Amery, der sich seit Jahren mit dem Wörterbuch der Missionare beschäftigt, ist Kaurna-Spezialist, Sprachlehrer und ein geübter Sprecher. Würden die Aborigines aus Clamors Zeiten ihn verstehen?

Rob Amery: "Es würde ihnen vielleicht schwerfallen. Aber ich denke, sie könnten mir folgen. Schwierig, das heute zu testen!"

Schürmanns und Teichelmanns großes Verdienst ist es, nicht nur eine Vokabelliste angelegt zu haben, sondern auch eine ausführliche Grammatik, ohne die eine Rekonstruktion der Sprache undenkbar wäre. Um die Kaurna-Language zu rekonstruieren, greifen die Wissenschaftler auf vergleichbare Strukturen in erhaltenen Aborigine-Sprachen zurück. Und erfinden, wenn nötig, neue Worte. So wie es die Kaurna-Leute gemacht haben, als die europäischen Siedler kamen.

Rob Amery: "Der Computer heißt "mukarndo" - Blitzgehirn. Zusammengesetzt aus "mukarmuka" für Gehirn und "karndo" für Blitz. Das Handy nennen wir "warraityatti". Das Ding, das die Stimme sendet."

Der Linguist Rob Amery arbeitet eng mit Alytia Wallara Rigney zusammen, die ebenfalls zur Delegation aus Australien gehört. Sie war die erste schwarze Schulleiterin auf dem Kontinent und gründete in den 1980er Jahren in Elizabeth die Kaurna Plains School. Eine Schule, in der - neben den üblichen Unterrichtsfächern - die Geschichte und die Traditionen der Ureinwohner gelehrt werden. Mit dem Ziel, den Aborigine-Schülern Selbstvertrauen, Wertschätzung und Stolz auf ihre Herkunft zu vermitteln:

"Und als erste Schule wählten wir Kaurna als Unterrichtsfach. Niemand hatte das vor uns versucht."

An die Kaurna Plains School in Elizabeth kamen viele Aborigine-Kinder, die sich ihrer Herkunft schämten, weil sie auf anderen Schulen ausgegrenzt und gehänselt wurden:

Alytia Wallara Rigney: "Wir mussten ihr Selbstvertrauen wieder aufbauen. Und das taten wir mit Hilfe der Sprache. Es war ungeheuer wichtig für die Kinder zu lernen, Menschen in ihrer eigenen Sprache willkommen zu heißen. Ihr Selbstvertrauen und ihr Stolz, Aborigines zu sein, wuchsen so sehr, dass sie auf dem Victoria Square in Adelaide - wir nennen ihn Tandanyangga - 5.000 Menschen in der Kaurna-Language begrüßt und Lieder für sie gesungen haben. Keine Spur von Scham. Einfach nur Stolz!"

Allen Beteiligten ist klar, dass Kaurna nie an die Stelle des Englischen treten wird. Aber Alytia, Rob und ihre Schüler benutzen immer öfter Kaurna-Ausdrücke in ihrem Alltag. Seit einigen Jahren werden Parks und Plätze in Adelaide zweisprachig benannt. Es gibt zwar Widerstände, aber ein Großteil der Weißen unterstützt die Bemühungen, die Kaurna-Language im öffentlichen Leben wieder hörbar - und sichtbar - zu machen:

"Ich blicke optimistisch in die Zukunft. Und bevor der Herr mich zu sich nimmt, hoffe ich noch zu erleben, wie mein Enkel Kaurna-Lehrer wird. Es ist wichtig, junge Menschen zu ermutigen, etwas zu tun, was ihnen vielleicht auf den ersten Blick nicht so sinnvoll erscheint wie zum Beispiel eine Mechanikerlehre. Es ist eine große Aufgabe. Aber wir sind entschlossen und leidenschaftlich. Und wir werden das schaffen!"

Die Sprache als Mittel, die Kaurna-Identität wieder zu entdecken und den Nachfahren des Volkes den Stolz auf ihre Jahrtausende alte Kultur zurückzugeben: Am Ende war Clamor Schürmanns Mission bei den Abrorigines doch erfolgreicher als er selbst geglaubt haben mag:

O-TON 28: Alytia Wallara Rigney
Because my ancestors in the 18-hundreds gave my language to me now through Teichelmann and Schürmann. It's just the most amazing, amazing thing that could ever happen!

ÜBERSETZUNG: Sprecher 1
Durch Schürmann und Teichelmann haben mir meine Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert meine Sprache zurückgegeben. Das ist die wunderbarste Sache, die jemals passiert ist!
ENDE