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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.04.2007

"Es ist zwar witzig, aber es ist todernst"

Der Kabarettist Marc-Uwe Kling

Von Renate Dobratz

Vor dem Auftritt (Stock.XCHNG)
Vor dem Auftritt (Stock.XCHNG)

"Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen." - Mit solchen Sprüchen wurde Marc-Uwe Kling zum Publikumsliebling auf Kleinkunstbühnen, bekam 2006 den Jugend-Kultur-Förderpreis und wurde Poetry-Slam-Champion.

"Als Künstler fragt man immer den Veranstalter, was isn da so fürn Publikum? Und Veranstalter sagen immer 'gemischt'. 'Ganz gemischt!' Und gemischt heißt quasi: Von der Generation Trümmerfrau, über die Generation 68, bis zur Generation X, @, Golf, Golf II, alle da. Außer meine Generation, fehlt immer, das erklärt sich im Namen, das ist die Generation Praktikum, da ist man natürlich am Wochenende auch immer noch auf Arbeit."

Manchmal braucht es einen Moment, bis man seine Anspielungen verstanden hat. Der 25-Jährige nimmt sich selbst nicht allzu ernst, seine Texte aber schon.

"Es ist alles todernst. Es ist zwar witzig, aber es ist todernst."

Wenn Marc-Uwe Kling auf die Bühne kommt, wirkt er erstmal etwas schüchtern unter dem alten Hut, in dem langen schwarzen Mantel. Er lässt sich Zeit am Mikrofon. Als ob er gerade noch überlegt, was er jetzt eigentlich sagen will. Er steht da unschuldig mit seiner Gitarre, ohne zu spielen. Macht nicht viele Gesten, kann aber ziemlich giftig werden, wenn er erstmal mit seinen 'Protokollen' loslegt: über Josef Ackermann, den er noch drankriegen will oder über den Fluch so genannter Intelligenter Maschinen:

"Eine gedruckte Anleitung ist dem Gerät nicht beigelegt, dafür ist es wohl zu modern. Stattdessen muss ich die Software auf der mitgelieferten CD installieren, die mich zwingen will, ihre Li-zenz-verein-barung durchzulesen! Schon als kleiner Junge hab ich mir vor dem Commodore sitzend gewünscht, es gäbe eine 'JAJA-Arschlecken'-Taste."

Berlin ist seine Wahlheimat. Nach dem Abitur zieht Marc-Uwe Kling von Stuttgart hierher, um Filme zu machen. Als Zehnjähriger hatte er schon erste Versuche mit Papas Videokamera unternommen. Inspiriert von Monthy Python.

"Mein Bruder ist großer Flying Circus Fan gewesen, mein Bruder ist 16 Jahre älter als ich, und er hat sich das dann immer angeguckt und hat mich immer davor gesetzt. Ich hab's wahrscheinlich nicht komplett verstanden, aber ich fand's halt irgendwie witzig, was die gemacht haben."

Mit einem Studienplatz in Filmwissenschaften wurde es nichts. Er studiert dann Philosophie und Politik und macht nebenher ein paar Kurzfilme. Er spielt Gitarre in einer Band und übt Klavier. Das hat er vom Vater, einem Akkordeonspieler. Die große Begeisterung packt Marc-Uwe Kling aber erst, als er die Poetry-Slam-Szene für sich entdeckt.

"Und wenn man 'n Text schreibt, ist das genau der Text, wie man sich den vorgestellt hat, wenn man 'n Film dreht, ist das was völlig anderes, als das was man sich vorgestellt hat."

Es folgen einige Jahre mit unzähligen Kurzauftritten auf Lesebühnen. Marc-Uwe Kling kommt von Anfang an gut an. Im Schnitt schreibt er zwei neue Texte pro Woche: Er schreibt unterwegs, hinter der Bühne, und manchmal auch zu Hause. Der Poetry-Slammer meldet sich auch zu Kabarett-Wettbewerben in ganz Deutschland an – und prompt gewinnt er.

"Ganz am Anfang, als ich nach Berlin gezogen bin, hab ich allein gewohnt, und das fand ich furchtbar. Und seitdem wohn ich eigentlich immer mit irgendwelchen Leute zusammen und das ist auf jeden Fall gut."

Seine derzeitigen Mitbewohner schreiben auch: Sie organisieren gemeinsam Lesebühnen in Berlin und Potsdam. Zu Hause lesen sie sich gegenseitig vor. Kritik hilft Marc-Uwe Kling auf dem Boden zu bleiben.

"Man ist immer sehr verliebt in seine neuesten Nummern, und dann liest man die und es kommt nicht an und dann denkt man: Wieso denn? Wieso denn? Und dann lässt du sie mal ruhen und dann guckst du sie dir n Monat später an und denkst du: Jagut, das funktioniert so nicht."

Er schreibt feinsinnig überspitzt und radikal direkt. Über das, was ihn ärgert, wenn er Zeitung liest oder wenn er mitbekommt, wie die Menschen um ihn herum leben: Die einen haben keine Arbeit, die anderen arbeiten viel zu viel. Er glaubt, die moderne Gesellschaft entwickelt sich gerade rückwärts.

"Und an diesem Klima da muss sich was ändern, also dass die Leute nur noch so viel Wert sind wie ihr Arbeitsplatz. Oder wenn man arbeitslos ist, dass man dann schon psychische Probleme bekommt, ich bin nix wert, und das wird ja immer stärker."

"Es gibt da son Spruch von den alten Kommunisten, mit dem die 1918 ihre falschen Freunde dissten. Natürlich ham wir heute ne andre politische Lage, und trotzdem passt der Spruch, irgendwie in unsre Tage:
Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten, wer hat uns verraten, wer hat uns verkauft?…"

Irgendwann spielt er also doch auf der Gitarre. Mal trashig schrummelnd, mal gelangweilt zupfend. Oder er gibt ein kurzes Zwischenspiel auf dem Klavier. Die Musik ist Marc-Uwe Kling sehr wichtig. Im Kabarett setzt er sie gerne ein, bei den Poetry Slams ist sie allerdings verboten. Trotzdem:

"Ich mach immer noch ganz viele Poetry-Slams, weil das ist ein anderes Gefühl, es ist viel experimenteller, man kann mehr ausprobieren, ne Lesebühne ist quasi das Experimentellste, du kannst machen, was du willst. Und das ist schon spannend und ich versuch das nicht zu verlieren, auch auf den Kabarettbühnen."

Seine Texte müssen nicht immer lustig sein. Aber es muss auch nicht jedes Mal eine Gesellschaftskritik dahinter stecken.

"Nee, das wär ja zu anstrengend. Also manchmal muss man sich auch ’n bisschen Spaß gönnen."

"Ein sonnig warmer Tag, ich sitz froh am Ufer. Eine Leiche treibt vorbei, es ist der Zwischenrufer."

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