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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.04.2011

"Es ist so einfach, Plagiate zu finden"

Wissenschaftlerin Weber-Wulff plädiert für "organisierten Skeptizismus"

Debora Weber-Wulff im Gespräch mit Ulrike Timm

Weber-Wulff: Das hat nichts mit Anschwärzen zu tun. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)
Weber-Wulff: Das hat nichts mit Anschwärzen zu tun. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)

Die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff hält das Suchen und öffentliche Aufdecken von Plagiaten für sehr wichtig. Es gehe dabei nicht ums "Anschwärzen".

Ulrike Timm: Es gibt eine Detektivtätigkeit, die es vor ein paar Wochen so noch nicht gab: Plagiatejäger – so heißt der Sport. Nachdem im Fall Guttenberg kein Zweifel mehr besteht, dass dessen Dissertation samt ihrer Hauptthesen aus vielen ungenannten Quellen zusammengefriemelt wurde, stehen jetzt auch andere im Verdacht.

B-Prominenz, wie etwa die Tochter von Edmund Stoiber oder auch die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin, deren Dissertationsschrift jetzt von der Uni Heidelberg geprüft wird, nachdem die Uni anonym der Verdacht erreichte, 13 Prozent der Arbeit der Politikerin seien plagiert, Belegstellen waren zu ersehen. Wie genau findet man aber eigentlich ein Plagiat? Reicht es, ein Schriftstück einmal durch eine bestimmte Software scannen zu lassen, und was genau kann man dadurch erfahren und was nicht? Das sind Fragen, mit denen sich Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin intensiv beschäftigt. Schönen guten Tag, Frau Weber-Wulff!

Debora Weber-Wulff: Guten Tag, Frau Timm!

Timm: Sie haben ja einen regelrechten Kurs übers Plagiat ins Internet gestellt: "Fremde Federn finden" heißt der. Gab es den eigentlich schon vorher oder gibt es den erst, seitdem Plagiatsjäger Politiker überprüfen?

Weber-Wulff: Nein. Also ich hab den Kurs 2004 gemacht während eines Freisemesters. Ich begann schon 2001, 2002, mich mit dem Thema Plagiat zu beschäftigen, und für mich als Informatikerin war es klar, es ist so einfach, Plagiate zu finden: Drei bis fünf Wörter in Google, und schon hat man die Quelle. Viele Leute haben das nicht verstanden, dass das so einfach ist. Und ich erzählte und erzählte und erzählte, Leute, ich hab einen Aufsatz geschrieben in "Forschung und Lehre" 2003, dass Plagiat kein Kavaliersdelikt ist, aber die Leute haben immer diesen Wunsch nach einer Software, die das entscheiden sollte. Und da kam ich auf die Idee 2004, dass ich eine E-Learning-Einheit schreibe – mein Forschungsgebiet ist eigentlich E-Learning –, dass ich eine E-Learning-Einheit mache, um den Leuten, den Dozenten, Dozentinnen da draußen die Möglichkeit zu geben, sich zu schulen, dass sie selber erkennen können: Drei bis fünf Wörter genügen. Sie schaffen das, die Quelle zu finden.

Timm: Bei den Plagiatsjägern hat sich Ihr Kurs ja noch nicht ganz rumgesprochen, denn die scannen ja mit einer Software. Was kann denn Software leisten und was nicht?

Weber-Wulff: Na ja, das Problem ist, dass die Software keine Plagiate findet, sondern Kopien – Plagiat ist viel mehr als nur Kopien. Und in vielen von den Texten, wenn es Bearbeitungen gegeben hat von den Texten, ist die Software hilflos, die hört auf, die sagt, hier ist es nicht mehr identisch und setzt irgendwo anders wieder auf.

Timm: Habe ich das richtig verstanden, Kopien bedeutet, zwei Menschen schreiben oder denken den gleichen Satz, was ja nun wirklich mal vorkommen kann?

Weber-Wulff: Nein, das kann überhaupt nicht vorkommen, weil jeder Mensch hat eine eigene Art und Weise zu schreiben. Also wenn man den Satz schreibt – was allerdings auch eine Tatsache ist –, Wasser kocht bei 100 Grad Celsius, das kann in der Tat identisch sein. Aber jemand, der sich genau diese Phrase ausdenkt und das zusammenbringt mit anderen Phrasen – für jedes einzelne Wort haben wir so viele verschiedene Wörter zur Verfügung in unserem Wortschatz –, die Wahrscheinlichkeit, dass man über Sätze hinweg genau diese Gedanken hat, ist absolut nicht vorhanden. Dass der Gedankengang identisch sein kann, darüber können wir uns streiten.

Das ist auch ein Plagiat, wenn man das übernimmt von jemand anders, aber es ist denkbar, dass zwei Leute gleichzeitig auf den gleichen Gedankengang kommen. Aber dass zwei Leute gleichzeitig den gleichen Fehler machen, das ist sehr unwahrscheinlich. Und das ist oft der Grund, weswegen wir Plagiate nachweisen können, dass der Plagiator unvorsichtigerweise auch noch den Fehler mit übernommen hat.

Timm: Das heißt, Plagiatenttarnung ist immer noch Hand- und Kopfarbeit von einzelnen Menschen, die sie selber leisten müssen und die man einem Computer nicht abnehmen kann, weil man mitdenken muss?

Weber-Wulff: Genau, genau. Die Systeme können hilfreich sein, Kopierstellen aufzuzeichnen, wobei sie auch Schwierigkeiten haben: Sie können mit Ligaturen nicht umgehen, sie können oft mit Umlauten nicht umgehen. Das heißt, Wörter, wo ein Umlaut drin ist, werden übersehen, und das ist in deutschen Texten einfach problematisch, weil wir relativ viele Umlaute haben. Die Systeme können oft nicht mit sehr großen Dateien umgehen, und die haben natürlich auch – das ist ein interessantes Ergebnis bisher von unseren Tests – die können mit dem Google Books nichts anfangen, weil sie müssten dazu von Google einen kostenpflichtigen Zugang haben, um die Ergebnisse aus Google Books anzuzeigen. Google selber aber, wenn ich drei bis fünf Wörter in Google eingebe, sucht erst mal in seiner Datenbank und dann in Google Books nach, und deswegen bekomme ich, wenn ich selber suche, auch Quellen genannt, die über Google Books zu finden sind.

Timm: Das heißt, der gemeine Plagiatejäger, der jemanden vielleicht auch ganz gern einfach mal anschwärzen möchte, ist nicht sorgfältig auch mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen?

Weber-Wulff: Was heißt sorgfältig? Ich meine, es geht hier nicht nur um Anschwärzen, sondern es ist eine ganz einfache Sache, das ist Wissenschaft. Wenn man Wissenschaft betreibt, wenn man eine Doktorarbeit schreibt, man steht für etwas und die Arbeit wird publiziert. Und was ist eigentlich Wissenschaft? Es gehört uns allen, es ist egal, wer das sagt, es ist eigentlich frei und offen für alle Leute, und wir haben einen organisierten Skeptizismus.

Wir müssen immer skeptisch sein gegenüber den Ergebnissen von anderen Leuten. Sie müssen überprüfbar sein. Und da sind publiziert sind, können wir nachgucken, das hat nichts mit Anschwärzen zu tun – also die Leute sind nicht ausgezogen, um Guttenberg einen auszuwischen, sondern jemand ist drüber gestolpert beim Rezensieren und hat festgestellt, das ist komisch. Und dann haben die Leute angefangen, weil sie gesagt haben, das ist wichtig, das ist Wissenschaft, und Wissenschaft wird nicht so betrieben, dass man Texte von anderen Leuten nimmt.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton". Debora Weber-Wulff erklärt uns die Schwierigkeit, Plagiate zu finden und zu enttarnen. Frau Weber-Wulff, wenn jemand wie Guttenberg seitenweise abschreibt und das ganz aus Versehen gemacht haben will, das müssen wir, glaube ich, wirklich nicht mehr kommentieren. Aber Sie sagten auch, es gibt Feinheiten: Man schnappt was auf, zwei Menschen machen sich eine Notiz, was sie mal gehört haben, so richtig leicht, ein Plagiat zu enttarnen, ist es anscheinend nicht. Wie bewerten Sie denn die derzeit entstandene Situation, dass jeder Prominente, jeder Politiker sich per se erst mal unter Misstrauensverdacht finden kann?

Weber-Wulff: Völlig korrekt. Wenn die Arbeiten geschrieben haben und ihr Name steht dran, dann stehen sie für die Arbeit ein. Und wenn sie nicht korrekt gearbeitet haben, dann ist es kein Versehen, das ist kein Kavaliersdelikt.

Timm: Das ist mir schon klar, aber ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass jemand, der unredlich gearbeitet hat, enttarnt werden muss, ich meine die Tatsache, dass man eigentlich schon mit einem Verdacht einer Arbeit begegnet.

Weber-Wulff: Sie sollen immer mit einem organisierten Skeptizismus rangehen an alle Arbeiten: Kann das stimmen? Es ist einfach jetzt auch in dieser Situation, wir haben fürchterlich viele Politiker und Politikerinnen in Deutschland, die wahnsinnig gern einen Doktortitel mit sich herumtragen. Wir haben sehr viele Leute in der Wirtschaft, denen das Wichtigste ist ihr Doktortitel. Wenn sie das mit sich herumtragen, dann müssen sie es sich auch gefallen lassen, haben sie auch korrekt gearbeitet oder nicht. Und wenn einer in den Verdacht kommt, dann lässt man die Arbeit kommen. Die Arbeiten sind öffentlich, die sollen nicht im Giftschrank sein, sie müssen dastehen. Wenn der Mensch mit dem Doktortitel spazieren geht, dann muss die Doktorarbeit auch dahinterstehen.

Timm: Das ist klar, aber macht der Prominentenfaktor beim Verdachtsmoment nicht vielleicht auch, dass die Regel der Unschuldsvermutung, die ja im Rechtsstaat gilt, durch das Internet auch unterlaufen wird? Ich guck mal, ob ich fünf Worte finde, und sag dann, das ist ein Plagiat?

Weber-Wulff: Das ist überhaupt keine Frage der Unschuldsvermutung hier, sondern die Arbeit steht da, die ist gedruckt, und die können wir nachgucken. Und da können wir schauen, ist das redlich oder nicht. Und wenn das eine komische Stelle gibt, dann guckt man die nach. Dass es im öffentlichen Raum stattfindet, das ist halt das, was wir mit dem Internet haben, und das ist etwas, was wir lernen müssen, wie wir mit diesem öffentlichen Raum umgehen wollen.

Timm: Und der Spagat zwischen bloßem Verdacht und einem wissenschaftlich klaren Beweis, das hat jemand plagiert, der ist nicht so groß?

Weber-Wulff: Der wissenschaftliche Beweis ist in den Wikis drin. Gucken Sie sich die Seiten an! Das ist ganz klar ein Plagiat an der Stelle. In dem Augenblick, wo der erste Mensch einen Absatz findet in einer von den Doktorarbeiten, die von woanders herkommen, und nicht Quellen angegeben sind, da ist schon der Anfangsverdacht ja da, und das ist schon ein Beleg dazu.

Und deswegen habe ich da überhaupt keine Probleme damit. Es ist interessant, (…) in dieser Liste von den Politikern, die sehr lange Liste, die inklusive Papst und Josef Ackermann mit drin sind – ich finde es sehr spannend, ich finde es gut, wenn die Arbeiten überprüft werden. Eigentlich ist der Job der Überprüfung, das ist der Job von dem ersten und zweiten Gutachter. Und so oft diese Plagiate jetzt aufgedeckt werden, sehen wir, dass die ersten und zweiten Gutachter nicht ihren Job gemacht haben. Sie haben nicht betreut, sie haben nicht nachgeguckt. Und wenn da andere Leute kommen und das machen, das ist völlig okay.

Timm: Es gibt 20.000 Dissertationen jährlich, promovieren vielleicht auch einfach zu viele, aus Eitelkeit?

Weber-Wulff: Das kann durchaus sein, weil ich finde, warum brauchen wir den Doktortitel, um ein Wirtschaftsunternehmen zu haben? Warum braucht ein Busunternehmen einen Doktortitel, warum braucht eine Puddingmanufaktur einen Doktortitel, warum brauchen Politiker einen Doktortitel? Die sollen unter ihrem eigenen Namen agieren und nicht diesem Namenszusatz, der irgendwie was bedeuten soll. Ich meine, vielleicht ergibt sich das von selber, da es so klar ist, dass so viele von diesen Doktoren anscheinend ihre Arbeiten mit einer heißen Nadel gestrickt haben – dann wird es peinlich werden für die Politiker, den Doktortitel zu führen. Und dann werden nur noch die Leute das benutzen, die es wirklich brauchen, nämlich die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Timm: Aber 20.000 Dissertationen pro Jahr, die wenigsten werden ja von Prominenten geschrieben, ist da nicht auch zu vermuten, dass unter den 20.000 viele fremde Federn sind?

Weber-Wulff: Da sind auch fremde Feder darunter. Ich weiß von vielen Fällen, aber ich kann nicht daraus schließen, wie viele es tatsächlich sind, was für ein Prozentsatz das ist. Es gibt immer wieder Fälle wie an der Universität Dortmund, wo ein Doktorand eben die Diplomarbeit vollständig übernommen hat in seine eigene Doktorarbeit, inklusive der Schreibfehler. Die Diplomandin kam auf die Idee, sie wollte gerne sehen, was aus dem Typen damals geworden ist, und sie ließ seine Arbeit kommen von der Bibliothek und ist aus allen Wolken gefallen, dass sie ihre Diplomarbeit da fand, mit seinem Namen dran, und dass er dafür einen Doktortitel kriegt für die Arbeit, die sie gemacht hat.

Timm: Also Schummeln kommt doch vergleichsweise häufig vor. Wenn man nun Ihren Kurs "Fremde Federn finden" studiert hat, wappnet man sich dann auch für eine ehrliche Promotion oder mogelt man hinterher noch besser?

Weber-Wulff: Die Arbeit ist hauptsächlich gedacht für Dozenten und Dozentinnen, die lernen sollen, Plagiate aufzudecken. Selbstverständlich können Leute das so lesen mit der Perspektive, dass sie lernen, besser zu mogeln, aber das kann ich nicht verhindern.

Timm: Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft über das freie Denken in der Wissenschaft und dem Schummeln beim Umgang damit. Frau Weber-Wulff, ich danke Ihnen!

Weber-Wulff: Ja, bitteschön!


Links bei dradio.de:
War Silvana Koch-Mehrin zu liberal mit ihrer Doktorarbeit? <br> Universität Heidelberg reagiert auf Plagiatsvorwurf
"Das ist ein Systemproblem" <br>Plagiatsgutachter Stefan Weber fordert Qualitätsoffensive im Wissenschaftsbetrieb
Alles hat sich "abgespielt im Lichte der Öffentlichkeit" <br> Medienrechtler für Veröffentlichung des Guttenberg-Berichts

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