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"Es ist fast märchenhaft, irgendwie"

Wie es sich anfühlt, Teil von Spencer Tunicks Körperskulptur zu sein

Von Michael Watzke

Auf Einladung der Bayerischen Staatsoper hat der Aktionskünstler Spencer Tunick mitten in München eine seiner berühmten Körperinstallationen inszeniert. 1700 Nackte bilden einen Ring vor der Münchner Staatsoper, einer davon unser Korrespondent. Er und andere Kunstbegeisterte berichten von ihren Erfahrungen.

München, heute morgen um kurz vor drei in der Früh. Ich stehe frierend hinter der bayerischen Staatsoper. In einer Schlange von 2000 Menschen. Neben mir klappert Christiane mit den Zähnen. Eigentlich will sie nicht in mein Mikrofon sprechen:

""Ausziehen okay, aber reden: nein danke!"

Aber dann bringe ich Christiane doch zum Erzählen. Sie ist eine kleine, zierliche Münchnerin, 46 Jahre alt und Liebhaberin nackter Kunst:

"Ich kenn diese Bilder von Spencer Tunick und fand die schon immer gut. Und dann die Tatsache, dass der hier in meiner Stadt ist, das fand ich total toll. Und dann hab ich erstmal gemerkt, was da für Diskussionen entstehen, sich nackt hinzustellen. Und dann Wagner! Ausziehen! Da kamen alle möglichen Diskussionen. Ich hab mich da sehr zurückgehalten in den letzten Wochen."

München und die Nackerten – ein Kapitel für sich. Schon König Ludwig der Erste beschwerte sich über den Körperkult in der bayerischen Landeshauptstadt. Auch heutzutage ziehen viele Münchner die Augenbrauen hoch, wenn Sonnenanbeter im Englischen Garten alle Hüllen fallen lassen. Deshalb ist Christiane an diesem Morgen überrascht über die 2000 Freiwilligen, die mit uns in einer langen Schlange darauf warten, sich nackig zu machen:

"Ich hätt' jetzt eher gedacht, in Berlin oder Köln wär' das unproblematischer. München ist doch eher Schickimicki nach außen, aber eher ... zurückhaltend. Hätt' ich nicht gedacht, dass sie sich so begeistert zeigen, in der Masse."

Die Menschenschlange schiebt Christiane und mich durch die Dunkelheit zum Marstallplatz hinter der Oper. Dort bekomme ich an einer Sicherheitsschleuse von einer Ordnerin einen kleinen Topf mit Farbe. Und Instruktionen:

"Das ist Rot für Deinen Körper. Bieg bitte nach links ab. Viel Spaß!"

"Danke."

Ich lese das Formular durch, mit dem ich – wie alle Teilnehmer - meine Rechte am eigenen Bild abtrete. Ich zögere kurz. Aber Christiane lacht nur, während Sie die Anweisungen liest:

"Hallo, es ist keine Kundgebung und keine Party. Halten Sie sich strikt an die Anweisungen, die aus dem Megafon kommen"

"Und vor allen Dingen den Satz find ich am besten: 'Ziehen Sie sich erst aus, wenn Sie dazu aufgefordert werden'."

"Was aber wahrscheinlich nicht ganz verkehrt ist... "

In der Tat. Manche Teilnehmer reißen sich gleich hinter der Sicherheitsschleuse die Kleider vom Leib. Andere, wie ich, sind irgendwie gehemmt. Marie aus Dänemark gehört eher zur ersten Kategorie.

Sie trägt nur noch eine dünne Südafrika-Fahne um den Leib:

"Es ist, dann können wir uns alle leichter finden. Wir sind Couch-Surfer, wir kennen einander nicht. Und damit wir uns finden könne, hab ich meine Flagge mitgebracht."

Ich ziehe erst mal mein T-Shirt aus und warte. Christiane schaut sich das Töpfchen mit der Farbe genauer an:

"Boah, das ist ja Wahnsinn. Knallrot. Sehr rot."

"Dann warten wir mal auf Anweisungen!"

In der Mitte des Platzes, zwischen den roten und den goldenen Teilnehmern, baut ein stämmiger Glatzkopf eine Klappleiter auf, klettert nach oben und spricht in ein Megafon.

"Thank you all for coming”

"Here is the man you have all come to see: Mister Spencer Tunick!"

Spencer Tunick, der Künstler aus Amerika, fordert uns auf, uns nun auszuziehen und die Farbe auf dem Körper zu verteilen. Und zwar überall. Sogar unter den Fußsohlen, in den Haaren und in der Poritze. Gerne würde ich Spencer Tunicks Anweisungen aufnehmen. Aber das ist nicht erlaubt. Ich muss mein Aufnahmegerät ausschalten, während um mich herum alle Nackten zu roten Aliens werden.

Ich vergesse, dass ich nackt bin – und schleiche mich heimlich auf die andere Seite, zu den goldenen Teilnehmern. Die sehen in ihrer Nacktheit wie metallische Statuen aus. Etwa die Studentinnen Mira und Fumi:

"Wir sind Gold, wir waren schon ganz früh da und freuen uns sehr. Wir haben gehört, wir sin die 'special people!. Denn wir sind viel weniger als die Roten auf der anderen Seite."

"Ich hab gehört, dass die, die golden sind, müssen sich stapeln, um sozusagen einen Schatz darzustellen. Da ist doch in der Nibelungensage was mit Schatz oder so."

"Das Rheingold."

"Genau! Wer weiß, vielleicht. Auf jeden Fall stand irgendwo, dass sich goldene Körper übereinanderstapeln vor der Staatsoper. Stapeln find ich jetzt auch nicht so so cool, ehrlich gesagt."

"Du weißt nicht, was die anderen machen müssen."

"Wir haben schone eine Taktik entwickelt: Wir legen uns ganz oben drauf."

Die Taktik wird nicht aufgehen. Vier Stunden später liegen wir alle, Rote und Goldene, kreuz und quer in einem Meer aus Leibern. Anfangs hatten wir unter Spencer Tunicks Anweisung einen Ring um das Max-Joseph-Denkmal vor der Staatsoper gebildet. Doch dann sollten wir uns alle fallen lassen. Und da war es vorbei mit jeglicher Privatsphäre. Aber weil uns allen nach vier Stunden ohne Kleidung schon so kalt war, tat die Körperwärme der fremden Nachbarn fast wohl. Dass ich nackt bin, hatte ich da schon längst vergessen. Es kommt mir erst wieder in den Sinn, als ich Spencer Tunick später doch noch interviewe.

Er spricht von einem farbenfrohen Gemälde der Erotik und Sexualität des nackten Körpers:

"It's like making a colourful painting with the titillation of the body and the eroticism and the sexuality of the naked figure. You jump into the colour, and your mind drifts to the bodies an onward.”"

Tatsächlich bin ich in eine Farbe geschlüpft. Fünf Stunden lang war ich ein rotes Ampelmännchen – mit einem Bauchansatz, den ich immer dann einzog, wenn Spencer Tunick "Freeze" rief und auf den Auslöser drückte. Einmal lag ich rotes Ampelmännchen auf dem Mittelstreifen der sechsspurigen Leopoldstraße. "Davon wirst Du noch Deinen Enkelkindern erzählen, sagte der rote Mann neben mir:

""Ich wollte einmal Gruppenerlebnis mit vielen nackten Menschen erleben. Und an einem Kunstprojekt, das wahrscheinlich einmalig ist in meinem Leben, teilnehmen. Und mich in der Stadt auch nackt bewegen. Was das für ein Gefühl ist! Und es ist fast märchenhaft, irgendwie."

"Es war schön, aber ziemlich frisch. Ich freu mich jetzt auf eine warme Badewanne."

Ich freu mich vor allem auf den Foto-Print, den Spencer Tunick jedem Teilnehmer als Dankeschön zuschicken will. Ich hoffe, dass ich mich unter den 2000 Teilnehmern darauf entdecke. Aber dann wiederum: hoffentlich nicht zu deutlich.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Der Anti-Christo: Ausziehen für Wagner - Spencer Tunick fotografiert bei den Münchener Opernfestspielen 1700 Nackte, (DLF, Kultur heute vom 23.6.2012)



Mehr bei deutschlandradio.de

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Der Anti-Christo

 

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