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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.10.2010

"Es ist ein weißer Totalitarismus"

Autor Antonio Tabucchi über Italien unter Berlusconi

Antonio Tabucchi im Gespräch mit Frank Meyer

Silvio Berlusconi (AP)
Silvio Berlusconi (AP)

In Silvio Berlusconis Italien gebe es formal zwar noch die Demokratie, aber keinen Platz mehr für die freie Meinungsäußerung, sagt der italienische Erfolgsschriftsteller Antonio Tabucchi. Die Medienkonzentration sei wirksamer als klassische Zensur.

Frank Meyer: Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi ist immer wieder im Gespräch für den Literaturnobelpreis. Er ist einer der prominentesten europäischen Autoren, spätestens seit seinem auch bei uns sehr bekannten Roman "Erklärt Pereira". Im Moment ist Tabucchi in Deutschland unterwegs, um sein neues Buch "Die Zeit altert schnell" vorzustellen.

In Italien ist dieses Buch in ganz kurzer Zeit an den neuen Titeln von Andrea Camilleri, Stieg Larsson und Umberto Eco vorbei an die Spitze der Bestsellerliste geklettert. Die Erzählungen spielen in ganz verschiedenen europäischen Ländern, in der Schweiz, in Italien, in Portugal. Oft schauen sie zurück in die osteuropäischen Länder vor dem Fall der Mauer, nach Ungarn und Rumänien, Polen, Russland und die DDR.

Ich habe vor der Sendung mit Antonio Tabucchi gesprochen und ihn zuerst gefragt: Wie kommt es denn, dass dieser Teil der europäischen Geschichte, die sozialistischen Diktaturen Ihnen wieder so stark in den Sinn gekommen sind?

Antonio Tabucchi: In diesen Erzählungen geht es um Europa. Wir haben kürzlich den Fall der Mauer von Berlin erlebt, und es ist so, als träten jetzt Länder zu uns zurück, die sozusagen im Gefrierfach der Geschichte waren. Auch sie sind europäische Länder, sie waren Angehörige des Westens, aber sie waren sozusagen eingefroren, sie schienen nicht mehr zu uns zu gehören. Sie schienen in ihrer eigenen Zeit zu leben.

Nach dem Fall der Mauer kommen sie jetzt wieder zu uns, sie schließen sich mit uns zusammen. Es ist, als strömten zwei Flüsse ineinander. Und aus diesem Grunde ergeben sich ganz vielfache menschliche, soziale, politische Verwerfungen. Die verschiedenen Zeiten strömen jetzt ineinander. Und genau das ist das Thema der Erzählungen.

Meyer: Ich würde gerne mal ein Beispiel herausgreifen, das ich besonders interessant fand: Die Erzählung "Festival", die führt zurück ins kommunistische Polen, und sie formuliert eigentlich auf eine bestimmte Lesart eine sehr große Hoffnung, was die Kunst angeht, die Möglichkeiten der Kunst angeht.

Es geht da um politische Prozesse in Warschau, und da erkämpft sich ein polnischer Dokumentarfilmer das Recht, die Gelegenheit, bei diesen Prozessen zu filmen. Und angesichts der Filmkamera, die bei den Prozessen dabei ist, fällen die Richter deutlich mildere Urteile. Und die Erzählung, die könnte einem sagen: So viel Macht hat Kunst beziehungsweise Öffentlichkeit, wenn sie zum Zeugen der Ungerechtigkeit wird. Ist das etwas von Ihrem Glauben an die Kunst?

Tabucchi: Nein, ich glaube an die Macht des Blickes. Wenn man den Tatsachen ins Auge schaut, verändert das die Wirklichkeit. Folter erfolgt stets im Verborgenen. Die Vergewaltigungen von Kindern geschehen in abgeschlossenen Gebäuden. Wenn jemand zuschaut, verändert er das, was geschieht. Das ist die Demokratie: hinschauen zu können.

Meyer: Es geht auch in einer anderen Geschichte um das Hinschauen wiederum auf eine ganz andere Weise, eine Geschichte, die uns vielleicht hier in Deutschland besonders nah ist, weil sie in Berlin spielt. Die Geschichte heißt "Die Toten bei Tisch". Man lernt da einen früheren Spitzel kennen, der auf Bertolt Brecht angesetzt war.

Die Geschichte führt hin ans Grab von Brecht, da steht dann dieser Spitzel viele, viele Jahre nach dem Tod von Bertolt Brecht, und man bekommt mit, dass er eigentlich über das Leben seiner Zielperson, über den Menschen, den er beobachtet hat, viel, viel mehr weiß, als er über sich selbst weiß, über sein eigenes Leben weiß. Was hat Sie interessiert an so einer Figur, an diesem Spitzel?

Tabucchi: An dieser Figur hat mich interessiert, dass dieser Mensch eigentlich kein Betrachter war, sondern ein Spitzel, ein Spion. Er hat heimlich hinterher spioniert. Das ist etwas anderes als das Beobachten. Er war sozusagen Voyeur. Er glaubt, jemandem hinterherzuspionieren, aber er wird selbst ausgeforscht. Und was mich besonders daran interessiert, weil ich glaube, dass wir dieses Gefühl alle irgendwo teilen, ist dieses Heimweh nach der Vergangenheit, dieses Heimweh nach der Vergangenheit.

So glaubte ich bis zu einem bestimmten Punkt in meinem Leben erstrecke sich auf etwas Schönes in der Vergangenheit, was ich erlebt habe. Im Laufe meiner Erlebnisse, und auch durch die Bekanntschaft mit vielen Menschen ist mir nach und nach klar geworden, dass dieses Heimweh nach der Vergangenheit im Grunde ein leerer Behälter ist, und jeder tut das in den Behälter hinein, was er eben hat.

Und dieser Herr hat eigentlich Heimweh nach der Berliner Mauer. Diese Sehnsucht nach der Vergangenheit ist im Grunde neutral, man kann nach etwas Gutem sich zurücksehnen, aber auch nach etwas Schlechtem. Die menschliche Seele ist eben zutiefst verworren.

Meyer: Es gibt eine andere Geschichte, in der eine bestimmte Nostalgie auftaucht, gebündelt in einem Satz, nämlich in dem Satz: "Erinnerst du dich, wie schön Italien war?" Das ist in der einzigen Erzählung dieser neun Geschichten, die in Italien spielt. Und in diesem Zusammenhang dieses Satzes, "Erinnerst du dich, wie schön Italien war?", fällt zwar der Name Berlusconi nicht, aber es wird ganz klar, dass es da um die Berlusconisierung Italiens geht.

Wie ist das für Sie, was besorgt Sie am meisten an dieser langanhaltenden Macht von Silvio Berlusconi über Italien?

Tabucchi: Was mich besorgt stimmt, ist nicht so sehr der politische Umstand, was mit meinem Land geschieht, sondern anthropologisch gesehen, die Veränderung. Ich bin nun doch schon vorgerückten Alters und kann begreifen, wie diese lange politische Machtausübung das Grundgefüge, die anthropologische Verfasstheit des Landes verändert hat.

Ich habe ein sehr schönes Italien kennengelernt, die Italiener selbst waren und sind auch schöne Menschen. Vielleicht erinnern Sie sich des Italiens der 50er-, 60er-Jahre in bestimmten Filmen. Die Gesichter der Menschen waren schön, die Worte der Menschen waren schön, auch bei den Ungebildeten, die nicht lesen und schreiben konnten – wenn sie den Mund aufmachten, kam etwas Schönes heraus. Mit dem Titel eines alten Filmes könnte man sagen, sie waren arm, aber schön.

Meyer: Was hat sie jetzt verändert? Wenn Sie sagen, eine anthropologische Veränderung Italiens, also eine grundsätzliche Veränderung der Menschen – was hat das bewirkt?

Tabucchi: Wenn Sie sich mal anschauen, welches Italienisch im Fernsehen gesprochen wird, da muss ich sagen: Die italienische Sprache wird gerade vor die Wand gefahren. Und wenn man als Lehrer vor die jungen Menschen tritt, dann sieht man als deren einziges Lebensziel, zu essen und Geld zu machen, und das spiegelt sich auch im körperlichen Gepräge wieder.

Das Gesicht dieser Menschen ist das Gesicht von Menschen, die eben darauf erpicht sind, zu essen und Geld zu verdienen. Der Seelenzustand spiegelt sich doch auch im Antlitz wieder, das wissen wir seit den alten Griechen.

Meyer: Sie haben sich mehrfach öffentlich eingesetzt gegen die Politik von Berlusconi. Sie sind dafür von Berlusconi-treuen Medien geschmäht worden als Anti-Italiener, als Export-Intellektueller, so wurde es zumindest in deutschen Zeitungen berichtet. Empfinden Sie das für sich als eine Art Pflicht, sich in dieser Situation als prominenter Intellektueller auch öffentlich einzusetzen?

Tabucci: Ja, mit dem mir zu Gebote stehenden Mittel als Schriftsteller, mit dem Wort. Berlusconi ist der Anti-Italiener, weil er dem Land schadet. Er verfolgt nur seine eigenen Interessen, und alle totalitären Regimes haben stets die oppositionellen Schriftsteller als Vaterlandsfeinde verschrien. Pasternak zum Beispiel galt als anti-sowjetisch, Thomas Mann als undeutsch, Eugenio Montale während des Faschismus als unitalienischer Schriftsteller.

Meyer: Wenn ich Sie reden höre, dann denke ich auch wieder an die Themen Ihrer Erzählungen, eben was ich vorhin gesagt habe, dass so viele zurückschauen auf diese Zwangssysteme, auf auch Zeiten gleichgeschalteter Medien damals in den sozialistischen Diktaturen. Wenn man an die große Medienmacht Berlusconis in Italien zum Beispiel denkt – gibt es da für Sie auch Zusammenhänge, die vielleicht auch diese Erinnerungen mit bewirkt haben an eigentlich längst überwunden geglaubte Zeiten?

Tabucci: Natürlich: Die Dinge ändern sich, sie schauen anders aus, bleiben aber im Wesentlichen dasselbe. Vor 60 Jahren im deutschen Nationalsozialismus oder im italienischen Faschismus gab es eine Zensurkommission für die veröffentlichte Meinung. Heute ist das nicht mehr nötig: Wenn eine Zeitung gegen Berlusconi schreibt, dann kauft er sie einfach. Er hat alle Zeitungen oder fast alle Zeitungen gekauft. Das ist sehr viel wirksamer als die Zensur. Er hat alle Fernsehsender gekauft, das ist wirksamer als die Zensur.

Meyer: Das heißt, Italien heute hat für Sie Züge eines totalitären Landes?

Tabucci: Es ist ein weißer Totalitarismus. Es gibt zwar noch formal gesehen die Demokratie, man kann zum Wählen gehen, aber man kann nicht öffentlich das sagen, was ich zum Beispiel hier jetzt sage. Das kann ich im italienischen Radio nicht sagen. Es gibt keinen Platz mehr für diese Meinungsäußerung.

Meyer: Ich habe in einem Interview gelesen, dass Sie gesagt haben, Sie hätten mit jedem Mal mehr Angst, dass Sie Ihre italienische Heimat weniger erkennen und dass auch Ihre italienische Heimat Sie immer weniger erkennt, was so danach klingt, als wäre der Abschied von Italien etwas, was Sie gar nicht mehr so für sich ausgeschlossen sehen.

Tabucchi: Nein, so würde ich das nicht sagen. Es ist nicht so wie bei Peter Weiß mit dem "Abschied von den Eltern", sagen wir mal eher so: Es herrscht eine gewisse Angst, eine Angst, die immer schon da war, eine gewisse Ansteckung. Und das ist höchst gefährlich. Sagen wir mal, es nistet sich eine bestimmte Idee ein und man hat Angst davor, dass die sich ausbreitet.

Es erinnert mich an Hermann Hesse, Hermann Hesse, der Deutschland verlassen hat und der Schweizer Staatsbürger war, während Thomas Mann noch in Deutschland verblieben war. Die beiden standen in Kontakt miteinander. Hermann Hesse lag natürlich das Schicksal Deutschlands weiterhin sehr am Herzen, sie führten einen regen Briefwechsel, sie behandelten einander mit großer Förmlichkeit, mit Höflichkeit, wie es damals üblich war. Und ich erinnere mich eines der letzten Briefe von Hesse an Thomas Mann, wo er sagt: Lieber Thomas Mann, ich danke Ihnen sehr, dass Sie mein Zeitgenosse sind.

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