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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.05.2013

"Es ist ein Gemeinschaftserlebnis"

Sarah Wiener über die Freude am Kochen

Moderation: Thorsten Jabs

Star-Köchin Sarah Wiener (dpa / pa / Wagner)
Star-Köchin Sarah Wiener (dpa / pa / Wagner)

Auf dem Evangelischen Kirchentag hat Star-Köchin Sarah Wiener die Besucher mit einer Kochschow unterhalten. Wir sprechen mit ihr über eigenverantwortliches Essverhalten, Kochunterricht für Kinder und leckere Rezepte mit sechs Monate altem Brot.

Philipp Gessler: Was sollen wir essen? Eine gute Frage in diesen gesundheitsbewussten Zeiten, früher ging es mehr ums Überleben. Jesus hat dem Matthäus-Evangelium nach seinen Anhängern geraten: Macht euch keine Sorgen, fragt nicht, was sollen wir essen, was sollen wir trinken, was sollen wir anziehen, denn damit plagen sich die Menschen dieser Welt herum. Euer Vater weiß doch, dass ihr das alles braucht.

Dem Kirchentag mangelt es nicht an Gottvertrauen, dennoch wird hier unter diesem Titel eine Veranstaltung angeboten: Was sollen wir essen? Organisiert hat sie die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland. Es ist eine Kochshow mit einer prominenten Köchen, Sarah Wiener. Dazu schalten wir nun in die Friedrich-Ebert-Halle hier in Hamburg zu unserem Reporter Thorsten Jabs. Herr Jabs, läuft Ihnen schon das Wasser im Mund zusammen?

Thorsten Jabs: Ja, noch nicht so ganz, aber wenn man hier südlich der Elbe um das Friedrich-Ebert-Gymnasium herumgeht, dann ist hier schon die Hölle los mit Konzerten, Spiel- und Informationsständen. Vor der Theaterbühne der Schule werden wohl gleich hunderte Gäste auf den Plüschsitzen Platz nehmen, in etwa einer Viertelstunde geht die Veranstaltung rund um bewusste Ernährung mit einem Blick über den Tellerrand los. Mit dabei sind unter anderem die Präsidentin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, und eben, Sie haben es gesagt, die bekannte Autorin und Köchin Sarah Wiener, die jetzt hier neben mir steht. Frau Wiener, wie bringen Sie für sich ganz persönlich Kirchentag und Küche, also Kochen und gesunde Ernährung zusammen?

Sarah Wiener: Sie sagen das so, da muss ich gleich an Küche, Kirche, Kabinett denken. Es ist mein erster Kirchentag hier und ich bin sehr gespannt, was mich gleich erwarten wird. Bis jetzt war ich ja mehr so eine Einzelkämpferin und habe seit dieser Einladung nachgedacht, dass ich ja eigentlich mit der Kirche oder mit den christlichen, abendländischen Werten sehr, sehr viel gemein habe, was mir bis jetzt selber noch gar nicht so aufgefallen ist. Ich muss aber sagen, ich vermisse schon ein bisschen die Institution Kirche, die sich mehr darum kümmert, was unser Essverhalten für eine Auswirkung auf andere Menschen und auf die Böden, auf die Natur, auf die Schöpfung schlechthin hat. Da ist sie mir zu wenig präsent, muss ich sagen.

Jabs: Ich kann mich noch gut an meinen Kochunterricht zu Schulzeiten erinnern, aber mehr als lustiges Gemeinschaftserlebnis. Brauchen wir in Deutschland eine bessere Kocherziehung oder auch Kochausbildung?

Wiener: Na ja, 60 Prozent aller Amerikaner sollen schon nicht mehr kochen können. Wir haben schon eine überwiegend bald nicht mehr Minderheit, sondern Mehrheit, die nicht mehr kochen kann. Kochen ist das erste Kulturgut und der Eckpfeiler für Selbstbestimmung, um den eigenen Körper und den Geist zu stählen. Kochen ist weit mehr als nur lustvoll und sinnlich sich wohl zu nähren und Spaß zu haben, sondern ich glaube tatsächlich, dass Kochen auch etwas mit Verantwortung, mit Eigenverantwortung, mit Selbstliebe zu tun hat. Und deswegen fände ich es natürlich sehr angebracht, wenn wir das Fach Kochen wieder einführen würden.

Jabs: Aber Spaß gehört ja bestimmt auch dazu, und durch ihre Stiftung für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen sind Sie ja auch Kochen mit Kindern gewohnt. Wie sind da Ihre Erfahrungen, wie schwer ist es zum Beispiel, Kinder und Jugendliche fürs Kochen zu motivieren?

Wiener: Die muss man eigentlich gar nicht motivieren. Die haben so einen Spaß und eine Freude, etwas eigenes zu erschaffen, und dieses eigene Werk dann ratzfatz verputzen zu dürfen, dass ich immer da sitze und denke, mein Gott, es ist so einfach, Kinder glücklich zu machen und sie trotzdem selber in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, und sie auch unabhängiger und kritischer gegenüber allem anderen zu machen. Die Kinder zum Kochen zu bringen, das ist eher ein Vergnügen, ein Spaziergang als wirklich Arbeit.

Jabs: Was ist das besondere daran, was erleben Sie da zum Beispiel?

Wiener: Ich merke, dass Kinder sich einfach freuen, praktisch mit allen Sinnen arbeiten zu können, zu dürfen, spielen zu dürfen, kreativ sein zu dürfen, ihre Feinmotorik zu spüren, aber auch ganz unaufgeregt miteinander zu kommunizieren und zu teilen und handwerklich zu arbeiten. Also es ist ja so viel mehr als nur Kochen, es ist einfach ein Gemeinschaftserlebnis, und man tut sich selber etwas Gutes, und man tut vielleicht auch den Menschen, die man mag, etwas Gutes. Und das sind so ganz befriedigende atavistische Werte, die wir gar nicht mehr so als Werte anerkennen.

Jabs: Ja, und dann natürlich noch die wichtige Frage, was gibt es denn heute auf der Bühne zu essen?

Wiener: Ja, heute habe ich ein halbes, sechs Monate altes Weißbrot und Schwarzbrot mitgebracht, weil wir in einer Gesellschaft leben, die so viele Lebensmittel wegschmeißt, und die meisten wissen gar nicht, was sie damit alles Leckeres machen können. Und das möchte ich heute den Jugendlichen zeigen, dass es köstliche, süße, salzige Sachen gibt, die man mit altem Brot machen kann, und dann glücklich ist und dann auch noch was für die Umwelt macht.

Jabs: Und auch mit so altem Brot kann man noch leckere Gerichte machen, wenn ich mal also ganz naiv fragen darf?

Wiener: Sehen Sie? Also ich empfehle Ihnen auch, dass Sie mal gleich runterkommen und zuschauen. Ja, es gibt ganz einfache Rezepte, die wirklich jeder hinkriegt, und ich bin sehr sicher, dass Sie sich danach alle zehn Fingerchen lecken würden.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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