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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.02.2010

"Es ist ein ernstzunehmendes Problem"

Psychiater Möller über Internetsucht bei Jugendlichen

Christoph Möller im Gespräch mit Dieter Kassel

Wenn Jugendliche sich im World Wide Web zu verlieren drohen, sollten Eltern und Erzieher eingreifen.
Wenn Jugendliche sich im World Wide Web zu verlieren drohen, sollten Eltern und Erzieher eingreifen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Jugendliche, die im "realen Leben" wenig Freunde finden, suchen im Internet Anerkennung und Bestätigung. Das sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Christoph Möller. Diese Jugendlichen seien dann in Gefahr, eine Internetsucht zu entwickeln. Wichtig sei, dass Eltern und Erzieher im Kontakt mit dem Kind blieben und andere Angebote unterbreiteten. "Kinder und Jugendliche brauchen nicht das Internet als Gegenüber, sie brauchen ein menschliches Gegenüber, mit dem sie sich auseinandersetzen können".

Dieter Kassel: Jeder zwölfte Jugendliche sei süchtig nach Computerspielen oder dem Internet, so stand es neulich in einer großen deutschen Tageszeitung. Und da stellt sich natürlich die Frage: Was soll das heißen – nicht nur diese Zahl, sondern: Wann ist man eigentlich süchtig nach dem Internet? Ist ein Jugendlicher, der jeden Tag eine Stunde mit Freunden chattet, schon gefährlich, oder muss man sich da ganze Nächte um die Ohren schlagen? Und was genau muss man eigentlich tun, bevor ein Arzt einem idealerweise helfen sollte?

Jungs wie Kevin wird in Hannover und Umgebung auf dem "Teen Spirit Island" geholfen. So heißt die Suchtstation des Kinderkrankenhauses auf der Bult, und dort wird eben jede Art von Sucht behandelt. Die klassischen Süchte nach Substanzen, wie wir sie alle kennen – Alkohol und illegale Drogen – genauso wie eben auch die Computersucht. Geleitet wird das "Teen Spirit Island" von dem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Christoph Möller, und der ist jetzt für uns am Telefon. Guten Tag, Herr Möller!

Christoph Möller: Guten Tag!

Kassel: Was unterscheidet denn nun diese konkrete Sucht, wie wir sie gerade an dem Beispiel gehört haben, von zum Beispiel Spielsucht? Denn Spielsucht kennen wir ja und dieser Junge war ja auch süchtig nach diesem Spiel "World of Warcraft".

Möller: Nun, die Computer- und Internetsucht ist bisher eine nicht anerkannte Sucht, sodass sie nicht in den Diagnosekriterien auftaucht. Es sind aber überwiegend Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich drohen, in diesen Weiten des World Wide Web zu verlieren oder auch in dem Spiel "World of Warcraft", die alles vernachlässigen, sich nur noch mit dem Spiel beschäftigen, die Körperhygiene vernachlässigen, die Schule vernachlässigen, in der Regel keine oder wenig Freunde haben, die Freunde eher im Netz finden und hier Anerkennung und Bestätigung finden. Und all das fehlt in der Regel im realen Leben, sodass sie hier etwas finden, was sie im realen Leben nicht finden.

Kassel: Kann das nur bei Spielen passieren oder zum Beispiel auch einfach nur bei Aufenthalten in Chatrooms oder anderen Dingen, die man im Internet tun kann?

Möller: Nun, die Jungs, oder die männlichen Jugendlichen neigen dazu, eher ein kampfbetontes Rollenspiel oder Strategiespiele zu spielen, die Mädchen neigen dazu, eher zu kommunizieren. Auch beim Kommunizieren im Internet oder Chatrooms kann es zu suchtähnlichem Verhalten kommen, dass man sich nur noch in den virtuellen Räumen begegnet, nur noch in den virtuellen Räumen aufhält. In der Regel sind es aber eher die Jungs, die hier betroffen sind.

Kassel: Wie merken Eltern das, wo ist irgendwann eine Grenze erreicht? Nehmen wir mal an, wenn jemand von der Schule kommt und jeden Tag eine halbe Stunde spielt, dann mag man sich beschweren, dass der keine Hausaufgaben macht, aber das ist doch wohl noch keine Sucht?

Möller: Nun, dagegen ist nichts einzuwenden. Es gehört heute dazu, dass die Jugendlichen sich mit den Neuen Medien auseinandersetzen, hier auch Fähigkeiten erlernen. Aber wenn ein Jugendlicher droht, die Nacht zum Tage zu machen, alles vernachlässigt, keine Hobbys mehr pflegt oder keinen Hobbys mehr nachgeht, es ohnehin schwer hat, im realen Leben Kontakte und Freundschaften zu pflegen, die Schule vernachlässigt, eventuell gar nicht mehr in die Schule geht, die Körperhygiene vernachlässigt, sich komplett aus dem sozialen Familienleben und sonstigen Sozialleben zurückzieht, dann droht das Ganze in eine Sucht eventuell abzugleiten, und dann ist doch Hilfe angezeigt.

Kassel: Was sollten Eltern dann tun?

Möller: Es gibt zunehmend mehr Beratungsstellen, die für derartige Probleme auch sensibel werden, das heißt sich an einen zuständigen Kinder- und Jugendpsychiater, an eine Drogenberatungsstelle wenden und gegebenenfalls auch zu uns hier nach Hannover kommen, um sich dann auch stationär helfen zu lassen, wenn es notwendig erscheint.

Kassel: Aber kann man nicht als Vater oder als Mutter schon vorher sinnvoll eingreifen? Ich nehme mal an, einfach den Computer ausmachen bringt es noch nicht, aber was kann man denn tun, wenn man das Gefühl hat: Es entwickelt sich eine Sucht – sie hat sich vielleicht noch nicht voll entwickelt, aber es sieht danach aus?

Möller: Nun, das Wichtigste ist, Kinder und Jugendliche brauchen nicht ein Medium oder einen Computer, das Internet als Gegenüber, sie brauchen ein menschliches Gegenüber, mit dem sie sich auseinandersetzen können, an dem sie sich reiben aber letztlich auch entwickeln können. Denn unsere Persönlichkeit entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber. Und genau da sind Eltern, Lehrer, Freunde wichtig.

Das heißt, man sollte wissen, was sein Kind macht, im Kontakt mit dem Kind sein und hier auch andere Angebote anbieten. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger sind die Eltern, und bei den Jugendlichen geht es zumindest darum, sich in die Auseinandersetzung zu begeben Und dann kriegt man in der Regel auch frühzeitig mit, wenn ein Jugendlicher droht, sich in diesen Welten komplett zu verlieren.

Kassel: Nun ist es bei den Süchten, die nichts mit Substanzen zu tun haben, die eingenommen werden, immer so, dass ich mich frage: Warum erwischt es den einen und den anderen nicht? Das ist ja schon bei der Spielsucht so, einer geht in die Spielbank, findet das ganz lustig, hört aber rechtzeitig wieder auf und geht nach Hause, der andere entwickelt auch da eine Sucht. Ist das bei den Computern nicht genauso, dass manche viel damit zu tun haben können und trotzdem nie abhängig werden?

Möller: Der Großteil der Jugendlichen, die derartige Spiele nutzen, werden nicht abhängig, ähnlich wie bei den Substanzen auch. Viele trinken einmal Alkohol, ohne davon abhängig zu werden. Es gibt aber Jugendliche, die Grundprobleme, Grundstörungen haben, das sind häufig im Computer- und Internetbereich depressive Störungen, Angststörungen, sozialphobische Störungen, sprich: im sozialen Miteinander Ängste zu haben, nicht zurechtzukommen, keine Kontakte aufbauen und halten zu können. Und diese Jugendlichen, diese Ängste werden wunderbar im Internet bedient, indem man eben Kontakte pflegen kann, ohne real in Kontakt gehen zu müssen, indem man vergessen kann, abschalten kann. Und wenn derartige Grundprobleme und ein exzessiver Computergebrauch hinzukommen, dann droht eben das Ganze abzugleiten, und dann ist eventuell auch eine Behandlung angezeigt.

Kassel: Bei diesem Beispiel Kevin haben wir vorhin gehört, dass der mit sechs Jahren das erste Mal mit Computern in Berührung kam, wir haben am Freitag mit dem Hirnforscher Manfred Spitzer über Kinder und Computer geredet, und der hat – er neigt ja zu klaren Ansagen – der hat gesagt, seiner Meinung nach gehören Kinder, die jünger als zwölf sind, überhaupt nicht vor den Computer. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Möller: Nun, wir haben heute Realitäten, wo es wahrscheinlich nicht möglich ist, die Kinder immer davon fernzuhalten. Aber der Computer ist im Kleinkindalter vor allem, und im frühen Schulalter, nicht das Medium, in dem gelernt wird. Die Kinder gehören raus auf den Spielplatz, die Kinder müssen sich bewegen, die Kinder müssen im sozialen Miteinander zurechtkommen, und wir wissen, dass all diese Dinge – wie zum Beispiel Auf-Bäume-Klettern – förderlich sind für die mathematischen Fähigkeiten im späteren Leben. Und diese Dinge drohen, vernachlässigt zu werden, wenn man den Computer zu sehr in den Fokus der Lernaufmerksamkeit stellt.

Kinder lernen in der Regel relativ schnell, mit diesen Medien umzugehen. Und wenn sie gelernt haben, adäquat mit anderen Dingen auch Probleme zu lösen und Beziehungen aufzubauen, dann ist die Gefahr später nicht so groß, sich in diesen Weiten des World Wide Web zu verlieren, auch wenn man das Ganze vielleicht vorübergehend mal exzessiver betreibt.

Kassel: Wenn es nun aber wirklich passiert ist, wenn es soweit gekommen ist wie in diesem Beispielfall Kevin, was machen Sie dann bei Ihnen im "Teen Spirit Island"?

Möller: Nun, die Jugendlichen müssen erst einmal wieder lernen, eine klare Tagesstruktur zu verinnerlichen, also über die äußere Struktur eine innere Struktur zu entwickeln; es geht darum zu lernen, im sozialen Miteinander anders zurechtzukommen durch vielfältige gruppentherapeutische Angebote; es geht um die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Grundstörung, sprich: der Depression, der Angststörung, der sozialen Phobie. Es geht darum, Körpererleben, Selbstwertstärkung zu vermitteln zum Beispiel durch Hallen- und Felsenklettern, wo man sich selbst erlebt, im sozialen Miteinander etwas gemeinsam meistern muss; um Sinnvermittlung letztlich im Gespräch mit dem Therapeuten, mit den Bezugspersonen.

Und dann auf Dauer auch um einen kontrollierten Umgang mit dem Medium. Weil es kann nicht Ziel sein, dass die Jugendlichen nie mehr mit dem Computer etwas zu tun haben, das entspricht nicht der sozialen und gesellschaftlichen Realität, sondern dass man das Ganze eben nutzen kann zum Beispiel zum Bewerbungschreiben, Informationssuche, zum Kommunizieren in dem Rahmen, ohne dass man sich darin zu verlieren droht.

Kassel: Wie lange dauert das in der Regel, bis jemand gelernt hat, mit dem Computer wieder normal umzugehen?

Möller: Nun, es geht ja nicht nur um das Lernen, mit dem Computer normal umzugehen, sondern primär um die Behandlung der Grundstörung und Gewohnheitsänderung. Sich andere Dinge anzueignen braucht in der Regel lange Zeit, sodass wir in der Regel Behandlungszeiten von einem halben Jahr und länger haben, um hier wirklich ein anderes Fundament für ein selbstbestimmtes Leben schaffen zu können.

Kassel: Da Sie ja nun so ziemlich alle Süchte bei Kindern und Jugendlichen behandeln, haben Sie einen gewissen Überblick? Weil es gibt viele Zahlen, die alle nicht sehr genau sind – ist das wirklich unter deutschen Jugendlichen ein richtig großes Problem, die Computer- und Internetsucht, oder doch eher ein ernst zu nehmendes, aber seltenes?

Möller: Es ist ein ernst zu nehmendes Problem. Es gibt unterschiedliche Studien. Da wir bisher keine anerkannten Diagnosekriterien haben, sind die Zahlen nicht wirklich vergleichbar. Aber die Zahlen schwanken zwischen drei und zehn Prozent der Jugendlichen, die betroffen sind, sodass die Zahl, die Sie vorhin genannt haben, gar nicht ganz unrealistisch ist. Ich denke, es wird hier eine zunehmende Sensibilisierung, ein Bewusstwerden für diese Thematik herbeigeführt werden, sodass wir scheinbar eine Zunahme haben, weil wir vielleicht etwas genauer hingucken und uns der Problematik eher annehmen werden.

Kassel: Herzlichen Dank! Doktor Christoph Möller war das, der Leiter des "Teen Spirit Island" des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover, über Computerspielsucht, Internetsucht und was dahintersteckt.

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