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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.06.2013

Es hört nicht auf

Farmer-Selbstmorde in Indien

Von Kai Küstner

Indische Reisbauern (AP)
Indische Reisbauern (AP)

Aktuelle Zahlen aus Indien belegen es, weiterhin ist dort die Selbstmordrate von Bauern hoch. Grund dafür ist die steigende Verschuldung, aus der die Landwirte nur den Freitod als Ausweg sehen. Am schlimmsten ist der Staat Maharashtra betroffen, wo auch Monsanto und Bayer ihr Saatgut verkaufen.

Die Bäuerin Ujwalla ist in ihrem Baumwollfeld schon von weitem zu erkennen. In einem knallgelben Sari steht sie da inmitten ihrer Pflanzen, die sie bei weitem überragen. Stolz und aufrecht steht sie, als wolle sie dem Schicksal sagen: Du kannst mir nichts mehr anhaben. Jenem Schicksal, das ihr vor etwas mehr als zehn Jahren fast alles genommen hatte:

"Es gab damals, im Jahr 2002, einen schweren Hagelsturm, der hat die gesamte Ernte zerstört. Damals hatte mein Mann schon Schulden. Bei Geldleihern. Dann sah er keinen Ausweg mehr – und hat sich umgebracht."

Seitdem ist Ujwalla gezwungen, alleine genau das zu tun, woran ihr Mann gescheitert ist:

"Vor allem am Anfang hatte ich große Probleme, ich wusste ja gar nicht, wie das geht, ein Feld zu bestellen. Jetzt schlage ich mich irgendwie durch. Aber ich vermisse meinen Mann."

Die Region, in der Ujwalla nun anpflanzt – Baumwolle, Weizen, Soja – ist die berüchtigtste im ganzen Land. War ihr Bundesstaat, Maharashtra, ohnehin schon in den letzten zehn Jahren derjenige mit den meisten Farmer-Selbstmorden, so war dieser Landstrich – Vidarbha – derjenige, aus dem die Mehrzahl der Horror-Meldungen kam: Bauern, die erhängt auf ihrem Feld gefunden wurden. Bauern, die eine ganze Kanne voll mit Pestiziden getrunken hatten:

Vijay Jawania, NGO Shetkari Sanghetna: "Wenn ein Bauer erst mal Probleme hat, gibt die Bank ihm keinen Kredit mehr. Dann ist er gezwungen, zum Geldleiher zu gehen. Die nehmen einen Zinssatz von 60 oder sogar 120 Prozent. Und dann sitzt er in der Falle."

Erklärt Vijay Jawania, selber Farmer und gleichzeitig Chef jener Hilfsorganisation, die Ujwalla in den bitteren Anfangsjahren nach dem Selbstmord ihres Mannes half. Aber diese Selbstmorde seien ja nur die Spitze des Eisberges, beklagt Jawania.

"Dieses Land hat eine Zweiteilung erfahren: Seit der Liberalisierung vor etwa 20 Jahren entwickelt sich der eine Teil zu Super-Indien. Und der andere, der ländliche, in Richtung von Ländern wir Äthiopien oder anderen ausgebeuteten Dritte-Welt-Staaten."

In dem kleinen Dorf Waifad in der Selbstmord-Region Vidarbha betreibt Händler Rameshchand einen kleinen Laden. Auf dem Schrank über ihm stapeln sich Kisten mit bekannten westlichen Marken-Namen: Monsanto und Bayer zum Beispiel. Bei Rameshchand kaufen gerade zwei Bauern ihre Saat ein. Natürliche Baumwolle, erzählen die drei übereinstimmend, gibt es schon lange nicht mehr. Es gibt nur noch gentechnisch veränderte.

Die gentechnisch veränderte Baumwolle sei gut, da sind sich alle drei in diesem Laden einig. Der Ertrag sei tatsächlich besser als bei der normalen. Aber nur wenn es genug regne. In Gegenden wie diesen, wo die Bauern darauf hoffen müssen, dass es die Natur gut mit ihnen meint, bleibt also stets eine unterschwellige Angst.

Hinzu komme, auch da sind sich Saatgut-Verkäufer und Käufer einig, dass die neue Baumwolle mehr Düngemittel benötige. Bleibt unter dem Strich die Erkenntnis: in guten Zeiten ist genmanipulierte Baumwolle besser als die natürliche. In schlechten aber verschlimmert sie die Lage noch, weil die Kosten höher sind. Und wenn es dann eben mal gleich eine ganze Reihe von solchen schlechten Ernte-Jahren gibt, dann bleibt für viele Bauern nur noch die Flucht: in die Stadt oder in den Tod.

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