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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.09.2010

"Es gilt, alle da anzusprechen, wo sie stehen"

Leiterin des Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin über Early-Excellence-Ansatz

Sabine Hebenstreit-Müller im Gespräch mit Katrin Heise

Früheres Erkennen von Begabung durch das britische Early-Excellence-Modell? Vorschulkinder lernen in Erfurt.
Früheres Erkennen von Begabung durch das britische Early-Excellence-Modell? Vorschulkinder lernen in Erfurt. (AP)

Exzellente Bildung für alle Kinder - "Early Excellence" will für gleiche Bildungschancen bei Kindern aus benachteiligten Familien sorgen. Eltern und Erzieher werden stärker in den Lernprozess eingebunden, sagt Sabine Hebenstreit-Müller und fordert das Modell flächendeckend für Deutschland.

Katrin Heise: In der Pädagogik ist es durchaus üblich, immer wieder zu schauen: Wie machen es eigentlich andere Länder, wie erreichen die vielleicht bessere Bildungsergebnisse bei den Kindern, vor allem: Wie gelingt es ihnen, auch sozial benachteiligte zu fördern? Zehn Jahre ist es nun her, dass das Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus aus England den Early-Excellence-Ansatz nach Deutschland geholt hat. In von Arbeitslosigkeit und Verelendung betroffenen Regionen hatten dort, in Großbritannien, Pädagogen begonnen, mit den Eltern und ihren Kindern neue Konzepte für ein Miteinander zu entwickeln. In Deutschland startete also das Pestalozzi-Fröbel-Haus mit einer Kindertagesstätte, es kamen aber bald andere und weitere hinzu, und heute arbeiten nicht nur Kitas, sondern auch Familienzentren des Trägers nach diesem Early-Excellence-Ansatz.

Exzellenzförderung von unten – das Bildungsprojekt "Early Excellence" versucht also gezielt, Kinder aus bildungsfernen Schichten zu erreichen. Das möchte ich jetzt aber noch mal vertiefen, und zwar mit Dr. Sabine Hebenstreit-Müller. Sie leitet das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin, und das arbeitet ja seit zehn Jahren nach diesem Ansatz. Frau Hebenstreit-Müller, die Einbeziehung der Eltern – das ist ja in der Reportage aufgefallen –, wie wichtig ist diese Elternarbeit?

Sabine Hebenstreit-Müller: Sie haben ja jetzt eben das Beispiel aus dem Familienzentrum Mehringdamm gehört: Es geht darum, den Eltern ganz konkret zu vermitteln, wie können wir mit den Kindern spielen, wie schön es auch ist, mit den Kindern und anderen Eltern etwas zusammen zu tun, und das kann sein: Man spielt zusammen, man bastelt zusammen, singt gemeinsam Lieder, nimmt Kinder mit beim Einkaufen, erklärt ihnen etwas. Und unsere Erfahrung ist, dass dies gerade auch Eltern mit Migrationshintergrund erreicht, weil es immer um ganz praktische Dinge geht, um Dinge, die alle Eltern tun können. Alle Eltern können mit Kindern spielen, wenn es gelingt, sie an der Stelle auch anzuregen, ihnen unterschiedliche Spielmöglichkeiten zu vermitteln, sie da einzubeziehen, auch Räume zu schaffen wie in diesem Familienzentrum, wo sie es mit anderen Eltern gemeinsam erfahren können.

Heise: Das heißt, die einen erreichen sie sozusagen über das Thema Kind, weil sie sich sowieso dafür interessieren. Nun muss man aber auch anderen in ganz anderen Lebenslagen sozusagen helfen, also Arbeitslosigkeit kam eben zur Sprache oder Schulden haben, Nichtkönnen der deutschen Sprache, also wirklich auf ganz andere Belange auch eingehen. Die interessieren sich vielleicht noch gar nicht so sehr für die Belange ihres Kindes. Wie gewinnen Sie diese Eltern?

Hebenstreit-Müller: Familienzentren sind offen für alle Eltern, das ist eine Aufgabe, der sich dann auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Stadtteil stellen, Eltern in ihrem Stadtteil anzusprechen, zu motivieren. Das geht oft, indem man kooperiert mit anderen Trägen, mit Arbeitsagenturen beispielsweise, dass man Freiwilligen-Agenturen mit einbezieht, um auf diese Weise auch Eltern zu motivieren, ins Zentrum zu kommen, mit ihren Kindern ins Zentrum zu kommen. Es reicht nicht, im Zentrum zu verharren. Man muss sich öffnen, man muss herausgehen.

Heise: Für dieses Konzept insgesamt, für diesen Early-Excellence-Ansatz kann man Kinder ja auch nicht über einen Kamm scheren, denn je nachdem, aus welchem Hintergrund die Kinder kommen, was sie auch zu Hause schon gelernt haben, können sie ja ganz unterschiedliche Dinge, das heißt: Man muss da auch sehr individuell in diesen Kitas, die Sie betreiben, auch vorgehen. Wie machen Sie das?

Hebenstreit-Müller: Ganz wesentlich, dieser Punkt. Jedes Kind ist einzigartig, alle Eltern sind einzigartig und es gilt, alle da anzusprechen, wo sie stehen. Es geht darum, sensibel zu werden für den jeweiligen Entwicklungsstand, für die Bedürfnisse, für die Themen der Kinder, und das kann nur gelingen, ich kann das Kind nur individuell in den Blick nehmen, wenn ich es genau beobachte. Deswegen haben wir in Early-Excellence-Zentren sehr differenzierte Beobachtungsverfahren, die darauf zielen, die Kompetenzen und Stärken der Kinder zu erkennen. Wir dokumentieren mit Foto, mit Video, um eine Grundlage zu haben, um über solche Entwicklungsprozesse mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, und stellen fest, dass das wiederum eine spannende Grundlage ist, um Eltern mit Migrationshintergrund und Eltern, die weniger die deutsche Sprache beherrschen, mit einzubeziehen, weil sie die Fotos sehen, die Videos sehen.

Heise: Heißt das, Sie haben auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern tatsächlich ändert?

Hebenstreit-Müller: Die Beziehung zwischen Kindern und Eltern und Erziehern und Eltern ändert sich enorm. Viele Eltern machen ja die Erfahrung, wenn sie in die Schule gebeten werden, wenn sie in die Kita gebeten werden, dann wird ihnen erst mal erzählt, wie störend, wie schwierig, welche Probleme ihr Kind hat. Nun machen sie die Erfahrung – und das ändert alles, das schließt auf und weckt Vertrauen –, dass die Erzieherin hier sehr detailliert dokumentieren kann, was ihr Kind alles kann. Das heißt, die Eltern erleben in der Kita eine Situation, wo sie stolz sein können auf ihr Kind.

Heise: Die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Familien will das Konzept der "Early Excellence" erhöhen, unser Thema mit der Leiterin des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses, die eben danach arbeiten. Das sind ja eigentlich Dinge, die auf der Hand liegen, es ist ja auch nichts Neues. Warum ist das in Deutschland nicht schon viel weiter verbreitet, warum arbeitet man nicht überall nach diesem Early-Excellence-Ansatz?

Hebenstreit-Müller: Genau das ist die Frage. Es gibt diese Arbeit, es gibt sie in England, es gibt sie jetzt in Deutschland, es gibt ein großes Interesse aufseiten von Trägern, von anderen Kommunen. Warum führt man das nicht ein?

Heise: Gibt es da eine Erklärung? Was glauben Sie, wo liegen die Schwierigkeiten?

Hebenstreit-Müller: Also eine Schwierigkeit ist sicher der Föderalismus. Wenn ich mir anschaue, wie das in England geht – dort nimmt die englische Regierung viel Geld in die Hand, erarbeitet ein Konzept und regt dann vor Ort die Arbeit an. Mittlerweile haben wir dort 3500 "Sure Start"-Zentren. Das können wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen. Das ist dort recht schnell umsetzbar, hier stößt es permanent auf strukturelle Probleme offensichtlich, und ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland immer wieder die Situationen neu haben, wo wir diskutieren, diskutieren, über das Problem reden, uns darin bestärken, dass es eins ist, aber es tut sich nichts. Es tut sich nichts, es sei denn vor Ort, es sei denn als Modell, es sei denn an bestimmten Stellen, wo man findet, dass es gut läuft. Aber jetzt gilt es eigentlich, flächendeckend solche und ähnliche Modelle auch einzuführen. Das ist im Übrigen ein ganz großer Punkt, der aus meiner Sicht die Schwierigkeit auch in Deutschland mit begründet. In England erfolgt die Begleitung von Praxis immer in enger Kooperation mit Evaluation, und es gibt ein großes Forschungsprojekt, was herausgefunden hat, welche Einrichtungen und welche Art der Arbeit mit Kindern und Eltern am erfolgreichsten ist, und der Erfolg wird festgemacht an den Effekten für die Kinder. Und da hat man herausgefunden, dass Early-Excellence-Centers und integrative Einrichtungen insgesamt die besten Effekte haben. Also hat Politik entschieden: Dann fördern wir das, weil wir wollen ja das haben, was für die Eltern am besten ist und für die Kinder.

Heise: "Early Excellence", von diesem Bildungskonzept aus England lernt man also in Deutschland und hat schon eine ganze Menge gelernt, aber vieles steht auch noch aus. Heute werden Fachleute auf einer Tagung in Berlin ihre Erfahrungen austauschen. Das Pestalozzi-Fröbel-Haus arbeitet seit zehn Jahren nach diesem Konzept und darüber sprach ich mit der Leiterin Sabine Hebenstreit-Müller. Ich wünsche Ihnen eine gute Tagung und vielen Dank für das Gespräch!

Hebenstreit-Müller: Herzlichen Dank!

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