Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 08.05.2009

"Es gibt zwei Schwerpunktzeiten"

Biologe Haupt über den Vogelschlag

Heiko Haupt im Gespräch mit Ulrike Timm

Vogelschwarm (Stock.XCHNG / Hajnalka Ardai)
Vogelschwarm (Stock.XCHNG / Hajnalka Ardai)

Vogelschlag ist ein hartes Wort und eine harte Sache. Moderne Bürogebäude, deren Architektur strotzt vor Glas und Stahl - das sind dabei besonders fiese Vogelfallen. Der Biologe Heiko Haupt untersuchte den Vogelschlag an den Glasfassaden eines Bonner Gebäudes – und äußerte sich dazu in unserem Sender.

Ulrike Timm: Eine ganze Vogelwoche legen wir hier im Radiofeuilleton ein, haben viel erfahren über Vogelgesang und Vogeldialekte, über die Geheimnisse des Vogelzugs und darüber, dass die Natur die Feder eigentlich gar nicht zum Fliegen erfunden hat, kurz: Einblick gewonnen in die faszinierende Welt der Vögel und dann - platsch - ein kurzer Moment, Aufprall gegen eine Glasscheibe und alles ist hin.

Vogelschlag ist ein hartes Wort und eine harte Sache, viele tausend Vögel verlieren jedes Jahr ihr Leben, weil sie gegen Glasscheiben fliegen. Moderne Bürogebäude, deren Architektur strotzt vor Glas und Stahl – das sind besonders fiese Vogelfallen. Der Biologe Heiko Haupt hat den Vogelschlag an Glasfassaden am Beispiel des Bonner Post Towers einmal ganz akribisch untersucht und sich auch Gedanken gemacht, wie man den Vögeln wenigstens ein wenig helfen kann. Schönen guten Tag, Herr Haupt!

Heiko Haupt: Tag, Frau Timm!

Timm: Herr Haupt, wie genau sind Sie vorgegangen, wie und was haben Sie untersucht?

Haupt: Ich habe mich 13 Monate lang am Post Tower herumgetrieben, habe abends oder morgens, wenn Zeit war, das Gebäude umschritten und habe geschaut, was dort am Fuß des Turms einzusammeln war an Vögeln. Das war eine ganze Menge.

Timm: Und warum haben Sie sich gerade den Post Tower ausgesucht?

Haupt: Das ist ein sehr markantes Gebäude, das ist etwa 160 Meter hoch, rundum verglast und beim Post Tower kommt neben dem Glas noch das Licht dazu, denn das Gebäude ist während der ersten Nachtstunden illuminiert durch 2000 Neonröhren, die an den Gebäudefassaden an den Seiten installiert sind und die in wechselnden Farben das gesamte Gebäude nachts erstrahlen lassen. Und das potenziert eigentlich das Risiko noch, was durch normalen Scheibenanflug an Glas wäre, weil das Licht zusätzlich noch die Tiere aus größerer Entfernung anlockt.

Timm: Darüber sprechen wir noch, erst mal: Wie viel tote und verletzte Vögel gibt es denn zu beklagen, so in einem Jahr, am Post Tower?

Haupt: Ganz unmittelbar am Gebäude waren es etwa 1000 Tiere, die dort aufgetaucht sind. Davon waren 200 unmittelbar tot, und Sie können die Zahl von 200 sicherlich noch mal verdoppeln, weil viele von den Tieren, die Sie unten einsammeln können, sicherlich so verletzt oder geschädigt sind, dass sie sich sicherlich nicht mehr berappeln können.

Timm: So viele? Und bei den verletzten haben sie dann den Vogeldoktor gemacht oder was passierte mit denen?

Haupt: Ja, man kann da nicht viel tun, wenn da innere Verletzungen sind, dann kann man sie eigentlich nur an eine gute Stelle ins Gebüsch setzen und hoffen, dass es dann gut geht, aber viel helfen in dem Sinne kann man da nicht. Man kann eben nur die Tiere auflesen, dass sie dann nicht von Hauskatzen, von Mardern und so weiter direkt am Gebäude dann des nachts aufgegriffen werden, aber viel mehr kann man da nicht tun.

Timm: Sie sagen, Sie haben es ein gutes Jahr gemacht, diese Untersuchung. Gibt es denn so Schwerpunktmonate, zum Beispiel jetzt im Frühling, wenn alles besonders munter ist – prallen da besonders viele Vögel gegen das Glas?

Haupt: Es gibt zwei Schwerpunktzeiten, das sind die Zeiten des Vogelzuges, das ist einmal im Frühjahr, das klingt jetzt gerade aus, und der große Schwerpunkt ist allerdings der Herbstzug, wenn auch vermehrt Jungtiere mit unterwegs sind. Das war so mit Abstand die Zeit, wo am meisten Tiere aufgetreten sind. Das ist auch eine relativ lange Zeitspanne, das fängt schon Ende Juli an, wenn sich die ersten Vögel schon auf den Weg machen, denken Sie an die Mauersegler, die sind dann ja schon weg und zieht sich dann bis in den November hinein, wo dann die letzten Arten wegziehen, die nicht allzu weit fliegen müssen.

Timm: Aber, Herr Haupt, gerade die Zugvögel, die werden doch bewundert für ihren untrüglichen Orientierungssinn. Warum hilft der ihnen bei Glasfassaden denn nicht weiter?

Haupt: Das eine ist die Sache, dass die Tiere die Glasscheiben als solche in der Regel nicht als Hindernis wahrnehmen, wenn man eben, wie wir Menschen ja auch, durchschauen kann und die Tiere einfach den Eindruck haben, na ja, da kann ich durchfliegen, da ist kein Hindernis, und dann eben gegen das Glas prallen und sich im normalen Flugtempo dann oft das Genick schon brechen. Und der zweite Faktor, das sind Spiegelungseffekte. Wenn Sie in der Nähe Gebüsche, Bäume stehen haben, dann kann es also sehr oft sein, dass sich diese Strukturen in den Glasscheiben spiegeln und den Tieren suggerieren, da sind Stellen, wo man sich reinsetzen kann, und die Tiere fliegen dann auch gezielt diese Glasscheiben an in der Hoffnung, sich in das Gebüsch setzen zu können, und das kann dann genauso fatal enden.

Timm: Und die heimischen Vögel, lernen die denn im Laufe ihres Lebens ein bisschen dazu und können die Gefahr dann besser einschätzen als Zugvögel? Oder sind alle gleich gefährdet?

Haupt: Bei den Tieren, die ihr Revier in dem Bereich haben, die haben natürlich eher die Chance, das zu lernen. Wenn ein Anprall vielleicht mal nicht so schlimm ausfällt, weil die Fluggeschwindigkeit nicht so hoch ist, dann lernen die Tiere das natürlich, dass da ein Hindernis ist und können das dann in Zukunft vermeiden. Aber Zugvögel, die halt hier quasi nur durchziehen und die sich hier, wenn man so will, nicht so gut auskennen, für die ist das Risiko natürlich höher.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, im Gespräch mit dem Biologen Heiko Haupt. Er hat am Beispiel des Post Towers in Bonn den Vogelschlag untersucht. Herr Haupt, der Post Tower in Bonn wird nachts noch zusätzlich erleuchtet. Gibt es dann die meisten Toten unter den Vögeln?

Haupt: Ja, das ist genau die Nachtzeit. Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem die Fassadenbeleuchtung angestellt wird, kann man dann zur entsprechenden Zeit auch unten die ersten Tiere einsammeln. Es gibt ganz deutliche Hinweise darauf, dass das Licht tatsächlich der Faktor ist, der hier verstärkend wirkt und der auch für die meisten Opfer dann verantwortlich ist.

Timm: So ganz verstehe ich das trotzdem nicht, denn Vögel fliegen doch auch nicht automatisch der Sonne oder dem Mond entgegen. Warum ist das Licht so wichtig?

Haupt: So ganz genau wissen wir das auch noch nicht, trotz einer ganzen Reihe von Forschungsaktivitäten, die da laufen. Was man direkt am Turm beobachten kann ist, dass viele Tiere, wie man das ja von Nachtfaltern kennt, die um Straßenlaternen schwirren, auch immer wieder zur Lichtquelle hinfliegen. Genauso ist das bei vielen Tieren auch zu beobachten, dass also auch hier das Licht anlockend wirkt und die Tiere immer und immer wieder zum Licht anfliegen, zu den beleuchteten Stellen an der Fassade und hier quasi auch nicht von wegkommen. Die physiologischen Ursachen dafür, da kann man bisher nur spekulieren.

Wir wissen ja, dass sich die Vögel auf dem Zug sowohl an den Gestirnen als auch am Erdmagnetfeld orientieren, und zwar sind die Tiere in der Lage, mithilfe eines Pigmentes im Auge die magnetischen Feldlinien quasi zu sehen. Das können wir uns als Menschen kaum vorstellen, aber die Tiere können auf die Weise sehr gut ihren Standort bestimmen, indem sie tatsächlich die magnetischen Feldlinien quasi wahrnehmen können.

Und dieses Wahrnehmungssystem ist abhängig davon, ob und welches Licht dann auf das Auge trifft, und starkes Fremdlicht, so wie es eben von solchen Fassadenbeleuchtungen oder auch von anderen Gebäudeanstrahlungen, Sky Beamern etc., ausgeht, bringt dieses Orientierungssystem völlig durcheinander. Das mag sicherlich auch der Grund sein, warum sie dann so eine Lichtquelle nicht mehr verlassen, weil sie einfach nicht mehr wissen, wo sie sind und dann das Helle so als Art Rettungsanker wahrgenommen wird, obwohl es das tatsächlich ja dann nicht ist.

Timm: Herr Haupt, was hat denn die Post zu den vielen toten Vögeln gesagt? Wird man den Tower jetzt dimmen?

Haupt: Na ja, man hat sich auf einen Kompromiss erst mal eingelassen. Mein Vorschlag seinerzeit war gewesen, den Post Tower zumindest während der kritischen Zugzeiten auszuschalten, also die Fassadenbeleuchtungen gänzlich abzuschalten, aber gleichzeitig wollte ich der Post natürlich auch die Möglichkeit geben, ihr Engagement für den Vogelschutz zu dokumentieren und der Vorschlag war dann, zumindest zeitweise mit längeren Dunkelphasen einige Vogelsilhouetten über den Post Tower quasi fliegen zu lassen. Das kann man ja auch mit den Leuchten dann entsprechend gestalten. Die Post hat es leider andersherum gemacht, der Post Tower ist jetzt die ganze Nacht oder die Stunden zumindest weiterhin vollflächig erleuchtet und es fliegen schwarze Vögel über die Fassade. Das ist leider nicht ganz das, was so das Optimum gewesen wäre aus Sicht des Vogelschutzes.

Timm: Nun ist der Post Tower auch ja nur ein Beispiel von ganz vielen, wir wollen niemanden bloß stellen. Die Erfahrung, dass Vögel gegen Scheiben fliegen, die hat ja jeder schon mal gemacht. Es gibt doch diesen Trick, Greifvogel-Silhouetten an Fenstern anzubringen, mit denen man die Vögel schützen will. Nützen die denn nichts?

Haupt: Die Silhouetten als solche sind insofern wirkungslos, das ist ein weites Missverständnis, was man an der Stelle auch gerne mal zurechtrücken kann. Man weist diesen Vogelsilhouetten ja eine abschreckende Wirkung zu, und genau das haben sie eben nicht. Silhouetten würden nur dann abschreckend wirken, wenn Bewegung dazu käme, wenn sie sich also genauso im Luftraum bewegen würde, wie das eben ein Sperber als Fressfeind der kleinen Singvögel tun würde.

Timm: Es müsste flattern am Fenster.

Haupt: Ja, genau, dann würden sich die Tiere wirklich abschrecken lassen.

Timm: Gibt es denn noch andere Lösungen für den Hausgebrauch?

Haupt: Ja, es gibt eine ganze Menge Möglichkeiten. Das Wichtige grundsätzlich ist, dass man die Scheiben, die gefährlich sind, in der Fläche für die Vögel sichtbar machen muss. Das, was sich im Test als besonders wirkungsvoll erwiesen hat, sind Streifenmuster, vertikale Streifen, die man auf Glasscheiben aufbringt. Da gibt es verschiedene Variationsmöglichkeiten, was Abstand, Breite, Farben und so weiter angeht, aber das Wichtige ist, dass die Abstände nicht zu groß sein sollten, nicht mehr als 10, 15 Zentimeter, damit eben dieser Effekt, die Scheibe flächig sichtbar zu machen, erreicht werden kann. Und dann sind diese Scheiben wirklich sehr vogelschlagsicher zu machen.

Timm: Aber ein Gitter vor dem Fenster möchte niemand haben. Gibt es nicht noch andere Lösungen, die man – für den Hausgebrauch zumindest – haben kann?

Haupt: Ein ganz einfaches Mittel, was vielleicht in Deutschland nicht allzu viel Anklang finden mag, ist, dass man die Scheiben einfach weniger putzt.

Timm: Das wäre meine Lösung.

Haupt: Ja, das mache ich auch sehr gerne, denn der Schmutz, der sich auf den Fensterscheiben niederlegt, hilft eben auch oft schon, die Scheiben sichtbar zu machen für die Vögel.

Timm: Wie groß ist das Problem denn überhaupt, groß genug, um für Architekten und Glashersteller relevant zu sein und irgendwas Neues zu entwickeln?

Haupt: Sicherlich. Es gibt natürlich nur ganz vage Schätzungen, wie viel Tiere insgesamt davon in Deutschland, in Europa betroffen sein mögen. In Nordamerika gibt es da auch ein ganz breites Spektrum von Schätzungen, aber grundsätzlich kann man sagen, dass Vogelanprall an Glasscheiben nach der Lebensraumzerstörung der wichtigste Faktor ist für die Mortalität unserer wildlebenden Vögel.

Und oft reicht es ja schon, wenn man ein totes Tier vor der Haustür unter der Scheibe findet, um Betroffenheit zu erzeugen. Und es gibt auch einige Glashersteller, die sich des Problems schon angenommen haben. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit Siebdruck, mit Keramikfarben etc., um Scheiben sichtbar zu machen, und es wird auch experimentiert mit der Möglichkeit, ultraviolettes Licht, was Vögel im Gegensatz zu uns Menschen auch wahrnehmen können, zu nutzen. Es gibt also einige Produkte, die mit unterschiedlichem Reflektionsverhalten innerhalb der Scheibe arbeiten, das heißt, die Scheibe soll so sichtbar gemacht werden, dass UV-Licht unterschiedlich gebrochen wird und die Scheibe deswegen für Vögel sichtbar wird.

Timm: Beim Post Tower, dem 40-stöckigen Gebäude aus Stahl und Glas, ist man zumindest ein bisschen auf Ihre Vorschläge eingegangen und ist problembewusst. Gehen Sie jetzt denn noch ein weiteres Jahr jeden Tag Vögel aufsammeln und studieren den Erfolg der Maßnahmen?

Haupt: Ja, es läuft zurzeit eine Diplomarbeit, die im Museum König hier in Bonn betreut wird, von einer Diplomandin, die im letzten Herbst und auch dieses Frühjahr wieder unterwegs gewesen ist. Die Zahlen werden zurzeit ausgewertet und wir gehen dann sicherlich noch mal wieder auf die Post zu, weil der Eindruck schon da ist, dass man noch mehr tun kann als bisher.

Timm: Der Biologe Heiko Haupt über den Vogeltod durch Glasscheiben. Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur