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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.06.2011

"Es gibt immer wieder Situationen, wo Angst dann auch die stärkere Emotion ist"

Ethik-Professorin über die Kirche und Sexualität

Regina Ammicht-Quinn im Gespräch mit Kirsten Dietrich

Nur zwischen Mann und Frau und nur in der Ehe? Die Haltung der Kirche zu Sexualität wandelt sich. (AP)
Nur zwischen Mann und Frau und nur in der Ehe? Die Haltung der Kirche zu Sexualität wandelt sich. (AP)

Bei der Frage nach der Sexualität befalle die Kirchen eine Angst vor dem Ungeregelten, Unkanalisierten, sagt die Ethik-Professorin Regina Ammicht-Quinn. Über Homosexualität werde mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination geredet.

Kirsten Dietrich: Nicht nur Homosexualität ist heiß umstritten in den Kirchen, auch mit der heterosexuellen Sexualität, die man so gern als die "normale" bezeichnet, tun sich die Kirchen oft schwer, sogar dann, wenn sie vielleicht eigentlich Beruhigendes und Zeitgemäßes sagen wollen. Zeit für den Versuch einer sexualethischen Klärung.

Regina Ammicht-Quinn hat sich habilitiert mit einer Arbeit über Religion, Körper und Sexualität. Als Professorin für katholische Theologie zu arbeiten, hat bei zwei Berufungen die katholische Kirche verhindert, jetzt ist sie Professorin am Institut für Ethik in der Wissenschaft in Tübingen, und Sexualethik ist immer noch eines ihrer Arbeitsfelder. Ich habe Regina Ammicht-Quinn vor der Sendung getroffen und wollte wissen, warum eigentlich gerade Homosexualität die Christen so umtreibt.

Regina Ammicht-Quinn: Das kann man sich mit Recht fragen, weil wenn wir zum Beispiel ins Neue Testament zurückgehen, da sehen wir ja keine Aussage von Jesus über irgendeine der sexualmoralischen Fragen, die uns so beschäftigen. Also es gibt keine Aussage zur Homosexualität, und es gibt keine Aussage zu Masturbation oder außerehelichem Geschlechtsverkehr oder irgendwas. Es gibt das Verbot der Ehescheidung, das aber ein sehr viel mehr soziales als sexuelles Gebot ist, und es gibt die Praxis Jesu, die sich zeigt in einem unkomplizierten Umgang mit Frauen, auch mit unreinen Frauen, und in einer großen Aufwertung des Körpers und der Körperlichkeit, weil das versprochene Heil sich auch im heilen Körper manifestiert, beispielsweise in den Heilsgeschichten.

Insofern ist das tatsächlich eine Frage: Was beschäftigt die Kirchen so mit der Frage der Homosexualität? Das ist im Kern das Problem verweigerter Fruchtbarkeit, woraus man folgert, dass hier so etwas wie folgenlose, absolut triebgesteuerte und unendlich lustvolle Sexualität möglich ist, und in so einer Beschreibung sieht man ja schon, dass es im Grunde eine Mischung ist aus Abscheu und Faszination, mit der über Homosexualität geredet wird.

Dietrich: Das heißt, diese Angst vor dem freien, von dem unkontrollierten Potenzial von Sexualität. Ist das was, was generell so die Haltung der Kirchen zu Sexualität bestimmt?

Ammicht-Quinn: Ich glaube, es geht eine Schicht tiefer als das. Es bestimmt die Haltung zur Sexualität natürlich, sagen wir, dass die Angst vor dem Ungeregelten, dem Unkanalisierten. Was Homosexualität speziell angeht, geht es sicher auch um die Angst vor dem Durcheinanderbringen einer als natürlich vorgestellten Geschlechterordnung, wobei es klar ist, dass wir hier ein Natur-Kultur-Problem haben, weil das, was wir als natürlich gegebene Ordnung sehen, eine kulturell gewachsene Ordnung ist. Wir haben das Problem einer biologistischen Deutung von Fruchtbarkeit, und wir haben natürlich das große Problem der Diskriminierung und im schlimmsten Fall der Entwürdigung von Menschen.

Dietrich: Das heißt, das ist aber was, was wirklich dann Sexualität generell betrifft?

Ammicht-Quinn: Es ist was, was Sexualität generell betrifft, und vielleicht ist es auch hier noch mal sinnvoll, einen Schritt zurückzugehen im Neuen Testament, das ist nichts, was die Menschen, die hier Jesu Leben aufgeschrieben haben, weiter bewegt. Wenn wir dann wenig später sehen, im 3. Jahrhundert, dass Tertullian und Origenes, Kirchenväter, ganz anders sprechen, dann fragen wir uns: Was ist hier passiert? Also bei Origines heißt es dann, dass die Seele zu ihrer Bestrafung an den Körper gefesselt ist, und in diesem entstehenden Dualismus zwischen Leib und Seele, wobei nur die Seele das wirkliche Leben hat und der Leib abgetötet werden muss, damit die Seele befreit werden kann, ist natürlich die Sünde selbst im Körper inkarniert, und vor allem im bedürftigen Körper, im Körper, der bedürftig ist nach Nahrung beispielsweise, aber auch im Körper, der bedürftig ist nach Berührung, nach Intimität und nach Lust.

Und dann können wir fragen: Was ist denn da bitte passiert? Es sind vermutlich drei Dinge passiert. Diese Hochspannung der letzten Tage, die wir haben, unmittelbar im ersten Jahrhundert und die bestimmte Regeln aufgestellt hat – das Reich Gottes kommt spätestens übermorgen, also tun wir dies oder jenes nicht mehr –, diese Hochspannung der letzten Tage hat sich in ein alltägliches Leben verwandelt, und diese Regeln aus dieser Hochspannung der letzten Tage haben sich in Gesetze verwandelt. Das Zweite ist, dass es eine Zeit ist, in der der Sündenfall als mit Sexualität verbundenes Ereignis interpretiert wird, und das Dritte ist, dass natürlich der Zeitgeist Einfluss nimmt auf das sich konstituierende Christentum. Und der Zeitgeist ist dieses spätantike Misstrauen gegen den Körper.

Dietrich: Nun sagen die Kirchen, auch sie hätten sich geändert, man merkt das auch in kirchlichen Stellungnahmen, Sexualität inzwischen durchaus als eine anthropologische Grundkonstante des Lebens gesehen wird, nicht mehr als etwas, was den Tempel des Körpers korrumpiert und ein Eingangstor für die Sünde ist. Aber die Frage ist ja: Hat sich so viel verändert, wenn man zum Beispiel sagt, dass Sexualität natürlich nur in festem Rahmen von Ehe stattfinden darf?

Ammicht-Quinn: Der entscheidende Schritt der Veränderung hat tatsächlich stattgefunden in der vielgescholtenen Enzyklika Humanae vitae 1968, wo nämlich der Ehezweck der Liebe zum ersten Mal vor den Ehezweck der Fruchtbarkeit gestellt wurde, was zunächst mal bedeutet: Sexualität muss nicht mehr instrumentalisiert werden oder auch darf nicht mehr instrumentalisiert werden.

Gleichzeitig sehen wir natürlich in diesem Text, dass diese Instrumentalisierung lange nicht vorbei ist, und der Text hat ja seine Bruchlinien, weil mit dem Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung natürlich diese Instrumentalisierung sofort wieder zurückkommt. Natürlich hat sich was verändert, wir müssen aber auch sehen, dass diese Veränderungen immer auch kulturelle Veränderungen sind. Zwischen dem Katechismus von 1955 und heute liegen die ganzen Emanzipationsbewegungen, ja, die ganzen Emanzipationsbewegungen von Frauen, von Schwulen, von Schwarzen und so weiter, und so weiter, die Forderungen nach Achtung und Anerkennung für eine Vielfalt von Menschen und von Lebensweisen. Und gleichzeitig sehen wir natürlich in allen gesellschaftlichen Bereichen und natürlich auch in der Kirche, dass diese Veränderungen und auch diese Forderungen nach Achtung und Anerkennung für Differenzen Angst erzeugen und genau das ist, was wir heute in der Kirche noch mal ganz stark sehen. Es hat sich viel verändert, aber diese Veränderungen geschehen um den Preis der Angst, und es gibt immer wieder Situationen, wo Angst dann auch die stärkere Emotion ist.

Dietrich: Ein Beispiel für diese Angst ist sicher auch ein Vorgang in der letzten Woche in der katholischen Akademie Stuttgart-Hohenheim. Da sollte eine Tagung stattfinden, "Let’s talk about sex", wo es um katholische Sexualmoral gehen soll, eine Tagung, bei der Sie unter anderem als Referentin vorgesehen waren, und die letzte Woche vom Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst abgesagt wurde. Was ist da passiert?

Ammicht-Quinn: Was da passiert ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ich kann Ihnen aber auch sagen, dass diese Tagung "Let’s talk about sex", was übrigens ein Woody-Allen-Zitat ist, was vielleicht nicht alle kirchlichen Menschen wissen, eine wissenschaftliche Tagung war, die in einem großen Bogen versuchen wollte, das Verhältnis zwischen Theologie, Theologiegeschichte, Kirche, Lebenswelt und Sexualität zu klären. Offensichtlich gibt es die Angst vor diesem "Let’s talk", die Angst vor dem Sprechen über Sexualität, und das ist für mich eine besonders bittere Geschichte. Der Grund dafür, eine solche Tagung zu planen, waren ja die Fälle sexueller Gewalt, die in der Kirche passiert sind, und die lange ein verborgenes Wissen waren, das jetzt im Lauf des letzten Jahres an die Öffentlichkeit gelangt ist, ein verborgenes und verschwiegenes Wissen von sexueller Gewalt im kirchlichen Kontext, und mit dem Verbot dieser Tagung setzt sich für mich auf einer anderen Ebene dieses Verschweigen fort.

Dietrich: Wenn man versucht, jetzt positiver, offener, zugewandter vielleicht über Sexualität zu sprechen, wie kann das aussehen? Wie kann eine Sexualmoral aussehen, die Religion ernstnimmt und die aber auch Sexualität ernstnimmt?

Ammicht-Quinn: Wenn wir neu über Sexualität, auch neu und wertschätzend über Sexualmoral sprechen wollen, dann gibt es für mich zwei Grundsätze, zwei Grundsätze des Sollens, zwei moralische Grundsätze, und das heißt, es gibt das Verbot der Gewalt im Kontext von Sexualität, und es gibt das Gebot der Achtung der Würde der anderen Person, und das heißt aber auch jeweils, es gibt das Verbot der Gewalt gegen mich selbst, und es gibt das Gebot der Achtung meiner eigenen Person im sexuellen Kontext.

Das sind sozusagen die Grenzzäune, die klarmachen, wann Sexualität in einem moralischen Sinn gut oder schlecht sein kann, und das bedeutet aber: Wenn diese Grenzen nicht eingehalten werden, dann ist Sexualität moralisch schlecht, auch, wenn sie innerhalb einer kirchlich gültig geschlossenen Ehe stattfindet. Und innerhalb dieser beiden Grenzen gibt es dann einen großen Raum, der kultiviert werden muss, und möglicherweise können für eine solche Kultivierung auch klassische, theologische und kirchliche Kategorien noch einmal hilfreich sein. Also eine klassische kirchliche Sexualmoral redet ja von Ganzheitlichkeit und Endgültigkeit und Fruchtbarkeit als Kriterien für gute Sexualität. Wenn die Gesetze sind, wird es problematisch. Wenn wir versuchen, sie als Lebensmodelle zu entwickeln, werden sie interessant, dann würde Ganzheitlichkeit heißen: Sexualität könnte dann gut sein, wenn ich sie nicht abspalte in eine Rolle meines gesamten Rollenrepertoires, sondern wenn sie eben mich als Menschen betrifft, oder wenn sie endgültig ist, das heißt, nicht so vorläufig, bis jemand besseres vorbeikommt oder bis endlich der Job im Ausland kommt und ich weg bin.

Und natürlich haben wir Probleme mit der Endgültigkeit, weil Endgültigkeit keine menschenverfügbare Kategorie ist, und insofern kann es kein Gesetz sein, wir brauchen ein Ethos des Scheiterns auch in Beziehungen und für sexuelle Lebensweisen, und gleichzeitig ist die Frage nach Endgültigkeit natürlich ein Horizont.

Dietrich: Regina Ammicht-Quinn war das, Professorin für Ethik in Tübingen. Ich habe mit ihr vor der Sendung über Sexualethik gesprochen.

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