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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.05.2013

"Es gibt eine furchtbare Not"

Martin Glasenapp von Medico International über die Lage der syrischen Flüchtlinge

Moderation: Hanns Ostermann

Diese Frau ist mit ihrem Kind vor den Kämpfen in Syrien geflohen. (dpa / pa / Stenin)
Diese Frau ist mit ihrem Kind vor den Kämpfen in Syrien geflohen. (dpa / pa / Stenin)

Kein Strom, kaum Wasser, explodierende Preise für Nahrung und Medikamente: So beschreibt Martin Glasenapp von Medico International die Situation der Flüchtlinge in der syrischen Provinz Hasaka. Dennoch gebe es im Land eine große Solidarität und eine lebendige Zivilgesellschaft.

Hanns Ostermann: Flucht oder Tod – vor dieser bitteren Alternative stehen sehr viele Menschen in Syrien. Seit fast zwei Jahren spielt sich ein Drama ab, das nur schwer zu ertragen ist. Etwa 1,5 Millionen Menschen haben ihre zerbombte Heimat inzwischen verlassen, und der Strom reißt nicht ab, um in die Türkei, in den Libanon oder nach Jordanien zu kommen. Zu den Hilfsorganisationen, die sich auch gegen den Willen von Machthaber Assad in Syrien engagieren, gehört Medico International. Für sie war jetzt Martin Glasenapp in der Provinz Hasaka im Nordosten des Landes. Guten Morgen, Herr Glasenapp!

Martin Glasenapp: Guten Morgen!

Ostermann: Welche Not, welche Probleme haben Sie gesehen?

Glasenapp: Es gibt eine furchtbare Not, es gibt einfach das, was Sie auch angesprochen haben, es gibt in der Provinz Hasaka ungefähr 400.000 Flüchtlinge, das heißt, die Leute, vor allem auch die kurdische Bevölkerung und der kurdische Bevölkerungsanteil, der in Aleppo oder in Homs oder in Damaskus gelebt hat, traditionell gelebt hat, ist in diese große Provinz im Nordosten geflüchtet. In allen Schulen sitzen Flüchtlinge, die Leute werden versorgt, es gibt keinen Strom mehr, das bedeutet, die Stromleitungen funktionieren mal eine Stunde am Tag, vielleicht mal zwei Stunden, das bedeutet auch, dass man kein Wasser hat, weil das Wasser meistens mit Pumpen aus der Erde geholt wird. Die Nahrungsmittelpreise sind enorm nach oben gegangen, wiewohl es durch die lange Grenze mit der Türkei und dem Irak auch Nahrungsmitteltransporte gibt.

Die Medikamentenpreise sind extrem hoch geworden, es gibt in der ganzen Provinz Hasaka mit ungefähr 1,2 Millionen Einwohnern jetzt … es gibt keine vernünftigen Krankenhäuser mehr, man kann keine Nieren mehr säubern, die notwendigen Medikamente, all das fehlt, es ist also eine sehr, sehr angestrengte Situation, und die Leute befürchten, weil sie natürlich die Meldungen aus Zentralsyrien bekommen, aus den Gegenden, wo direkt gekämpft wird, dass das alles jetzt auch in ihre Provinz kommt.

Ostermann: Menschen auf der Flucht, wie reagiert da die Bevölkerung auf diesen Strom? Rückt man zusammen oder ist das Gegenteil der Fall?

Glasenapp: Also ich muss immer sagen, weil mich ja auch Leute fragen, was ist die größte Hilfe, die zurzeit in Syrien passiert, ich würde sagen, neben der Hilfe, die natürlich in den Nachbarländern, in den Flüchtlingslagern geleistet wird, die größte Hilfe leistet die syrische Bevölkerung selbst. Es ist wirklich unglaublich, wie die Leute versuchen, andere aufzunehmen, nicht nur Verwandte, sondern Leute aus anderen Städten, wie versucht wird, für diese Leute einen Platz zu finden, wie sie versorgt werden, wie man ihnen das Notwendigste zur Verfügung stellt, wie man versucht, Schulen einzurichten, wo die Kinder weiter unterrichtet werden. Also da, wo kein direkter Krieg stattfindet, ist die Bevölkerung eigentlich sehr, sehr solidarisch und versucht eben, aus dieser sehr schlechten und immer schlechter werdenden Situation das beste zu machen.

Ostermann: Unter der Gewalt, unter dem Krieg leiden vor allem die Kinder. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Glasenapp: Die Kinder sind natürlich traumatisiert. Man hört davon, dass die Kinder ins Bett machen, dass die Kinder aggressiv werden, dass die Kinder sehr viel mit Pistolen oder Attrappen von Pistolen spielen. Ich war in Städten, wo auf dem Marktplatz achtjährige Kinder Pistolen verkaufen. Diese Gesellschaft ist jetzt natürlich zusätzlich unglaublich bewaffnet, man sieht sehr viele bewaffnete Gruppen auf den Straßen, es herrscht ein Gefühl von permanenter Unsicherheit, und es macht natürlich vor allem den Kindern zu schaffen, das macht aber vor allem auch den Frauen zu schaffen, also diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, weil viele der Männer versuchen zu arbeiten oder in irgendeiner bewaffneten Gruppe gegen das Regime kämpfen.

Ostermann: Was können sie und die anderen Organisationen tun, um den Menschen dort zu helfen?

Glasenapp: Wir können eigentlich eine ganze Menge tun, wir können versuchen, lokale Strukturen zu stärken, das ist nämlich auch eine andere Beobachtung, die man eigentlich machen kann, fern dieser grauenhaften Bilder, die man aus Syrien immer wieder im Fernsehen sieht oder von denen man in der Zeitung liest, gibt es sozusagen versteckt davon hinter diesem Krieg in Anführungsstrichen gesprochen eine sehr lebendige Zivilgesellschaft, die gibt es dort, wo das Regime nicht mehr präsent ist oder nur noch militärisch präsent ist, Leute, die versuchen, die Stadtverwaltung zu übernehmen, Ärzte rücken zusammen und versuchen zu helfen. Also das heißt, die Leute versuchen sich auf etwas vorzubereiten, was danach kommt, und was noch nicht eingetreten ist, nämlich ein anderes Syrien, wo man versucht, politische Auseinandersetzungen zu führen, wo man sich die Frage stellt, was heißt das eigentlich, eine Stadt zu regieren, was heißt das irgendwie, eine einigermaßen vernünftige Gesundheitsversorgung herzustellen, und in diesem Zusammenhang arbeiten wir mit Ärzten zusammen, wir arbeiten auch mit lokalen Komitees zusammen und wir leisten auch Nothilfe in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Damaskus.

Ostermann: Jetzt setzen viele auf einen Durchbruch bei der Syrienkonferenz, auf die sich Russland und die USA geeinigt haben. Welche Hoffnungen verbinden damit die Menschen, mit denen sie reden konnten?

Glasenapp: Also das war etwas, was man eigentlich überall hört, es gibt keine Hoffnungen, was Europa angeht. Es gibt das Gefühl, man ist im Stich gelassen worden, und das betrifft nicht nur die Frage der Waffenhilfe, das betrifft überhaupt die Frage des politischen Respekts und der Unterstützung. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die gesagt haben, diese Revolution, die wir vor zwei Jahren angefangen haben, die hat sich unglaublich militarisiert, die hat sich unglaublich brutalisiert, wir haben jetzt das Problem von islamistischen Gruppen, die immer stärker werden, das ist nicht das, was wir wollen, aber wir haben auch immer wieder die Erfahrung gemacht, Europa hilft uns nicht, wir haben keine politische Unterstützung, uns besucht niemand, wir haben noch nicht mal in der Grenzregion zur Türkei die adäquate Nothilfe, um die Flüchtlinge und die Verletzten versorgen zu können.

Ostermann: Eine traurige Bilanz. Martin Glasenapp war für die Hilfsorganisation Medico International im Nordosten Syriens unterwegs. Herr Glasenapp, danke Ihnen für das Gespräch!

Glasenapp: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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