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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

"Es geht um die Konstruktion von Männlichkeit"

Gender-Theoretikerin Beatriz Preciado über den "Playboy"

Moderation: Joachim Scholl

Playboy-Gründer Hugh Hefner mit seinen "Freundinnen" Kristina Shannon (links) und Crystal Harris.
Playboy-Gründer Hugh Hefner mit seinen "Freundinnen" Kristina Shannon (links) und Crystal Harris. (picture alliance / dpa)

Der "Playboy" - das ist weit mehr als viel nackte Haut von Frauen, sagt die Kulturwissenschaftlerin Beatriz Preciado. Es sei anfangs viel mehr um Design und Architektur gegangen. Herausgeber Hugh Hefner habe es geschafft, "eine Art von Zeitblase zu schaffen, wo ganz neue Modelle von Sexualität, von Männlichkeit konstruiert und realisiert werden konnten".

Joachim Scholl: Beatriz Preciado ist Spanierin, eine Kulturwissenschaftlerin, die in Paris lehrt, in Princeton promoviert hat, und dort in Amerika ist ihr nachts beim Fernsehen eine Idee gekommen: Sie sah nämlich den "Playboy"-Gründer Hugh Hefner, wie er im typischen Gewand, im seidenen Morgenmantel und Pantoffeln, über Architektur dozierte. Und das war für Beatriz Preciado, die über Sexualität in den verschiedensten Formen forscht, der Auftrag zu einer Studie über das Magazin, die sie derzeit auch in Deutschland präsentiert. Wir haben Beatriz Preciado getroffen und ich habe sie gefragt, was denn Playboy Hugh Hefner in jener Nacht im Fernsehen so erzählt hat?

Beatriz Preciado: Ja, also, erst einmal vielen Dank für die Einladung und für die Frage! Ich kann mich gut erinnern, zu der Zeit, als ich also nachts Hugh Hefner im Fernsehen gesehen habe, war das erst mal eine ziemliche Überraschung. Da war dann wirklich einer der reichsten Männer des Landes im Morgenmantel und er behauptet auf einmal von sich, er sei ein Mann des Innenraums, der gar nicht erst rausgehen möchte. Und dass der eigentliche Zweck des "Playboys" nicht etwa darin bestanden hätte, jetzt ein möglichst großes Medienimperium aufzubauen, sondern dass es darum ging, damals wie heute, den Innenraum für den Mann zurückzuerobern.

Das ist das Programm des "Playboys" gewesen und das war, ja, eine regelrechte Erschütterung auch für mich, also, eine ganz neue Erkenntnis gerade angesichts der Tatsache, dass der "Playboy" in der Öffentlichkeit nicht vorkommt, dass er totgeschwiegen wurde gerade auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Das ist also ein unbearbeitetes Feld auch wissenschaftlich.

Scholl: Mit dem "Playboy"-Magazin assoziiert man erst einmal nackte Haut, Frau Preciado, Mädchen in verführerischen Posen. Damit wurde Hugh Hefner schwer reich. 1953 erschien der erste "Playboy" und sechs Jahre später war das Magazin die Zeitschrift mit der höchsten Auflage in den USA, über eine Million Exemplare. Und das Magazin propagierte – so Ihre These – einen neuen Typus von Mann in einem neuen räumlichen Ambiente. Was ist das für ein Typus und wo wohnt der denn?

Preciado: Bis heute hat man sich eigentlich vorwiegend die Frage gestellt, wie wird denn eigentlich Weiblichkeit produziert, wie wird Weiblichkeit konstruiert, und man hat darüber vergessen, dass es sich auch bei Männlichkeit um eine Produktion, um eine kulturelle Produktion handelt, die ebenso konstruiert wird. Und darum geht es mir, um diese Frage, wie diese Männlichkeit performativ konstruiert werden kann.

Jetzt, wenn man den "Playboy" und Hefners Thesen in den 50er-Jahren anguckt und sich die Zeitschrift nimmt und sie durchblättert, dann kann man zu dem Schluss kommen, wären da nicht diese nackten Frauen, dass es sich in erster Linie um eine Zeitschrift handelt, die sich mit Fragen des Designs, des Innendesigns und der Architektur auseinandersetzt. Das ist also die Setzung in der Zeitschrift selber.

Und jetzt geht es Hefner darum, diesen neuen Typ Mann aus seinem traditionellen Habitat in den USA herauszureißen. Und das heißt in diesem Fall, ihn aus dieser Vorstadtgegend, den Suburbs, herauszunehmen und in einen neuen Raum, in einen städtischen Raum des Single-Appartements, überzuführen.

Dies vor dem Hintergrund, dass in den USA in jener Zeit eine absolute Geschlechtertrennung vorgeherrscht hat: Es gab auf der einen Seite den produktiven Raum, ein männlich konnotierter Raum, ein urbaner Raum; auf der anderen Seite der reproduktive Raum, der natürlich weiblich konnotiert ist. Genau das ist nun die Bewegung, die in Gang kommt: Der Mann soll aus dem vorstädtischen Raum heraus in die Stadt verpflanzt werden und dort verwandelt er sich in einen Konsumenten von erotischen Produkten unter anderem und wird so nach und nach zum Inbegriff, ja, eines amoralischen, neoliberalen Artefakts des Kapitalismus.

Scholl: Ein ganz interessanter Aspekt ist dabei die Hasenikonografie, die legendären Bunnys, die Mädchen in den knappen Kostümen mit den lächerlichen Hasenohren, wie sie sich als Bild dann weltweit verbreiteten. Zu Beginn, zur Gründerzeit des "Playboy", lesen wir bei Ihnen, Frau Preciado, war der Hase jedoch der Mann. Wieso eigentlich?

Playboy LogoPlayboy Logo (picture alliance / dpa /Ym Yik)Preciado: Das ist in der Tat eine sehr bezeichnende Feststellung. In der Tat, am Anfang war dieser Hase männlich, er war geradezu das Emblem dieses neuen Mannes. Dies vor dem Hintergrund – die Geschichte geht ja noch weiter oder hat eine weitere Vorgeschichte –, dass die Zeitschrift ursprünglich "Stag" hätte heißen sollen, nämlich "Hirsch". Der Name Hirsch verweist natürlich auf diese ganzen Konnotationen: Abgesehen davon, dass eben "Stag Party" auch der Junggesellenabschied sein kann, geht es natürlich eben um Jagdmetaphern, um einen Außenraum, man geht dann in die freie Wildnis und schießt sich was.

Das heißt, es ergibt sich jetzt bei diesem Übergang vom Maskottchen vom Hirschen hin zum Hasen eine allmähliche Verlagerung der Jagd hin zu einer spielerischen Art mit dem Thema. Das heißt, dieser kleine Hase, der rumhüpft, dem es gefällt, zu spielen, der steht dann also für diesen neuen Typus von Mann. Und in der Tat erst im Verlaufe der Jahre ergehen diese Attribute des männlichen kleinen Hasen allmählich über auf die Frau.

Und man kann also wirklich sagen, dass in diesem neuen Maskottchen ein kindlicher Aspekt mit drin steckt, man könnte sogar so weit gehen und in diese "Playboy"-Mythologie, diese pornografische Mythologie des "Playboys", ja, mit den Mythologien zu vergleichen, die von Walt Disney entworfen werden. Also, auch dort ist was genuin Kindliches mit drin. Ich möchte das jetzt nicht weiter ausführen, ich möchte das nur als Anregung in den Raum werfen, damit wir uns mal darüber Gedanken machen können, was es mit dieser Verbindung zwischen "Playboy" und Walt Disney alles auf sich haben könnte.

Scholl: "Pornotopia" haben Sie Ihre Studie überschrieben, die jetzt auch als Buch in deutscher Übersetzung vorliegt. Wir kennen die Utopie, wir kennen die negative Variante, die Dystopie - was ist die "Pornotopie"?

Preciado: Ursprünglich stammt der Begriff "Pornotopie" aus einer literaturkonzentrierten Studie von Steven Marcus, der die Rolle der Pornografie in Texten des englischen viktorianischen Zeitalters untersucht hat. Steve Marcus ging dabei von der These aus, dass Pornografie eigentlich gar keinen eigenen Raum hat, sondern dass sie nur in der Sprache existiere.

Wenn man sich jetzt den "Playboy" anguckt und diese Raumkonstruktion sich näher betrachtet, dann gelangt man eben zum anderen Schluss: Die Pornografie hat sehr wohl einen Ort und er ist ein sehr konkreter Ort, wo also diese ganzen sexuellen Imaginationen, die Wünsche, das Begehren projiziert werden können. Es handelt sich also um einen regelrechten Bruch, um einen Einschnitt in diese Raum-Zeit-Verhältnisse, wie sie traditionellerweise überliefert worden sind. Das heißt, das ist ein Raum, der seine ganz eigenen Gesetze hat und auch die eigenen Gesetze produziert und mit ihnen auch eigene Formen, eigene Gattungen herstellt.

Um das Ganze jetzt noch komplizierter zu machen, könnte man jetzt auch noch den Heterotopie-Begriff Foucaults mit hineinnehmen: Es ist also eine Kombination aus beiden theoretischen Ansätzen, aber das würde jetzt hier, glaube ich, zu weit führen. Man könnte also, um das zusammenzufassen, sagen, dass Hefner und der "Playboy" es geschafft haben, eine Art von Zeitblase zu schaffen, wo eben ganz neue Modelle von Sexualität, von Männlichkeit konstruiert und realisiert werden konnten.

Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit der spanischen Kulturwissenschaftlerin Beatriz Preciado über ihre Forschung zum "Playboy"-Imperium des Hugh Hefner. Und ihre deutsche Stimme ist ihr Lektor des Buches, Marco Thomas Boshart. Nun ist Hugh Hefners "Playboy"-Imperium, Frau Preciado, schnell zum Zielobjekt feministischer Kritik geworden mit dieser Attitüde, die Frauen zum willigen, stets verfügbaren Häschen degradiert. Ihrer Sichtweise zufolge allerdings war Hugh Hefner ein großer Befreier. Müssen wir unser Bild von diesem Dauer-Playboy korrigieren?

Preciado: Weder noch. Das eine stimmt nicht und das andere genau so wenig. Also, Hefner ist in erster Linie ein strategischer Geschichtenerzähler, er ist ein Selbstdarsteller, der es geschafft hat, sich tatsächlich so darzustellen, dass er als Befreier wahrgenommen wird. Wenn man genauer hinguckt, dann stellt man fest, dass auf der anderen Seite die meiste Arbeit im "Playboy" oder für den "Playboy" an Frauen delegiert wird beziehungsweise von Frauen vollführt wird, die die eigentlichen Arbeitskräfte sind, die hier ja auch ausgenutzt werden.

Das heißt, wir müssen uns, glaube ich, davon verabschieden, von der Vorstellung, den "Playboy" in erster Linie als ein Medium zu sehen, in dem es um die Repräsentation des weiblichen Körpers geht, sondern es geht vielmehr um die Produktion, um die Konstruktion von Männlichkeit. Das ist letztlich das Magazin für den gelehrigen Masturbator.

Es geht letztlich um die Kontrolle des Körpers, aber eben nicht nur um die Kontrolle des weiblichen Körpers, sondern es tangiert genauso auch den männlichen Körper mit all seinen Wünschen, mit seinem sexuellen Begehren, der hier in diese Mechanismen hineingezogen wird.

Das heißt, es handelt sich beim "Playboy" weder um einen einfachen Befreiungsdiskurs, man kann aber auch genau so wenig sagen, dass es ausschließlich darum geht, den Körper der Frau auszubeuten. Letztlich könnte man vielleicht sogar den Vergleich ziehen, dass in vielerlei Hinsicht "Playboy" ähnlich funktioniert wie die Hollywoodindustrie, wie die amerikanische Kulturindustrie insgesamt: Es geht mir also letztlich darum, diese ganzen Codes, die hier mit im Spiel sind, einfach genauer zu analysieren und zu differenzieren.

Scholl: "Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im 'Playboy'", so heißt das Buch von Beatriz Preciado. Es ist jetzt im Wagenbach-Verlag erschienen, übersetzt von Bettina Engels und Karen Genschow, 168 Seiten zum Preis von 24,90 Euro. Beatriz Preciado, herzlichen Dank für das Gespräch, gracias!

Preciado/Dolmetscher: Danke schön!

Scholl: Und bei der Übersetzung unserer Unterhaltung hat uns der deutsche Lektor des Buches Marco Thomas Boshart geholfen, auch Ihnen vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.