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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.09.2009

"Es gab Druck unserer Partner"

Frankfurter Buchmesse lädt chinesische Dissidenten aus

Peter Ripken im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Chinesische Literatur steht im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse (Frankfurter Buchmesse / Fotograf: Alexander Heimann)
Chinesische Literatur steht im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse (Frankfurter Buchmesse / Fotograf: Alexander Heimann)

Nach der Ausladung des exilchinesischen Autors Bei Ling und der Umweltaktivistin Dai Qing von einem Symposion der Frankfurter Buchmesse hat Projektleiter Peter Ripken diese Entscheidung verteidigt.

Liane von Billerbeck: In Frankfurt am Main findet am Wochenende eine Tagung statt, die heißt "China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit". Und dazu eingeladen waren auch der exilchinesische Autor Bei Ling, der nach angeblich illegalen Veröffentlichungen in China verhaftet war und nach kurzer Zeit mit amerikanischer Hilfe wieder freigelassen wurde und jetzt in Boston lebt, und die Umweltaktivistin und Autorin Dai Qing, eine der prominentesten Kämpferinnen gegen den Dreischluchten-Staudamm. Die beiden nun wurden von der Buchmesse wieder ausgeladen. Das Ganze geschah nach angeblich massivem chinesischen Druck. Dai Qing allerdings wurde wenige Stunden später wieder eingeladen, vom P.E.N.-Zentrum nämlich. Was das alles bedeutet für die Herbstmesse in Frankfurt, wo China das Gastland ist, das wollen wir jetzt von dem Projektleiter des Symposiums, von Peter Ripken wissen, mit dem ich jetzt telefonisch in Frankfurt verbunden bin. Ich grüße Sie!

Peter Ripken: Schönen guten Tag!

von Billerbeck: Da werden zwei chinesische Autoren von einem Symposium wieder ausgeladen, und das Ganze geschah nach angeblich massivem chinesischen Druck. Wie sah denn der Druck aus?

Ripken: Ich glaube, wir fangen an mit der Begrifflichkeit. Ausgeladen ist ein relativ eindeutiger Begriff.

von Billerbeck: Was war es denn dann?

Ripken: Ich will's Ihnen erzählen. Es gab Druck unserer Partner, das Organisationskomitee, China Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, hat in der Tat massiv deutlich gemacht, diese beiden Personen wollen wir nicht in Frankfurt sehen, wenn sie kommen, ziehen wir uns zurück. Die ursprüngliche Einladung war übrigens schon vom P.E.N. ausgesprochen, an Frau Dai Qing. Herr Bei Ling hat so eine richtige formelle Einladung nie bekommen, er hat nur gesagt, er wolle gerne kommen. Und ich war mit ihm darüber im Gespräch. Ausgeladen wäre, dass ein formeller Akt da war. Es war so, dass wir miteinander uns verständigt haben mit Dai Qing und Bei Ling, das Symposium nicht aufgrund ihrer Teilnahme platzen zu lassen, dass sie daher vielleicht nicht teilnehmen, weil sie eine hohe Verantwortung auf sich laden. Das Ziel dieses Symposiums ist nämlich der Dialog mit dem offiziellen China, das ist auch unser Partner, und nicht die Frage der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit. Wir haben Themen wie Folgen der Modernisierung, wir haben Themen wie Wissensgesellschaft, wir haben Themen wie das wechselseitige Missverständnis in den Medien und außenpolitische Themen. Wir haben eine ganze Reihe von Themen, und die chinesische Seite meinte wohl, diese beiden würden die Diskussion verschieben. Ich hab mit denen kommuniziert, und wir waren uns einig, wir waren uns einig, dass sie nicht kommen. Danach – das hat mir Frau Dai Qing auch bestätigt per E-Mail – und danach ist sie sozusagen mit dem alten Korrespondenz zum Konsulat gegeben und hat innerhalb kürzester Zeit ein Visum erhalten, während Professor Wang Hui, ein renommierter Intellektueller, von der deutschen Botschaft wie ein kleiner Bittsteller behandelt worden ist und mit einem formalen Grund, der karikaturistisch ist, kein Visum bekommen hat.

von Billerbeck: Das ist jetzt ein weiteres Thema, was Sie jetzt aufmachen, trotzdem hängt es ja damit zusammen: Sie machen ein Symposium mit dem offiziellen China, und zwei der Autoren, die dort auftreten sollten ...

Ripken: Wollten ...

von Billerbeck: ... wollten und sollten ... in dem einen Fall wollten, in dem anderen Fall sollten, können dort nun nicht auftreten, weil sie auf Druck des offiziellen Chinas nachgegeben haben und eingeknickt sind. Der Chef der Frankfurter Buchmesse, denn das hat ja möglicherweise Folgen für den Herbst, denn China ist Gastland – Sie haben es eben wiederholt –, der Chef der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, der hatte früher mal was ganz anderes gesagt:

Juergen Boos: Da kann man keine Auflagen machen. In Deutschland ist das möglich, was innerhalb der Gesetze der Bundesrepublik möglich ist. Das heißt, hier kann jeder sich äußern. Und es wird sich auch jeder auf dem Messegelände entsprechend äußern können. Frankfurt ist kein Platz, an dem man Öffentlichkeit oder Meinungen kontrollieren kann.

von Billerbeck: Herr Ripken, diese vollmundige Erklärung, die scheint ja nun eigentlich Makulatur zu sein?

Ripken: Ich halte sie überhaupt nicht für Makulatur. Sie isolieren ein einziges Ereignis, nämlich dieses Symposium, die einzige Veranstaltung, die unser offizieller Partner und die Frankfurter Buchmesse gemeinsam haben, die isolieren Sie von den Ereignissen der Frankfurter Buchmesse, wo jeder machen kann, was er will, der Ehrengast sein Programm abspult, Amnesty International ein Programm macht, andere Menschenrechtsorganisationen und dergleichen mehr. Ich habe zum Beispiel ins Internationale Zentrum den Präsidenten des uigurischen P.E.N. eingeladen. Das ist eine Person und eine Organisation, die von den Chinesen als eine Terrorbande angesehen wird, weil ich meine, dass die Positionen auch deutlich werden müssen. Aber Sie können nicht über alles und jedes Thema, das sich mit China stellt, an jedem beliebigen Ort gleichzeitig reden. In diesem Falle haben wir uns dafür entschieden, dass wir einen sozusagen offiziösen Dialog wollen, und das hat Konsequenzen gehabt, die unerfreulich sind, die uns auch nicht gerade leichtgefallen sind – das will ich Ihnen nicht verhehlen –, und wo wir sagen, wenn wir einen Dialog nur auf der Ebene der Chinakenner, der Sinologen, der Journalisten, die sowieso immer Bescheid wissen, und ein paar Dissidenten führen, dann wird das ein Tribunal, und dann wird das keine Veranstaltung, die versucht, die Probleme, die wir alle miteinander haben – und die Chinesen haben Probleme mit uns und wir haben nicht Probleme mit den Chinesen – zu erörtern und herauszufinden, wo läuft was schief. ...

von Billerbeck: Trotzdem sind ja diese Ereignisse, Herr Ripken, könnte man ja als Vorgeschmack verstehen auf das, was möglicherweise im Herbst noch passiert. Also das war ja vielleicht nur der Testballon, denn im Herbst, wenn China Gastland in Frankfurt ist – ich habe gelesen, Sie kooperieren oder müssen dafür ja auch mit der obersten chinesischen Zensurbehörde, der Verwaltung der Presse und Publikationen, kooperieren. Die bestimmen dann also, wer nach Frankfurt kommt, oder?

Ripken: Ja, das war bei allen Ehrengästen so. Die Organisation, die das Programm macht, bestimmt, wer kommt. Aber ...

von Billerbeck: Was bleibt denn dann von der Meinungsfreiheit, die eben der Chef der Frankfurter Buchmesse so vollmundig verkündet hat?

Ripken: Nein, nein, nein. Also es ist so, dass eine ganze Reihe von chinesischen Autoren, Kritikern, Dissidenten in Frankfurt sein werden, eingeladen von anderen. Das ist das andere als bei diesem Symposion. Das ist die andere Situation. ...

von Billerbeck: Aber haben Sie nicht Angst, wenn Sie einmal nachgeben, dass das dann weiter passieren wird?

Ripken: … Bei anderen Veranstaltungen können Sie uns ja überhaupt gar nicht reinreden. In diesem Fall sind wir Partner, und unter Partnern streitet man sich, aber man muss sich irgendwie einigen.

von Billerbeck: Das heißt, es wird im Herbst keinen Druck seitens China geben, dem Frankfurt nachgibt?

Ripken: Nein, wir haben da gar nichts nachzugeben. Wir machen unser Programm, ich mach das Internationale Zentrum, da habe ich einen China-Tag, da habe ich zum Beispiel einen Mann eingeladen, der in China sozusagen als Leibhaftiger gilt, der Nobelpreisträger für Literatur, Gao Xingjan. Den habe ich eingeladen, und der kommt und diskutiert mit einem anderen in London lebenden Autor über das, was es heißt, in der Fremde zu leben, sozusagen im Dazwischen. Und da kann mir kein Chinese reinreden, keine Amtsperson sagen, das ist nicht erlaubt oder wir ärgern uns, wenn du das machst. Da sage ich, das nehme ich zur Kenntnis. Wir machen diese Veranstaltung mit kritischen Elementen.

von Billerbeck: Trotzdem bleibt da ein schaler Beigeschmack nach dieser Ausladung.

Ripken: Bei dieser Angelegenheit bleibt ein schaler Nachgeschmack. Es wird gerade derzeit ausgelotet, ja, ausgelotet, was unsere chinesischen Partner machen werden, wenn Dai Qing tatsächlich in Frankfurt sein will, eh wird.

von Billerbeck: Wir werden das beobachten. Peter Ripken war das, der Projektleiter einer Tagung der Frankfurter Buchmesse, von der zwei kritische chinesische Autoren nach offiziellem chinesischen Druck wieder ausgeladen wurden. Ich danke Ihnen schön!

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