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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.05.2012

"Es explodieren alle vier Himmelsrichtungen"

Etel Adnan: "Arabische Apokalypse", Aus dem Französischen von Ulrike Stoltz, Suhrkamp Verlag, April 2012, 79 Seiten

Ein Bombenkrater in der libanesischen Hauptstadt Beirut (AP)
Ein Bombenkrater in der libanesischen Hauptstadt Beirut (AP)

Die 1925 in Beirut geborene Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan ist jahrzehntelang zwischen Frankreich, den USA und dem Libanon gependelt. Ihr 1980 entstandener Gedichtzyklus "Arabische Apokalypse" beschwört - von symbolhaften Zeichnungen durchbrochen - Bilder einer durch Bürgerkriege verwüsteten Welt.

"Ich schreibe, was ich sehe" und "ich male, was ich bin", notierte Etel Adnan in ihrem Künstlerbuch "Reise zum Mount Tamalpais". Das Malen offenbart die tieferen Schichten ihres Seins. Auch der 1980 auf Französisch veröffentlichte und später von ihr selbst ins Englische übertragene Gedichtband "Arabische Apokalypse" ist eine Kombination von Kunst und Literatur. Kreise, Spiralen, schraffierte Linien, mit Haken versehene Striche, Pyramiden und verschlungene Zeichen durchbrechen unregelmäßig die Zeilen von 59 Gedichten. Adnan evoziert abstrakte Bilder und reiht sie assoziativ aneinander. Gerät ein Gedanke ins Stocken, so löst sie die Starre, indem sie Zeichen setzt. Ins Deutsche übersetzt und gestaltet wurden die Poeme von der international renommierten Typologin und Buchkünstlerin Ulrike Stoltz.

Mit eigenen Augen hatte Etel Adnan gesehen, wie der Bürgerkrieg den Libanon zwischen 1975 und 1991 in ein Inferno stürzte: "Es explodieren alle vier Himmelsrichtungen", und Beirut, die "dreckige syphilitische Hure", wird zum "Wetterhahn des Verderbens". Der Gedichtzyklus beginnt mit der Aufzählung vielfarbiger Sonnen, deren Reflexe die Autorin auf Spieltischen oder in Form von Blumen und Booten wahrnimmt. Das ganze Spektrum menschlicher Gefühlsregungen wird den Himmelskörpern zugeschrieben. Mal erscheint die Sonne als ewig siegreiche Macht, die die Sterne kollabieren lässt, mal als Kreatur, die von der Willkür todessüchtiger, rächender Menschen geschändet wird.

Etel Adnan bremst die lyrische Emphase wiederholt durch Einschübe, die dokumentarischen Charakter haben: "Nacht ohne Zwischenfall. Beerdigungen. Sarg ohne Rosen. Unbewaffnetes Volk. In langer Linie." Die Prozession von Trauer Tragenden, die Überfälle von Milizionären oder der Alltag in palästinensischen Lagern wird im Telegramm-Stil übermittelt: "Kinder spielten mit der Sonnenleiche Fußball STOP". In die Verzweiflung über die im Libanon verübten Gräuel mischt sich Resignation: "Die Eukalyptusbäume stehen in Blüte. Die Araber sind unter der Erde. Die Amerikaner auf dem Mond." Auf sarkastische "Huh-la"- Rufe folgt wehklagendes Geheul. Gelegentlich hält Adnan den Horror der "arabischen Apokalypse", die ihren Widerhall in anderen Teilen unseres Kontinentes findet - namentlich in Guatemala, wo 1980 bereits seit 20 Jahren Bürgerkrieg herrschte -, für einen Augenblick mit sinnfreien Bildschöpfungen an.

In keinem Fall aber ist sie gewillt, sich dem Schmerz zu ergeben. Als Poetin und bildende Künstlerin beherrscht sie ihn nachträglich. Etel Adnans Weise, innere Regungen mit Reflexionen und bildhafter Wahrnehmung zu verknüpfen, ist einzigartig. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich ihr Ich inmitten eines kriegerischen Chaos behauptet, klingt provozierend einfach: "Die Sonne hat ihre Kinder gefressen. Ich aber war ein glücklicher Morgen." Tatsächlich ist auch diese Erkenntnis das Ergebnis einer nicht abreißenden Bemühung, das Menschsein zu verstehen und zu ertragen. Die Aussicht auf den "allerletzten Lauf der Sonne", bei dem "Feuer Feuer verschlingen wird", kann eine Person wie Etel Adnan nicht erschrecken.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Etel Adnan: Arabische Apokalypse
Aus dem Französischen von Ulrike Stoltz
Suhrkamp Verlag, April 2012
Broschur, 79 Seiten, 22,95 Euro

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