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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.12.2012

Es duftet so edel - und so verrucht

Tilar J. Mazzeo: "Chanel No. 5", Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 319 Seiten

Das wahrscheinlich berühmteste Parfum der Welt: Chanel No. 5
Das wahrscheinlich berühmteste Parfum der Welt: Chanel No. 5 (picture alliance / dpa / Kainulainen)

Chanel No. 5 ist für viele der Inbegriff von Verführung, Luxus und Schönheit. Die Kulturwissenschaftlerin Tilar J.Mazzeo erzählt in ihrem neuen Buch die Geschichte dieses wohl berühmtesten Parfums der Welt - und lädt ihre Leser ein zu einem höllischen Ritt durch das 20. Jahrhundert.

"Das ist kein Parfum, das ist ein verdammtes Kulturmonument", soll ein anonymer Konkurrent einmal über Chanel No. 5 gesagt haben. Der Duft ist seit 1920 auf dem Markt und zählt bis heute zum meistverkauften Luxusparfum der Welt. Die amerikanische Kulturhistorikerin Tilar J. Mazzeo hat die spektakuläre Geschichte des Parfums Chanel No. 5, die von den wilden Zwanzigern bis in die tiefsten Abgründe des 20. Jahrhunderts reicht, akribisch recherchiert. Das Ergebnis ist ein Sachbuch, das sich liest wie ein Roman: eine Mischung aus Chanel-Biografie, opulentem Liebesroman und packendem Politthriller.

Die Geschichte des Parfums beginnt nach dem Ersten Weltkrieg: Die aufstrebende Couturière Coco Chanel, eine ehemalige Chanson-Sängerin mit zweifelhafter Herkunft, ist mit sportlicher Damenmode berühmt geworden. Über ihren russischen Liebhaber lernt sie den einstigen Hofparfumeur des Zaren, Ernest Beaux, kennen. Dieser entwickelt für Chanel eine außergewöhnliche Duftreihe, die sowohl künstliche Aldehyde als auch große Anteile exquisiter Rosen- und Jasminaromen enthält. Die Probe mit der Nummer fünf riecht zugleich edel und verrucht - der perfekte Duft für Coco Chanel, deren Leben ein ähnlicher Spagat zwischen diesen beiden Extremen ist.

Damit das Parfum in großem Stil vertrieben werden kann, schließt Chanel 1924 mit den Besitzern eines der weltgrößten Parfumkonzerne einen folgenschweren Vertrag: Darin verkauft sie ihre Rechte an die Industriemagnaten Pierre und Paul Wertheimer. Obwohl Coco Chanel ihre Gewinnbeteiligung selbst ausgehandelt hat, fühlt sie sich im Nachhinein übers Ohr gehauen. Als im Zweiten Weltkrieg auch Paris von Hitlerdeutschland besetzt wird, wittert sie eine schmutzige Chance: Mithilfe nationalsozialistischer Gesetze versucht Coco Chanel, die jüdischen Unternehmer zu enteignen und so die Kontrolle über ihr Parfum zurück zu bekommen. Als der Plan misslingt, startet Coco Chanel eine Rufmordkampagne. Ein erbitterter Kampf zwischen der Designerin und den Brüdern Wertheimer beginnt, der jahrzehntelang ausgefochten wird. Währenddessen verselbständigt sich Chanel No. 5 in Amerika zu einem Kultobjekt, das Andy Warhol viele Jahre nach dem Tod seiner Erfinderin mit einem Siebdruck der charakteristischen Art-Déco-Flasche adeln wird.

Tilar J. Mazzeo erzählt die Geschichte des Parfums Chanel No. 5 in einer für Sachbücher äußerst untypischen, blumigen Sprache. "Seit Jahrzehnten gleicht der Duft von Chanel No. 5 einem erotischen Flüstern, das die Gegenwart von Pracht und Sinnlichkeit verheißt", heißt es etwa zu Beginn des ersten Kapitels. Die Autorin verbannt zudem sämtliche Quellenangaben in den Anhang, was die belletristische Anmutung noch verstärkt und den Lesefluss erhöht (bei all jenen aber Verwirrung stiftet, die ein wörtliches Zitat tatsächlich nachschlagen wollen.)

Doch vielleicht ist es gerade diese Lesbarkeit, gepaart mit einem Hauch von Groschenroman, die dafür sorgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Ein höllischer Ritt durch das 20. Jahrhundert - auf den Spuren des berühmtesten Parfums der Welt. Selten wurde ein fundiert recherchiertes Sachbuch derart melodramatisch, aber packend und unterhaltsam geschrieben.

Besprochen von Tabea Grzeszyk

Tilar J. Mazzeo: Chanel No. 5 - Die Geschichte des berühmtesten Parfums der Welt
Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß
Hoffmann und Campe, Hamburg 2012
319 Seiten, 22,99 Euro

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