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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.11.2012

Erotik mit Dirndl und Lederhose

Ulrich Mannes: "Alpenglühn", Verbrecher Verlag 2012, 70 Seiten

Von Bernd Sobolla

Viele der frühen Sex-Filme wirkten nicht besonders erotisch, sondern eher abstrus.
Viele der frühen Sex-Filme wirkten nicht besonders erotisch, sondern eher abstrus. (dapd)

Die Streifen hießen "Alpenglühn im Dirndelrock", "Bohr weiter, Kumpel" oder "Liebesgrüße aus der Lederhose": Ulrich Mannes widmet sich in diesem Buch den trashigen Sexfilmen aus den 70er-Jahren - und erlaubt uns interessante Blicke hinter die Kulissen des deutschen Erotikkinos.

Lesung: Der Autor Erich Lusmann forscht in den Untiefen des deutschen Films. Zu diesem Zweck hat er es sich im Biergarten gegenüber seiner Schwabinger Altbauwohnung bequem gemacht. Auf seinem Tisch sind ein mitteldicker Aktenordner, mehrere cineastische Nachschlagewerke und ganz viele Zeitungsausschnitte ausgebreitet.

Kurz darauf setzt sich seine Nachbarin Roswita an den Tisch, und es entwickelt sich ein Dialog über Erich Lusmanns Arbeit - über das deutsche Erotikkino der 70er-Jahre. Natürlich hat Ulrich Mannes die Personen Erich und Roswita ebenso erfunden wie das Gespräch zwischen ihnen: Ein Stilmittel, um Fakten, Zeitgeschichte und Skurriles miteinander zu verbinden. Wobei Ulrich Mannes, der freier Autor, Lektor und Filmvorführer ist, auf das Thema durch Zufall stieß.

"Also der Auslöser für das Ganze war die Gründung einer Kinozeitschrift, für die ich einen extravaganten, abstrusen Titel gesucht habe. Und da bin ich auf die Person Siggi Götz gestoßen. Das wiederum das Pseudonym von Sigi Rothemund ist. Und habe die Zeitschrift Sigi Götz Entertainment genannt. Ohne zu wissen, was für ein Kosmos sich mir eröffnet. Und da kommt man früher oder später nicht an den Erotikfilmen vorbei."

Und so beginnt das Buch mit Erläuterungen zu "Alpenglühn im Dirndlrock".

Lesung: Wir befinden uns in Vögelbrunn. Und ein Schnitt auf eine deftige Sexszene in einer Bauernstube macht klar, dass man diesen Ortsnamen in aller Eindeutigkeit verstehen muss. Um das chronische Finanzproblem von Vögelbrunn ein für allemal zu lösen, will der Bürgermeister sein Dorf zur Marktgemeinde erheben lassen. Nur fehlen dafür genau sieben Einwohner. Der Rat beschließt darauf eine Art Zeugungsprämie.

Der Autor macht klar, dass die Filmemacher durchaus witzige Ideen hatten, um ihre Protagonisten zu entblößen. Auch wenn die Umsetzung vor der Kamera derb umgesetzt wurde. Wie in Siggi Götz´ "Bohr weiter, Kumpel", einer Bergarbeiter-Klamotte, bei der sich alles um Erotikwäsche und einen verlorenen Lottoschein dreht.

Kuckuck, Kuckuck! / Wat guckst du denn so, Hannemann? / Immer wenn du den schatten Schlüpfer von der Beate Uhse an hast, dann wackeln hinterher die Betten, als wenn es ein Erdbeben geben tät. / Dat geht dich nichts an. Kümmer dich lieber um deine Schulsachen.

Aber Ulrich Mannes macht auch einen interessanten historischen Exkurs: Ende der 60er-Jahre hatte das Bundesfamilienministerium den Aufklärungsfilm "Helga" produziert und damit völlig überraschend fünf Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt. Die Branche witterte ihre Chance, und mit dem Anspruch von Wissenschaftlichkeit wurden diverse Nachahmer-Filme produziert. So entstand unter der Federführung von Oswald Kolle der Film "Das Wunder der Liebe".

Du hast mich nicht einmal richtig in die Arme genommen. / Aber Liebling, ich war doch wirklich ... / Nein, jetzt lass mich reden! Jetzt muss es raus! Ich liege im Bett und grüble: Mag er dich nicht mehr? Hat er vielleicht eine andere? / Aber warum hast du mir denn nie was gesagt?

Dass die frühen Siggi-Götz-Filme hingegen mit derbem Witz gespickt waren, hatte pragmatische Gründe: Die "anrüchigen" Szenen sollten entschärft werden, um eine Kinofreigabe zu erhalten. Allerdings übersieht Ulrich Mannes hier einen wichtigen Aspekt: Komik und Klamauk töten Erotik! So wirken die frühen Sex-Filme nicht erotisch, sondern eher abstrus. Erst Ende der 70er-Jahre wurde der Humor etwas subtiler, die Bilder schöner, und Musik, Meer und Wind assoziieren eine gewisse Freiheit. Wie in "Griechische Feigen" oder in "Summer night fever", einem Roadmovie, das von München nach Ibiza führt.

Haben Sie schon einmal das berühmte Meeresleuten gesehen? / Meeresleuchten, Freddy? Jetzt, wo es hell wird? / Ja eben. So in der Morgendämmerung. Da ist es am allerschönsten. Da vorne ist eine Stelle. Wenn wir da tauchen, kann ich es ihnen zeigen. / Aber wir beide müssen nackt schwimmen.

Die Filme von Siggi Götz gehören nicht zu den cineastischen Höhepunkten der deutschen Filmgeschichte. Deshalb ist es schade, dass Ulrich Mannes, wenn er sich schon dem Erotikkino widmet, Werke wie "Die flambierte Frau" von Robert van Ackeren ebenso übergeht wie Filme von Klaus Lemke mit Cleo Kretschmer oder Sylvie Winter. Auch ein Seitenblick nach Frankreich, wo Romy Schneider in "Swimmingpool" badete, hätte aufschlussreich sein können. Aber genau das wollte Ulrich Mannes nicht.

"Das waren Parallelwelten. Diese anspruchsvollen Erotikfilme, die so im Neuen Deutschen Kino entstanden sind und diese derben Sexfilme, die haben beide profitiert von der Lockerung der Zensur, aber haben sich im Grunde ansonsten überhaupt nicht berührt."

Ende der 70er-Jahre war es aus mit der derben Erotik. Die Pornografie wurde freigegeben, der Videomarkt explodierte und die Sexkomödien, die zeitweise die Hälfte der deutschen Jahresproduktion ausmachten, waren einfach ausgereizt. Auch wenn "Alpenglühn" das Genre vielschichtiger hätte analysieren können, bietet das Buch interessante Blicke hinter die Kulissen des deutschen Erotikkinos. Und Betty Vergès zum Beispiel, der Star aus "Griechische Feigen", wird noch heute in Russland heiß verehrt.

Ulrich Mannes: Alpenglühn. Ein Dialog zum Deutschen Erotikkino
Verbrecher Verlag 2012
70 Seiten, 12 Euro