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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2012

Erneuerung mit Orpheus

Weills "Der neue Orpheus" und Glucks "Orpheus und Eurydice" in Regensburg

Von Bernhard Doppler

Orpheus bestattet Eurydice - Yosemeh Adjei und der Opernchor Regensburg
Orpheus bestattet Eurydice - Yosemeh Adjei und der Opernchor Regensburg (Theater Regensburg / Jochen Quast)

Mit einem doppelten Orpheus-Abend eröffnete der neue Intendant Jens Neudorf die Spielzeit in Regensburg. Dabei ergänzten sich Kurt Weills Kantate "Der neue Orpheus" und die Oper "Orpheus und Eurydice" von Christoph Willibald Gluck in Peter Lunds Inszenierung recht überzeugend.

Entstehung und Legitimation von Musiktheater werden wohl an keinem Stoff so deutlich sichtbar wie an der Sage von Orpheus, dem Musiker, der mit seiner Musik das Totenreich besänftigte, um seine tote Geliebte wieder ins Leben zu bringen: "Orfeo" war vor gut 400 Jahren die erste Oper überhaupt.

Kein Wunder also, dass gerade zu Beginn einer Spielzeit oder einer Intendanz häufig eine Orpheus-Oper programmatisch als Eröffnung dient. Letzte Woche eröffneten die Komische Oper Berlin mit Claudio Monteverdis "Orfeo" und das Staatstheater Kassel mit Hans Werner Henzes politischem Tanztheaterstück "Orfeus - Eine Geschichte in sechs Szenen" die Spielzeit.

Auch der neue Intendant in Regensburg Jens Neundorf von Enzberg hat "Orpheus" an den Beginn gesetzt, und zwar die populärste Oper dieses Stoffes, "Orpheus und Eurydice" von Christoph Willibald Gluck, der nur weniger Kilometer von Regensburg entfernt geboren wurde: Eine Reformoper, die mit ihrer musikdramatischen Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit das Musiktheater veränderte und so selbst einen folgenschweren Neubeginn darstellte.

Davor setzte man in Regensburg eine "Kantate" des jungen Kurt Weill: "Der neue Orpheus". Zwar ist dieses Werk streng genommen keine Oper, sondern eine "Kantate". Aber nicht nur weil Weill in der Kantate eine Vorform seiner Vorstellung des Musiktheaters sah, die Mischung aus Chanson, Moritat und Konzertarie scheint inhaltlich und musikalisch Weills "Musiktheater-Reform" in nuce vorwegzunehmen und Klassiker wie "Die Sieben Todsünden" oder "Mahagonny" anzudeuten: eindringlich, zynisch und sentimental zugleich und rhythmisch scharf durch Bläsereinsätze akzentuiert, aber durchaus auch mit religiösen Zitaten, kompositorische Avantgarde und gleichzeitig Unterhaltungsmusik.

Der Kantate liegt ein Gedicht von Ivan Goll zugrunde: Orpheus in den 20er-Jahren des 20. Jahrhundert ist ein Durchschnittsbürger: "1,78 groß, 68 Kilo schwer, steifer Hut", Musiker in der Großstadt Berlin, fast ohne Wirkung, manchmal gibt er Klavierunterricht, manchmal spielt er um Mitternacht im Variete. Eurydice - wohl eine Prostituierte - nimmt Orpheus kaum mehr wahr, er rettet sie nicht aus ihrer "Unterwelt". Orpheus "allein im Wartesaal" verübt Selbstmord.

Michaela Schneider, später auch Eurydice bei Gluck, trägt die Kantate vor; Orpheus, die Pistole in der Hand, windet sich in einer Nische in einer weißen Wand (Bühne und Kostüme: Claudia Doderer). Wenn Stadtbewohner - in "steifen Hüten" oder ein Invalide auf Krücken vorbeigehen - wirken die Straßenszenen wie stillgehaltene Großstadt-Gemälde . Weills Kantate ist ein recht kurzes Stück, doch es gibt programmatisch die Interpretation von Glucks "Azione teatrale" vor. Nicht der Kontrast, sondern das Gemeinsame werden gesucht.

Die Männer in steifen Hüten, grauen Mänteln stehen bei Gluck nun am offenen Grab Eurydices, schütten Erde darauf, drücken Orpheus ihr Beileid. Orpheus erschießt sich - wie der "neue Orpheus" - aus Trennungsschmerz. Sein Gang in die Unterwelt, um die verstorbene Eurydice wieder zu sehen, ist keine Gnade der Götter.

Konsequenterweise ist der Hades im 2. Akt nicht real, sondern eine Kunstwelt, und der Chor der Erynnien sind Opernbesucher, die das Geschehen von der Loge, Sektglas in der Hand, kommentieren; das Elysium, in dem Orpheus und Eurydice blinde Kuh spielen - er darf sie ja nicht anblicken - ist mit Plastiken bestückt, die an Figuren Salvador Dalis erinnern.

Der Schlussakt schließlich führt den Mythos in den Alltag. Eurydice am Küchentisch erträgt nicht, dass sie ihr Mann nicht "richtig" anschauen will. Das Blickverbot der Götterer: ein innerer Zwang, ja eine Neurose des Künstlers? So will Eurydice nicht leben! Und auch Orpheus nicht. Also wieder Selbstmord? Gott Amor schafft ein gutes Ende und im Finale gibt es ein Loblied auf die Liebe.

Peter Lunds Inszenierung - unterstützt durch die klaren, meist weißen Kunsträume Claudia Doderers - kann sich immer wieder auf Ivan Golls und Kurt Weills "Kantate" berufen und hat mit diesem Blick tatsächlich überzeugend auch aus Glucks Orpheus einen "neuen" Orpheus gemacht.

Musikalisch gefällt das dramatisch pulsierende Philharmonische Orchester unter Tetsuro Ban sehr. Gott Amor wird von keiner Knabenstimme, sondern von Aurora Perry gesungen, Orpheus jedoch von einem spielfreudigen, ja fast frech-jugendlichen Countertenor, Yosemeh Adjei, der allerdings alle Weichheit der Lamenti, die sonst meist ein weiblicher Alt in dieser Rolle bietet, verweigert: insofern auch ein "neuer" Orpheus.

Der neue Orpheus / Orpheus und Eurydike
Kantate Op. 16 von Kurt Weill, Text von Ivan Goll
Oper von Christoph Willibald Gluck, Dichtung von Ranieri de’ Calzabigi
Regie: Peter Lund
Musikalische Leitung: Tetsuro Ban
Theater Regensburg