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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 12.04.2014

ErnährungUnsere Lebensmittel sind nicht zu billig!

Der Mythos von den niedrigen Preisen in Deutschland

Von Udo Pollmer

Lebensmittel, Obst, Einkauf (dpa / pa / Uli Deck)
Udo Pollmer hält die Diskussion um billige Lebensmittel für Klamauk. (dpa / pa / Uli Deck)

Unsere Lebensmittel sind zu billig, heißt es immer wieder, und deshalb müssen die Landwirte dieser Welt ihre Tiere quälen und die Umwelt ausbeuten. Udo Pollmer hält diesen Vorwurf für falsch - denn daraus spreche die Arroganz der Besserverdienenden.

Die Meldungen widersprechen sich: Die "Deutschen Wirtschaftsnachrichten" verkünden, die "Lebensmittelpreise explodieren" – mit Explosion sind gut 4 Prozent Preisanstieg binnen eines Jahres gemeint. Beinahe zeitgleich verkündet der "Tagesspiegel" "Preissenkungen satt: Aldi und Co in der Preisschlacht". Das Fernsehen kontert mit der Schlagzeile "Ein Lebensmittel wird verramscht" - der Preis für Bananen sei seit 20 Jahren nicht mehr gestiegen. Früher nannte man das Preisstabilität – aber auch das gibt bei Lebensmitteln Anlass zu scharfer Kritik.

Andere Länder würden mehr Geld fürs Essen ausgeben – weil qualitätsbewusster. Die Statistiker der EU haben das Preisniveau der Mitgliedsstaaten unlängst verglichen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Deutschland liegt über dem Durchschnitt. Nur Milchprodukte und Alkohol sind etwas günstiger – letzterer deshalb, weil die Skandinavier den nackten Steuer-Wucher betreiben. Dafür ist Fleisch in Deutschland fast ein Drittel teurer als im EU-Durchschnitt.

Warum "bio" im Supermarkt so billig ist

Gefühlt sind die Mittelmeerländer für uns teurer. Ein Restaurantbesuch geht dort ins Geld. Es ist eine andere Esskultur. Das Frühstück ist fast nicht existent, das Mittagessen eher dürftig, die Hauptmahlzeit gibt's am Abend, dann aber mehrgängige Menüs. Das heißt aber noch lange nicht, dass im Süden das Geld lockerer sitzt. Deutsche Discounter verdienen auch dort gutes Geld. Aber wenn die Franzosen deutlich mehr Geld für Fleisch ausgeben als wir, heißt es vorwurfsvoll, Franzosen seien eben qualitätsbewusster. Dabei essen sie mehr Fleisch als die Deutschen, vor allem Rindfleisch, daher die Mehrausgaben. Qualitätsbewusstsein zeigt sich durch Verzicht auf fettreduzierte, zuckerfreie und vitaminisierte Produkte. Dadurch bleibt mehr Geld für's Essen.

Natürlich meldet sich beim Thema Preis auch die Landwirtschaft zu Wort: Der Deutsche sollte seiner Nahrung mehr Wertschätzung entgegenbringen. Dahinter steckt die Vorstellung, höhere Lebensmittelpreise würden von Handel und Herstellern bis zum Acker durchgereicht. Im Gegenteil: Die vielen EU-Subventionen für die Bauern kassiert der Handel kaltlächelnd wieder ein. Das ist der Hauptgrund, warum "bio" im Supermarkt so billig ist. Außerdem ist der Vorwurf der Agrarlobby an Verbraucher, die sparen wollen, heuchlerisch. Die meisten Landwirte kaufen am liebsten im Discounter ein. Wenn ihnen eine gehobene Qualität so wichtig ist, können sie jederzeit mit gutem Beispiel vorangehen, statt mit dem Finger auf die anderen Kunden im Discounter zu zeigen.

Gäbe es keine Discounter, müsste der Staat Hartz IV aufstocken

Oft wird der Eindruck erweckt, die Kühe müssten leiden, wenn der Quark billiger wird. Wie soll das gehen? Setzt der Bauer dann sein Milchvieh auf Diät oder kauft Billigfutter? Geht etwa der Mäster, wenn er beim Metzger ein Sonderangebot sichtet, in den Stall und zieht den Schweinen die Ringelschwänze lang? Tritt der Eierbaron den Hühnern persönlich in den Hintern, damit sie sich endlich zusammenreißen und mehr Eier legen?

Alle Landwirte halten ihre Tiere in den gleichen Ställen auf die gleiche Weise und füttern das wirtschaftlichste Futter. Wer dem Vieh etwas Gutes tun will, sollte sich für neue Ställe engagieren – statt sie zu verhindern. Neue Ställe sind wirtschaftlicher und vor allem tierfreundlicher.

Gäbe es keine Billig-Discounter, müsste der Staat Hartz IV aufstocken. Dann wären Steuererhöhungen wohl unvermeidlich. Im Ergebnis bliebe den Menschen weniger Geld fürs Essen. Aus dem Vorwurf, die Lebensmittel würden zu wenig kosten, spricht die Arroganz der Bessergestellten. Eigentlich ist es doch eine Errungenschaft, wenn auch die weniger gut Betuchten satt werden.

Die ganze Billig-Diskussion ist doch nur billiger Klamauk. Wenn im Fernsehen der Beitrag mit den Essens-Heuchlern versendet ist, folgen nach der Werbepause Tipps & Tricks für Preisbewusste: Auf Schnäppchenjagd bei den Billigfliegern; so spart man beim Kauf von Designermode; und so günstig ist eine Schönheits-OP in Ungarn. Bleiben Sie dran!

Aber beim Essen, da darf bekanntlich nur an Kalorien gespart werden. Mahlzeit!

Quellen:
Eurostat: Preisniveaus für Nahrungsmittel reichten im Jahr 2012 von 61% des EU27-Durchschnitts in Polen bis 143% in Dänemark. Pressemitteilung 99/2013 - 21. Juni 2013
Anon: Inflation: Lebensmittel-Preise explodieren. Deutsche Wirtschaftsnachrichten 16. Jan. 2014
RBB-Fernsehen: Billig. Billiger. Banane – Ein Lebensmittel wird verramscht. Sendung vom 24. März 2014
Sell A: Wie gut ist Billigfleisch? Bild 19. März 2014
Hubschmid M: Preissenkungen satt: Aldi und Co in der Preisschlacht. Tagesspiegel 28.Januar 2014
Keckl G: Die Mär vom geizigen Deutschen. DLZ vom 28. Mai 2013
Marguier A: Der grüne Ekel vor bildungsfernen Discount-Deutschen. Cicero 27. März 2013
Kwasniewski N: Preiskampf im Einzelhandel: Gensoja im Tierfutter macht Discounter-Fleisch billig. Spiegel Online 19. März 2014

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