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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 05.04.2014

ErnährungGene auf Wanderschaft

Was Pflanzen-DNA im menschlichen Körper anstellt

Von Udo Pollmer

Symbolisch steht ein Schild mit der Aufschrift "Genfood" vor einem gentechnisch veränderten Maiskolben auf einem Feld nahe Ramin im Landkreis Uecker-Randow. (picture-alliance / ZB)
Können gentechnisch veränderte Lebensmittel dem Menschen gefährlich werden? (picture-alliance / ZB)

Die DNA aus genetisch veränderten Pflanzen wird durch die Nahrung auf den Menschen übertragen. Kritiker warnen vor unvorhersehbaren Folgen für den Körper. Udo Pollmer erklärt, warum sich Verbraucher darüber dennoch keine Sorgen machen müssen.

Die Nachricht klingt schon ziemlich ungewöhnlich: Im menschlichen Blutkreislauf lassen sich tatsächlich Gene aus unserem Essen nachweisen. In Europäern findet man reichlich Kartoffelgene, in Asiaten dominieren im Blut Reisgene. Nun warnen Kritiker der Gentechnik, diese Gene könnten im Körper unvorhersehbare Reaktionen auslösen. Das lässt sich nicht mal widerlegen: Denn niemand weiß so recht, was die Gen-Bruchstücke aus dem Frühstück während der Mittagspause so alles treiben.

Die Genabschnitte haben demnach nicht nur den Kochtopf, sondern auch die Verdauung unversehrt überstanden. Lange Zeit hatten die Mediziner an ihr selbsterfundenes Dogma geglaubt, so große Objekte wie Gen-Bruchstücke kämen gar nicht durch die Darmwand. Dabei ist seit 170 Jahren durch Experimente belegt, dass es auch größere Partikel bis in den Kreislauf schaffen. Seit Jahrzehnten weiß man, dass es dafür mehrere Aufnahmewege gibt: beispielsweise spezialisierte Zellen, M-Zellen genannt, die ständig Proben aus dem Darminhalt nehmen und ihn analysieren. Nun ist noch ein weiterer Weg hinzugekommen. Tierversuche lassen darauf schließen, dass beim Durchreichen von Genmaterial aus dem Darm ins Blut die Darmflora eine wichtige Rolle spielt.

Jede Speise enthält zigtausende Gene

Egal ob Plastikkügelchen, Parasiteneier oder Proteinpartikel – alles kann aus dem Speisebrei in den Kreislauf gelangen. Und damit natürlich auch Bestandteile des Erbgutes wie DNA oder RNA. Manche dieser Fragmente sind so groß, um komplette Gene zu tragen. Was passiert im Körper mit diesen Objekten? Ein erster Tierversuch zeigt, dass Reisgene im Blut von Mäusen den Cholesterinspiegel ein wenig erhöhten. Natürlich lässt sich das Mäuseresultat nicht auf Menschen übertragen. Denn in China hat selbst der stete Verzehr großer Mengen Reis keinen Einfluss auf den Cholesterinspiegel.

Vernünftigerweise reagiert der Körper auf Stoffe, die aus der Nahrung ins Blut geraten, aber er darf sich davon nicht verrückt machen lassen. Es wäre höchst kurios, wenn Mensch und Tier sich ihre fein abgestimmte innere Steuerung tagaus, tagein von x-beliebigen Grünkohl-Genen, die im Blut herumgurken, durcheinanderwirbeln lassen. Jede Speise aus Pflanzen oder Tieren gewonnen, enthält zigtausende Gene – in jeder einzelnen Zelle. Und erst recht, wenn es mit Mikroorganismen fermentiert wurde wie Brot oder Joghurt. Ja selbst Salz und Wasser enthalten Gene – denn darauf oder darinnen sitzen Mikroben. Deshalb sind Gene im Essen so langweilig wie die Erkenntnis, dass im Meer Wasser ist.

Eine Banane hat mehr Gene als der Mensch

Aber könnten die Gene nicht vielleicht doch irgendwie bis ins Erbgut gelangen? Ja, im Prinzip schon. Das nennt man horizontalen Gentransfer. Der ist übrigens in der Natur ein wichtiges Instrument der Evolution. Lebewesen ganz unterschiedlicher Arten tauschen untereinander Gene. Nicht umsonst sind die Gene des Menschen und einer Banane zu etwa einem Drittel identisch. Dabei ist die Banane etwas komplexer – sie hat mehr Gene als ein Mensch. Allerdings sollte niemand darauf spekulieren, dass er nur lange genug Fisch essen müsse, damit ihm Flossen wachsen.

Wer sich trotzdem vor Genen im Kühlschrank, besonders vor neuartigen oder gar gentechnisch veränderten fürchtet, für den gäbe es drei Verbrauchertipps. Erstens: Finger weg von Pflanzenkost, denn Pflanzen-RNA ist sehr widerstandsfähig, und sie ist es, die vor allem im Blut gefunden wird. Zweitens: Alles gut kochen. Je stärker ein Lebensmittel verarbeitet ist, desto geringer sein Gehalt an intakten Genen. Dosengerichte wären dann ideal. Und Drittens: Ja nichts Neues probieren.

Wenn von fremden Genen eine Gefahr ausgehen würde, dann wäre die Ankunft einst unbekannter Lebensmittel wie Kartoffeln, Tomaten oder Bananen aus Übersee für die Europäer viel bedrohlicher als wenn heute die inzwischen altbekannte Banane irgendein Extra-Gen aus Tomaten enthält. Dem Organismus ist es vollkommen egal, welche Gene in welchen Lebensmittel sind – jede Mahlzeit ist seit Urzeiten voll damit. Und immer in anderen – und für den Körper unvorhersehbaren Mischungen. Mahlzeit!

Literatur:

Netzfrauen: Nun ist es bestätigt: Die DNA aus gentechnisch veränderten Pflanzen wird durch die Nahrung auf den Menschen übertragen. 20. Feb. 2014

Spisak S et al: Complete genes may pass from food to human blood. PLoS One 2013; 8: e69805

Hirschi KD: New foods for thought: Trends in Plant Sciences 2012; 17: 123-125

Heisel SE et al: Characterization of unique small RNA Populations from rice grain. PLoS One 2008 3: e2871

Zhang L et al: Exogenous plant MIR168a specifically targets mammalian LDLDRAP1: evidence of cross-kingdom regulation by microRNA. Cell Research 2011; 22: 107-126

Jiang M et al: Beyond nutrients: Food-derived microRNAs provide cross-kingdom regulation. Bioessays 2012 34: 280-284

Herbst G: Das Lymphgefäßsystem und seine Verrichtung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1844

Volkheimer G: Persorption. Thieme, Stuttgart 1972

Bier FF: Die Blaupause des Menschen. Wissenschaft im Dialog, Berlin o.J.

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