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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 26.07.2007

Erlösung im Opernsaal

Vor 125 Jahren: Uraufführung von Richard Wagners Oper "Parsifal"

Von Eva-Maria Götz

"Parsifal" in der Regie von Bernd Eichinger. (AP Archiv)
"Parsifal" in der Regie von Bernd Eichinger. (AP Archiv)

Ein "Bühnenweihfestspiel" nannte Richard Wagner sein letztes Werk "Parsifal". Sein Programm war das einer "Kunstreligion" in Opposition zum starren Dogmatismus der christlichen Kirchen. Die ursprünglich ausschließlich für ihren Uraufführungsort Bayreuth vorgesehene Oper durfte ab dem Jahr 1913 auf allen Bühnen der Welt gespielt werden.

Seitdem Gralskönig Amfortas sich der Liebe mit der schönen Verführerin Kundry hingab und dabei von seinem Gegenspieler Klingsor überwältigt wurde, leidet er an einer grässlichen, immerfort blutenden, stinkend eiternden Wunde - für jedermann sichtbarer Ausdruck seines Sündenfalls. Auf Heilung hofft der verzweifelte Mann vergebens, es sei denn… - es sei denn, der von himmlischen Stimmen verkündete Retter erscheint, der "reine Tor" , der mitfühlend das Leiden des Königs begreift und sein Amt übernimmt. Doch der Retter Parsifal muss zunächst eine Prüfung bestehen, bevor er den Gralskönig erlösen kann. Erst nachdem er selbst Kundry widerstanden hat und nach dem Abschwören jeglicher Sinnenfreude, erfolgt die rituelle Aufnahme des Heilbringers in den Kreis der Ritter und die Erlösung des verwundeten Gralskönigs.

"’Parsi-fal’ bedeutet: ‚parsi’, denken Sie an die das Feuer anbetenden Parsen: ‚rein’; ‚fal’ bedeutet ‚töricht’", schreibt Wagner 1877 während des Komponierens an die von ihm verehrte französische Schriftstellerin Judith Gautier. Bereits rund 20 Jahre zuvor hatte er sich mit dem "Parzival"-Epos des Wolfram von Eschenbach beschäftigt. Das Nachdenken über Leid und Mitleid trieb ihn zu der Ansicht:

"Wenn daher dieses Leiden einen Zweck haben kann, so ist dies einzig durch Erweckung des Mit-leidens im Menschen, der dadurch das verfehlte Dasein des Tieres in sich aufnimmt und zum Erlöser der Welt wird, indem er überhaupt den Irrtum allen Daseins erkennt."

Nur wenn der Mensch sich nicht mehr fortpflanzt, kann die Welt vom Leiden erlöst werden. Im Lauf der nächsten Jahrzehnte entwickelt Richard Wagner aus dieser von der pessimistischen Weltsicht Arthur Schopenhauers beeinflussten Erkenntnis eine Kunstreligion, die er im "Parsifal" dramatisiert. Für die religiösen Symbole bedient sich Wagner, wie der Musikwissenschaftler Ulrich Schreiber zusammenfasst, im wesentlichen dreier Quellen:

"Aus dem christlichen Bereich sind Motive wie die Fußwaschung, die Taufe und das Abendmahl (...), aus buddhistischen Traditionen übernahm Wagner (...) das Geschöpf Kundry in Bezug auf seine Wiedergeburten, (...) freimaurerisch ist die Initiation Parsifals in den Kreis der Gralsritter konzipiert, mit mancherlei Ähnlichkeiten zu Mozarts Tamino."

Im Januar 1882 beendete der 69-jährige Wagner die Niederschrift. Im Juli begannen die Proben in Bayreuth. "Parsifal" ist die einzige Oper, die Wagner ganz für die Besonderheiten des von ihm entworfenen Festspielhauses geschrieben hat. Einen speziellen akustischen Effekt erzielt der durch eine schwarze Schallwand verdeckte Orchestergraben, der "mystische Abgrund". Der Dirigent Felix Weingartner saß bei der Uraufführung im Publikum:

"Der Zuschauerraum verdunkelt sich vollständig. Atemloses Schweigen setzt ein. Wie eine Stimme aus einer anderen Welt setzt das erste große Thema des Vorspiels ein. Dieser Eindruck ist unvergleichlich und auch nicht verwischbar... Erfindung, Instrumentation, Akustik und in negativem Sinne auch die Optik wirken hier in einzigartiger und nirgends sonstwo möglicher Weise zusammen."

Die Uraufführung am 26. Juli 1882 ist durchaus umstritten. Gefeiert wird der "auratische Klang der Musik", die Tonalität, die bereits weit in das 20. Jahrhundert verweist und die Künstler wie den Komponisten Claude Debussy nach Bayreuth pilgern lässt. Die Handlung jedoch teilt die Wagner-Gemeinde in zwei Teile. Für die einen wird das "Bühnenweihfestspiel" zum weltanschaulichen Vermächtnis des Meisters. Andere Zuschauer, darunter Wagners langjähriger Wegbegleiter Friedrich Nietzsche, sind entsetzt von der pseudo-religiösen, so sinnes- wie frauenfeindlichen Aussage des Werkes. Diese Auseinandersetzung dauert an - bis heute.

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