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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.01.2013

Erkenntnisse der Hirnforschung sind "nicht besonders revolutionär"

Forscher Hasler kritisiert Allmachtsfantasien der Neurowissenschaften

Felix Hasler im Gespräch mit Britta Bürger

Felix Hasler kritisiert an der Hirnforschung, "dass diese vermeintlich revolutionären Erkenntnisse kaum belastbar sind". (AP Archiv)
Felix Hasler kritisiert an der Hirnforschung, "dass diese vermeintlich revolutionären Erkenntnisse kaum belastbar sind". (AP Archiv)

Die meisten Erkenntnisse der Neurowissenschaften seien gar nicht neu oder basierten "auf äußerst dünnem Fundament", kritisiert der Berliner Forscher Felix Hasler. "Ich bin überzeugt davon, dass man mit diesen hirnwissenschaftlichen Methoden das Wesen des Menschen letztendlich nicht erklären kann".

Britta Bürger: Als George Bush Senior am 1. Januar 1990 die "Dekade des Gehirns" ausrief, das war der Startschuss für viele großzügig geförderte Forschungsprogramme in den Neurowissenschaften. Mittlerweile befinden wir uns schon in der dritten Dekade, und Neuro ist in aller Munde. Es wird versucht, fast alle Wissenschaftsbereiche mit Aspekten der Hirnforschung aufzuwerten. Doch sind deren Forschungsergebnisse tatsächlich so sensationell? Der Liechtensteiner Wissenschaftskritiker Felix Hasler gehört zur wachsenden Schar der Neuroskeptiker. Er ist Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Berliner Humboldt-Universität und spricht in seiner aktuellen Streitschrift von "Neuromythologie". Schönen guten Morgen, Herr Hasler!

Felix Hasler: Guten Morgen!

Bürger: Umgibt die Hirnforscher eine andere Aura als, sagen wir, Herz- oder Nierenspezialisten?

Hasler: Ganz unbedingt, es scheint ja gerade schon ein gesellschaftlicher Konsens darüber zu bestehen, dass nur schon, wenn man Forschung macht am Gehirn, man intuitiv schon ganz nahe daran ist an der Wahrheit, ganz unabhängig, was dann die tatsächlichen Erkenntnisse dieser Forschung sind. Und ich glaube schon, dass die Hirnforschung sehr viel mehr eben an diesen Welterklärungsmodellen zu bieten versucht, und das auch sehr offensiv macht bis autoritär. Ich meine, mit Herzforschung, mit Kardiologie, kann man schlecht den Menschen und seine Lebenswelt erklären. Die Hirnforscher haben da sehr wohl das Gefühl.

Bürger: Hirnforschung wird gern zugeschrieben, dass sie am besten wissen, warum und wie sich Menschen verhalten. An welchen Beispielen ist Ihnen denn aufgefallen, dass es aber alles Behauptungen sind oder vieles Behauptungen sind, dass es an Beweisen aus der Hirnforschung tatsächlich großen Mangel gibt?

Hasler: Man könnte das plakative Beispiel bringen, dass in der Hirnforschung vieles neu ist und vieles gut ist, aber viel Gutes ist nicht neu, und viel Neues nicht gut, das ist das Problem. Also, selbstverständlich gibt es viel Forschung über das Wesen des Menschen, wie sich Menschen verhalten, aber das sind letztendlich fast ausschließlich Dinge, die man aus psychologischen oder aus soziologischen Untersuchungen schon teilweise seit Jahrzehnten weiß. Nun werden genau dieselben Paradigmen, also psychologische Verhaltensweisen, in einem Hirnscan untersucht, und dann sieht man es irgendwo leuchten und behauptet dann, das ist eben das Revolutionäre, jetzt wissen wir die Lokalität, hier passiert es.

Und das ist eben sehr verführerisch, weil letztendlich hängt der ganze Neurohype fast ausschließlich an diesen bildgebenden Verfahren, eben die verführende Illusion, es sei nun möglich, dem Gehirn bei der Arbeit, dem Menschen beim Denken und fühlen und Handeln zuzusehen. Und wenn man eben weiß, wie diese Bilder konstruiert werden – das ist ja nicht einfach eine fotografische Abbildung –, dann weiß man auch, wie unglaublich fehleranfällig das ist.

Also, was als knallharte Naturwissenschaft daher kommt, ist eben häufig nur die Berechnung, das Endprodukt von ganz komplexen statistisch-parametrischen Berechnungen, und das ist eben nicht so, dass es dann einen ganz bestimmten Ort gibt im Gehirn für die romantische Liebe oder eine moralische Entscheidung. Aber gerade Leute, die natürlich vielleicht sich auch nicht auskennen in diesen Methoden der Hirnforschung, finden: Wow, das ist ja großartig! Jetzt weiß man unerschütterlich, wo der Mensch liebt und fürchtet!

Bürger: Auch die ganze Wissenschaftspublizistik hat sich ja stark verändert, insofern sind natürlich auch die Medien scharf auf solche Bilder, die Sie kritisieren – neue Bilder zum Gehirn aus dem Gehirn, über das Wunder des Menschen. Ist das nicht aber auch ein Fortschritt, dass wir uns gewisse Bilder jetzt machen können, von denen wir keine Vorstellung hatten?

Hasler: Ja, das kann man natürlich so sehen, allerdings gibt es ja auch Leute, die behaupten, das, was jetzt betrieben wird mit diesen bildgebenden Verfahren, sei nicht viel anders als Cyber-Phrenologie. Sie erinnern sich daran, 19. Jahrhundert, als man versuchte, aufgrund von Schädelformen bestimmte Charaktereigenschaften zu typisieren des Menschen. Und es gibt ja tatsächlich Kritiker, die sagen, diese bunten FMRT-Bilder, eben wie gesagt, zu komplexen menschlichen Leistungen seien nicht viel anders.

Natürlich ist es gut, auch ein neues Menschenbild zu haben. Es ist allerdings problematisch, wenn dieses Menschenbild auf äußerst dünnem Fundament basiert. Und genau das scheint mir ein zentrales Problem dieser Art von Neurowissenschaft zu sein, dass diese vermeintlich revolutionären Erkenntnisse eben kaum belastbar sind. Gerade Studien, die eben komplizierter ausgerichtet sind, sind ja auch kaum mehr reproduzierbar. Also es ist halt eben nicht so, dass das jetzt bewiesen ist, sondern das ist einfach eine neue Denkweise, die sicher zum Teil interessant ist und in bestimmten, sagen wir, neurologischen Feldern, also wo es wirklich biomedizinisch ist, sicher auch zielführend ist und beispielsweise Krankheiten verstehen hilft.

Aber ich bin jetzt überzeugt davon, dass man mit diesen hirnwissenschaftlichen Methoden eben das Wesen des Menschen letztendlich nicht erklären kann. Häufig, weil man wahrscheinlich schlichtweg am falschen Ort sucht, im Gehirn, wenn man nach Liebe, Freiheit oder Moral sucht.

Bürger: Aber gegen wen genau richtet sich jetzt die Streitschrift? Gegen einzelne Hirnforscher, die sich auf diese Weise profilieren wollen oder doch gegen ein ganzes System, das dahintersteckt?

Hasler: Häufig wurde mir auch vorgeworfen, ich würde sozusagen das Kind mit dem Bade ausschütten, und das stimmt wahrscheinlich, als Kollateralschaden fühlen sich jetzt vielleicht auch Neurowissenschaftler gebasht, die ich eigentlich gar nicht meine. Und es gibt ja eben auch nicht die Neurowissenschaft. Es gibt Leute, die unter dem Mikroskop Neuronen anschauen bis hin zur kognitiven Neuro Science und so weiter. Also das ist schon mal ein ganz, ganz komplexes Feld, und auch die verschiedenen Beiträge dieses Feldes haben oft eigentlich nur wenig miteinander zu tun.

Meine Streitschrift richtet sich in erster Linie gegen ein paar wenige, aber äußerst prominente Hirnforscher, die eben beispielsweise die Freiheit des Menschen als pure Illusion erklären, also eigentlich ein relativ kleiner Teil der Hirnforschung, aber äußerst präsenter.

Gleichzeitig betrifft es natürlich die Medien – wobei, das ist eher eigentlich nicht etwas Hirnforschungsspezifisches. Ganz Ähnliches hat sich in der KI-Forschung ereignet, früh in den 70er-Jahren in der Soziologie. Das letzte klassische Beispiel dieses totalen Hypes war das Human Genome Project, wo man ja auch dachte, im Buch des Lebens lesen, dann könne man gleich alle Krankheiten fast zwangsläufig heilen. Und das war ja auch von den Medien als Riesenhype inszeniert.

Bürger: Das große Genomprojekt.

Hasler: Ganz genau, und hier ist es ein bisschen ähnlich, wobei, es hat eben so damit zu tun, wie Medien funktionieren. News sind ja nur entweder Sensationen oder etwas, was dann eben ganz schlimm wird, das ist eine Bedrohung, das ist gefährlich, und das hat hier sicher zu einem Teil stattgefunden, und ich finde es sehr bemerkenswert, dass ich vielleicht auch gefühlt die Idee habe, dass jetzt ein bisschen auch die Euphorie in den Medien schon stark zurückgeht. Also wenn man dann so die "FAZ" liest, die "Süddeutsche" in den letzten Ausgaben, da ist dann plötzlich, weht da schon ein bisschen ein anderer Wind, dass diese Neuro-Trumpfkarte eben plötzlich nicht mehr so zu ziehen scheint.

Bürger: Felix Hasler hat eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung geschrieben, Thema unseres Gesprächs hier im Deutschlandradio Kultur – die Neuromythologie. Ich würde gerne noch mal auf das System zurückkommen, das ich eben schon angesprochen habe. Welches Interesse hat denn zum Beispiel die Pharmabranche an den Begründungen aus der Hirnforschung?

Hasler: Tatsächlich gibt es eine echte Neuro-Industrie, eine Neuro Enterprise. Es gibt beispielsweise auch einen NASDAQ-Index für Neuroforschung, also alles, was mit Neurotechnologie zu tun hat. Und das Spannende ist ja auch hier wieder ein bisschen, das sind eigentlich immer alles Zukunftsversprechungen. Es wird ja immer so die Karte ausgespielt, das sei eine neue, junge Wissenschaft, die gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten, wir haben eine faszinierende Technologie, die noch nicht ganz ausgereift ist – also ein bisschen Geduld bitte –, und dann werden wir alle diese fundamentalen Umwälzungen durch die Hirnforschung erklären.

Aber wie gesagt, es gab auch mal eine Internetblase, eine Dotcom-Geschichte. Das ist natürlich dann auch immer schwierig zu sagen, wenn dann eben diese revolutionären Versprechungen gar nicht eingelöst werden, es ist ja immer ein Spiel auf Zeit.

Bürger: Aber ist das vielleicht nicht noch etwas verfrüht, diese Generalkritik da anzubringen?

Hasler: Es gibt selbstverständlich Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Die sind einfach nicht besonders revolutionär. Immer dann, wenn man Leute fragt, es gibt ja häufig die Antwort: Ja, das ist doch ganz fantastisch, diese Hirnforschung, was man denn jetzt schon alles weiß, und das ist ja eine Revolution. Und wenn man dann zurückfragt, ja, was genau ist das denn, dann kommt eben gar nichts mehr, dann gibt es eigentlich kaum Beispiele, wo man sagen kann: Ja, hier zum Beispiel, jetzt weiß man ja genau, wie Kinder lernen müssten.

Also, wenn es denn schon einen echten Wissenszuwachs gab, dann hat der Transfer aus den Hirnforschungslabors in die Welt, in die Gesellschaft gar nicht stattgefunden. Und ich denke eben, irgendwann werden die Leute auch sagen, nach 30, 40 Jahren Versprechungen von großen Umwälzungen, wenn da nichts passiert, könnte eben die Stimmung umschlagen, und ich denke schon, dass im Moment so parallel einerseits eine große Euphorie besteht, immer noch, und trotzdem vermehrt sich eben die Kritik. Es gibt viele Symposien und Seminare, wissenschaftliche Publikationen und Bücher, die eben genau das kritisieren, dass da eben vielleicht viel mehr heiße Luft ist.

Bürger: Aber wenn Sie sagen, dahinter steckt auch ein ganzer Wirtschaftsfaktor – konkret: Welche Interessen sind das, was lässt sich zum Beispiel mit dem Zusatz Neuro alles verkaufen?

Hasler: Fast alles. Sie können fast jedes Buch – es gibt Neurogastronomie, es gibt sogar Neurofeminismus. Also dieses Neuro bedeutet eigentlich, man reformiert irgendeine grundlegende Wissenschaft, sei es Soziologie, Philosophie, basierend auf den neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Ganz intuitiv hat man schon das Gefühl, wow, das ist toll, das ist Science, das ist modern, das ist die Zukunft. Und das wird auch ganz genau so verwendet.

Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es mindestens 20 bis 30 Neuro-Bindestrich-Wissenschaften gibt. Und die Botschaft ist immer das selbe, jetzt machen wir sozusagen eben nicht mehr Soft Science, sondern Hard Science. Und dass diese Hard Science gerade in den bildgebenden Verfahren eben alles andere als Hard Science ist, das wird dann eben verschwiegen beziehungsweise weiß man dann halt eben nicht.

Bürger: "Neuromythologie – eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung", so heißt das Buch von Felix Hasler, es ist in der Reihe X-Texte bei Transkript erschienen. Herr Hasler, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hasler: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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