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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.11.2010

Erinnerungsorte des Christentums

Christoph Markschies über das religiöse kollektive Gedächtnis

Christoph Markschies im Gespräch mit Anne F. Weber

Das Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg, Sachsen-Anhalt. (AP)
Das Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg, Sachsen-Anhalt. (AP)

Das Konzept der "Erinnerungsorte" geht zurück auf den französischen Historiker Pierre Nora, er beschrieb mythische Orte, Ereignisse, Persönlichkeiten und Rituale von Nationalstaaten. Die Kirchenhistoriker Christoph Markschies und Hubert Wolf haben diese Idee nun auf das Christentum übertragen.

Anne F. Weber: Bethlehem und Bibel, Fulda und Familie, Konstantinopel und Katholikentage – das sind doch sehr unterschiedliche Größen, aber alle finden einen Eintrag in dem neu erschienenen Buch "Erinnerungsorte des Christentums", herausgegeben von Christoph Markschies und Hubert Wolf. Erinnerungsorte, "Lieux de mémoire", wie es in dem Vorbildband des französischen Historikers Pierre Nora heißt, sind reale oder mythische Orte, aber auch Ereignisse, Persönlichkeiten, Rituale, Texte oder Kunstwerke.

"Ein Erinnerungsort regt zur Erinnerung an und beschwört die Gegenwart des Vergangenen", so heißt es in der Einleitung zum Buch. Ich habe vor der Sendung mit einem der Herausgeber, mit dem Berliner Theologieprofessor Christoph Markschies gesprochen. In der Nachfolge von Pierres Noras Erinnerungsorten in Frankreich sind auch Bücher zu Erinnerungsorten in Deutschland erschienen. In diesen Fällen handelt es sich aber um Nationen, bei denen man von einer gewissen Einheitlichkeit des kollektiven Gedächtnisses ausgehen kann. Ich habe Christoph Markschies gefragt, ob das auch beim Christentum gegeben ist, schließlich zerfällt es in so viele Fraktionen, ist weltumspannend und hat eine Jahrtausende lange Geschichte.

Christoph Markschies: Als ich das erste Mal einen Band "Erinnerungsorte" in die Hand nahm, vor vielen, vielen Jahren, dachte ich, das ist doch eigentlich ein christliches Konzept, dass jeden Sonntag im Gottesdienst erinnert wird an einen bestimmten Ort in Jerusalem und einen bestimmten Abend, wo eine Gruppe von Jüngern beisammen sitzt, das ist doch eigentlich ein ganz zentraler Erinnerungsort. Da dachte ich, ist doch merkwürdig, dass das Christentum, was ein Ensemble von ganz zentralen Erinnerungsorten ist, und zwar Erinnerungsorten auch in einem viel wörtlicheren Sinne als in dem "Lieux de mémoire"-Konzept, dass das bislang nicht behandelt ist. Und da habe ich gedacht, das musst du unbedingt machen.

Ich finde, das Ensemble von Erinnerungsorten ist, obwohl das Christentum so unterschiedlich ist, natürlich ist sagen wir mal ein lateinamerikanischer Christ aus Buenos Aires was völlig anderes als sagen wir mal eine Lübecker Protestantin, Lutheranerin, ja, das ist wahr. Und trotzdem gibt es immer diesen Erinnerungsort Abendmahl Jesu im Sonntagsgottesdienst, auch für viele Protestanten ist plötzlich Santiago de Compostela wichtig geworden. Das meine ich mit diesen Orten in einem ganz wörtlichen Sinne. Da gibt es ganz viele Leute, die gehen nach Santiago. Und umgekehrt gibt es ganz viele Katholiken, die pilgern nach Santiago und gehen gar nicht in die Kirche rein.

Also ich finde, das Ensemble von Erinnerungsorten ist zunächst mal auf einer oberflächlichen Ebene vielleicht sogar noch identischer als in den postmodernen Nationalstaaten. Vielleicht ist das Christentum sogar weniger pluralisiert, weil es immer schon pluralisiert war als die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, und insofern finde ich, haben wir schon eine Einheit in dem Buch.

Weber: Aber doch eine Einheit, die sich ziemlich auf Deutschland bezieht, oder? Wenn man guckt, da sind Städte drin wie Leipzig oder Regensburg oder so, die sagen ja schon einem französischen Katholiken reichlich wenig.

Markschies: Das war eine Grundentscheidung. Wir haben zusammengesessen und überlegt, welche Orte sollen in dieses Buch hinein und für wen soll es eigentlich bestimmt sein. Und dann haben wir gesagt, es soll, obwohl die beiden Hauptherausgeber, mein Kollege Wolf aus Münster und ich, Kirchenhistoriker sind, von einem gegenwärtigen, in Deutschland lebenden Christen oder dem Christentum aufgeschlossenen Menschen ausgehen.

Weber: Wie haben Sie denn entschieden, ob ein Protestant oder ein Katholik einen Erinnerungsort beschreiben soll?

Markschies: Das ist lustig. Also mein Kollege Wolf und ich sind – das merken Sie auch – durchaus fröhliche Mitglieder unserer jeweils eigenen Konfession, und das hat das sehr leicht gemacht. Wir haben zunächst mal immer jeweils überlegt, was brauchen wir für Orte, und haben – wie ich das eben schon gesagt habe – versucht, von tatsächlichen Orten auszugehen. Denn ein bisschen ist das Problem der Übersetzung "Erinnerungsorte", die sich nun für "Lieux de mémoire" eingebürgert hat, dass es im Deutschen viel mehr nach Ort klingt.

Und dann haben wir gesagt, gut, wenn das so ist, Übersetzungen entfalten ja auch ein Eigenleben, dann gehen wir mal tatsächlich von Orten aus. Und so ist der Band ja auch gegliedert, dass er von den großen Orten ausgeht. Und dann haben wir für die Orte zunächst mal immer gefragt, weniger, welche Konfession ist da nun passend, als welche Person ist da passend.

Weber: Pierre Nora sagt, "Hausten wir noch in unserem Gedächtnis, brauchten wir ihm keine Orte zu widmen." Das heißt, es wird wirklich bewusst ein Ort gewidmet oder konstruiert als Erinnerungsort. Von wem und ist zum Beispiel EKD-Reformationsjubiläum 2017, ist das so ein Unterfangen, da einen Erinnerungsort zu konstruieren?

Markschies: Zunächst mal muss man ja sagen, wenn man mit dem Bus sich Wittenberg nähert und da zum ersten Mal hinkommt – das war bei mir zu DDR-Zeiten –, ist man fast sogar ein bisschen enttäuscht, weil man merkt, es ist eine Stadt, die aus im Wesentlichen zwei parallel laufenden Hauptstraßen besteht, Luther läuft einem nicht entgegen, und es braucht eine ganze Weile, bevor man verstanden hat, dass das mal – ja, wie soll man sagen – so ein mystischer Ort akademischer Gelehrsamkeit war. Da muss man die Häuser angucken und dann sieht man die Tafel.

Natürlich hat Erinnerungsort immer viel mit Konstruktionen zu tun, das ist natürlich auch so, aber was mir immer wichtig war in dem Band, ist, dass die Konstruktion nicht aus dem Nichts passiert. Wenn es nicht dieses kleine, bescheidene auf den ersten Blick und dann doch mit ziemlicher Raumtiefe versehene Häuschen Philipp Melanchthons da gäbe, dann könnte man da auch nicht über Protestantismus und Bildung reden, wenn das sagen wir ein Ort ohne Universität gewesen wäre.

Und an der Konstruktion des Erinnerungsortes Wittenberg beteiligen sich im Augenblick ja viele. Also glücklicherweise wird im Augenblick ein Erinnerungsort Wittenberg konstruiert, der viel internationaler ist als früher und der – sage ich als Historiker schon mit Überzeugung – auch vielleicht ein bisschen mehr mit dem 16. Jahrhundert zu tun hat als die Konstruktion dieses großen Turms, auf dem in Goldlettern "ein feste Burg" steht und der viel zu groß ist für den originalen Renaissancebau.

Weber: Ein Erinnerungsort, den Sie beschreiben, hat eigentlich mit der Jahreszahl zu tun, mit der nächsten Woche, wenn wieder ganz viele Kinder mit Laternen durch die Straßen ziehen und gar nicht mehr wissen, was das eigentlich mit einer christlichen Erinnerung zu tun haben soll.

Markschies: Man merkt dem Buch hoffentlich an, dass die beiden Autoren ganz großes Vergnügen daran hatten, das Buch zusammenzubringen. Und dazu gehört, dass wir zwei Artikel "Martin" haben, zwei Artikel "St. Martin", die mit römischen Ziffern gekennzeichnet sind. Das eine ist ein gallischer Soldatenheiliger, Martin von Tours, und das andere ist ein protestantischer Heiliger, Martin Luther. Und ich bin auf die ganz für mich überraschende Beobachtung gekommen, dass ich mal irgendwann im Internet googelte, und da fand ich ein Liedblatt der evangelisch-lutherischen Kirche in Hannover mit Liedern von Martin Luther am Martinstag. Das fand ich unglaublich interessant.

Zunächst mal denkt man ja, Martin in katholischen Landen, da wird der heilige Martin verehrt, und dann gibt es sozusagen seit dem frühen 19. Jahrhundert, vor allen Dingen im friesischen Raum, so eine Idee, dass man, wenn man mit der Laterne rausgeht und Martin besingt, den Martin Luther meint und offensichtlich die Volksbräuche so lebendig waren, dass die Protestanten am Beginn des 19. Jahrhunderts das ein bisschen umkonditionieren wollten. Und darüber haben wir geschrieben.

Weber: Bei der am Sonntag beginnenden EKD-Synode ist das Schwerpunktthema Bildung und Bildungsgerechtigkeit. Sie sind da auch als Referent und Sie sind ja auch Vorsitzender der Kammer für Theologie der EKD, bis vor Kurzem waren Sie auch noch Präsident der HU, also Humboldt-Universität, sind dann natürlich also prädestiniert, um über Bildung zu sprechen. Bildung ist ja nun auch wirklich in aller Munde zurzeit, aber hat denn die EKD dazu etwas spezifisch Christliches und Protestantisches zu sagen, jetzt mal vom Religionsunterricht abgesehen?

Markschies: Bildung – wenn ich das mal ein bisschen mit einem Kalauer sagen darf – stellt auch immer die Frage: Nach wessen Bild wird eigentlich gebildet? Nach dem impliziten Bild meines Griechischlehrers oder meines akademischen Lehrers oder wonach auch immer. Und das Schöne an dem Christentum ist, dass man ja ganz genau weiß, wonach gebildet werden soll. Der Mensch ist das Bild Gottes, und die Verkörperung dieses Bildes, an dem man sehen kann, wie es eigentlich gemeint ist, ist Jesus von Nazareth.

Weber: Christoph Markschies über Bildung als Schwerpunktthema der am Sonntag beginnenden Synode, also des Kirchenparlaments der EKD. Zuvor ging es im Gespräch um das von Christoph Markschies und Hubert Wolf herausgegebene Buch "Erinnerungsorte des Christentums". Es ist erschienen im Beck-Verlag, umfasst stolze 800 Seiten und kostet 38 Euro.

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