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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.08.2015

Eric H. Cline: "1177 v. Chr."Eine Art "globalisierte Welt"

Von Winfried Sträter

Das Tal der Könige im ägyptischen Luxor (dpa / picture alliance / Bernd Weissbrod)
Das Tal der Könige im ägyptischen Luxor - Grabstätte für Pharaonen, darunter Ramses III. (dpa / picture alliance / Bernd Weissbrod)

Den Anfang vom Niedergang des ägyptischen Imperiums beschreibt Eric H. Cline in "1177 v. Chr." Damals führte eine Kette verschiedener Vorgänge zum Untergang einer scheinbar starken Zivilisation. Das liefert eine Vorahnung dessen, was auch uns bevorstehen könnte, so Clines beunruhigende Botschaft.

Der Titel ist geheimnisvoll. "1177 v. Chr." – wer wüsste jenseits der Fachwelt etwas mit dieser Zahl anzufangen? 410 n. Chr. mag vielleicht ein Begriff sein: die Eroberung und Plünderung Roms, der Anfang vom Ende des Römischen Reiches. Oder 1453: der Untergang des Byzantinischen Reiches. Aber 1177?

Es ist das Jahr, in dem der ägyptische Pharao Ramses III. eine Schlacht gegen die sogenannten Seevölker schlug und gewann. Aber der Sieg war ein Pyrrhussieg, schreibt Eric H. Cline, das ägyptische Imperium war so geschwächt, dass es sich nicht wieder erholt hat und einen Niedergang erlebte. Cline ist Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität. In seinem Buch versucht er zu ergründen, warum sich damals "der erste Untergang der Zivilisation" – so der Untertitel – vollzog.

Es scheint eine Geschichte für ein begrenztes Publikum zu sein, das sich für alte Geschichte interessiert, als in unseren Breiten noch unzivilisierte Horden durch die dunklen Wälder streiften. Wer aber Clines Vorwort und den Prolog liest, bekommt einen ganz anderen Eindruck. Die über 3000 Jahre alte Geschichte hat viel mehr mit unserer Gegenwart zu tun als uns bewusst ist. Als Touristen bestaunen wir die gewaltigen Bauwerke, die die damaligen Reiche hinterlassen haben – von den Tempelanlagen in Ägypten bis zum Löwentor auf Mykene. Warum brach diese Zivilisation zusammen?

300-jährige Blütezeit brach zusammen

Die baulichen Relikte und eine Vielzahl archäologischer Funde zeugen von einer hochstehenden Zivilisation im östlichen Mittelmeerraum. Trotzdem brach sie nach einer dreihundertjährigen Blüte innerhalb weniger Jahrzehnte zusammen. Es war das Ende der zweitausendjährigen Bronzezeit, der Beginn der dunklen Jahrhunderte vor dem Aufstieg des klassischen Griechenland, der mit Homers Epen beginnt, einem Widerhall der Untergangskatastrophen. Und diese zivilisatorische Katastrophe liefert vielleicht eine Vorahnung dessen, was unserer heutigen Zivilisation bevorstehen könnte: das ist Clines beunruhigende Botschaft.

Cover von Eric H. Clines "1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation" (Konrad Theiss Verlag)Cover von Eric H. Clines "1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation" (Konrad Theiss Verlag)Die Geschichte, die er erzählt, ist in wesentlichen Teilen die Geschichte der Blütezeit zwischen 1500 und 1200 v. Chr., als im östlichen Mittelmeer mehrere Hochkulturen in intensivem Austausch miteinander standen: die Ägypter am oberen Nil, die Hethiter in Kleinasien, die Minoer auf Kreta, die Mykener auf dem griechischen Festland und einige andere. Zwischen diesen Regionen, Machtzentren und Kulturen entwickelte sich ein intensiver wirtschaftlicher und politischer Austausch – eine "globalisierte Welt", wie Cline sie nennt (wobei die Vokabel nicht ganz passt, wenn man bedenkt, dass es in anderen Regionen eigene Hochkulturen gab). Die archäologische Forschung, die Cline rezipiert, zeichnet inzwischen ein bemerkenswert detailliertes Bild dieses wirtschaftlich-kulturellen Geflechts.

Damit verändert Cline die herkömmliche Perspektive, die sehr auf das ägyptische Imperium ausgerichtet ist: nicht das mächtigste der Imperien macht die Zivilisation jener Jahrhunderte aus, sondern der Austausch zwischen den mehr oder weniger starken Reichen. Die hochkomplexe "globalisierte Welt" des östlichen Mittelmeers erinnert Cline an die extrem komplexe globalisierte Welt unserer Zeit. Das ist der Grund, warum ihn die Frage nach dem Untergang umtreibt und warum die Antwort, die ihm wahrscheinlich erscheint, beunruhigend ist. Die herkömmliche Antwort lautet: Um 1200 überfielen die "Seevölker", deren Herkunft und Zusammensetzung bis heute rätselhaft ist, die Reiche und ließen sie zusammenbrechen.

Zerstörung von Wirtschaftsgeflecht und Kultur

Cline hält etwas anderes für plausibler: eine Kette von Ereignissen, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten, haben das Wirtschaftsgeflecht und damit auch die Kulturen zerstört: Naturkatastrophen, Störungen der Handelsrouten, Hungersnöte, Aufstände. Die mysteriösen Seevölker hätten dann der geschwächten Mittelmeerzivilisation den Garaus bereitet. Da liegt der Gedanke nicht fern: Klimakatastrophen, Aufstände, kollabierende Wirtschaftssysteme – wie anfällig ist unser hyperkomplexes Weltwirtschafts- und Handelssystem heute? Wenn damals eine Kette verschiedener Vorgänge zum Untergang einer scheinbar starken Zivilisation führte – welche Rückschlüsse lässt das auf uns zu?

Das ist ein Gedanke, der auch für Leser, die kein spezifisches Interesse an alter Geschichte haben, dieses Buch interessant macht. Trotzdem trügt der Eindruck, den Cline in seinem Prolog erweckt. Das Buch ist über weite Strecken eine detaillierte – wenngleich gut geschriebene – Bestandsaufnahme der archäologischen Forschung. Die Materialgrundlage ist trotz aller Fortschritte, verglichen mit späteren Geschichtsepochen, so dünn, dass jeder Fund Interpretationen zulässt. Cline widersteht der Versuchung, aus der Geschichte einen Historienroman zu destillieren. Stattdessen zeichnet er nach, wie archäologische Forschung aus Fundstücken Geschichte rekonstruiert, mit all ihren Unsicherheiten. Etwas zu vollmundig kündigt er sein Buch als "Schauspiel in vier Akten" an. Stattdessen erfährt der geneigte Leser mal um mal, wie schwer es ist, zu sicheren Erkenntnissen über diese frühe Zivilisation zu kommen.

Es ist keine ganz einfache, allerdings durchaus aufschlussreiche Lektüre – und Clines Untergangstheorie leistet genau das, was Geschichte bieten kann: die Schärfung der Sinne für das, was in der Gegenwart möglich ist. 

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation
Übersetzt von Cornelius Hartz
Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2015
336 Seiten, 29,95 Euro

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