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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.02.2015

Erholte Bestände in Nord- und OstseeViel Fisch im Meer, wenig Segen für die Fischer

Von Lutz Reidt

Fischerboot vor Warnemünde, Mecklenburg-Vorpommern (imago)
Fischerboot vor Warnemünde, Mecklenburg-Vorpommern (imago)

An den Küsten werden so viele Schollen gefangen wie noch nie - die Fischer können sie allerdings nur schwer verkaufen. Das liegt an strikten EU-Regeln und aufwändigen Überwachungssystemen, die den Fischbestand schonen sollen.

Die Welt unter Wasser ist in bunte Farben getaucht. 40 Seemeilen vor der norwegischen Küste präsentiert das Echolot die 130 Meter tiefe Nordsee in einem Kaleidoskop, das Kutter-Kapitän Manfred Amling frohlocken lässt: Knallgrün der Meeresgrund und sattblau das Wasser, das übersät ist mit winzigen bunten Strichen und Punkten:

"Jetzt fällt das Netz runter an den Grund. Hier ist alles voller Punkte. Sehen Sie das? Das sind Fische! Ich hoffe es. (lacht) Der Fischer freut sich, wenn das welche sind. Aber das sind welche. Und jetzt muss ich Gas geben. Wenn ich jetzt keine Fahrt gebe, dann bleibt das Geschirr einfach hier so liegen. Wir wollen ja Fische fangen, wir wollen ja hier nicht angeln."

Hunderte von Seemeilen ist Manfred Amling mit seinem Fischkutter "J. von Coelln" von Cuxhaven aus durch die kabbelige Nordsee "gedampft", wie die Seeleute sagen. Mehr als 20 Stunden, jetzt endlich ist es so weit. Das Netz ist im Wasser. Viel Zeit bleibt jedoch nicht. Der norwegische Seewetterbericht verheißt nichts Gutes.

Von Nordwesten her zieht schlechtes Wetter auf. Der Wind soll stärker werden, der Wellengang zunehmen. Dann wird es schwierig, den Fang zu bergen. Langsam schwebt das gut hundert Meter lange Netz dem Meeresgrund entgegen. Die Netzöffnung ist mehr als zwanzig Meter breit und gut fünf Meter hoch - für die Fische gibt es kein Entrinnen mehr:

Vielen Speisefischen geht es heute besser als vor zehn Jahren

"Ja, hauptsächlich fischen wir ja Seelachs. Das ist ein blauer Fisch. Dann fangen wir ein bisschen Kabeljau, das ist ein Edelfisch, der sehr teuer ist. Aber da ist die Fischerei auch begrenzt mit, weil wir da nicht viel Quote von haben; und dann haben wir noch ein bisschen Teufels. Das ist der Seeteufel. Ein sehr edler Fisch und sehr, sehr teuer, schmeckt sehr gut. (Der hat) zwei Drittel Kopf und ein Drittel Hinterteil. Das ist das Fleischstück, das sehr delikat ist."

Seeteufel und Kabeljau, Hering und Makrele, Scholle und Seezunge - vielen Speisefischen im Nordostatlantik und in den Randmeeren wie Nord- und Ostsee geht es heute deutlich besser als noch vor acht bis zehn Jahren. Das freut die Hochseefischer, die auf Makrele und Hering aus sind. Und auch die Küstenfischer fangen so viele Schollen wie nie zuvor - doch können sie die nur noch schwer verkaufen. Selbst die Dorschfischer in der Ostsee haben Absatzprobleme, weil in Massen Kabeljau aus den arktischen Meeren die Fischmärkte überflutet. Viel Fisch im Meer ist also nicht immer ein Segen für die Fischer.

Insgesamt stellt die Kommission der Europäischen Union der Fischerei im Nordostatlantik ein gutes Zeugnis aus: innerhalb von zehn Jahren ist der Anteil nachhaltig genutzter Bestände gestiegen, von gerade mal sechs auf immerhin fast sechzig Prozent. "Nachhaltig" bedeutet - vereinfacht ausgedrückt - dass in einem Fangjahr insgesamt nicht mehr Fische eines Bestandes gefangen werden, als nach Einschätzung der Wissenschaftler in den Folgejahren an Jungfischen jeweils nachwachsen dürfte. Dieses Grundprinzip ist das wesentliche Kriterium für das, was in gestelztem Wirtschaftsdeutsch als "Fischereimanagement" bezeichnet wird.

Fischbestände werden also "gemanagt". Beim Seelachs in der Nordsee ist dies in vorbildlicher Weise gelungen, meint der Leiter des Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts für Seefischerei in Hamburg, der Fischereibiologe Gerd Kraus:

"Seelachs ist einer der Bestände, für die es schon sehr, sehr lange so einen langfristigen Plan gibt. Dieser langfristige Plan erlaubt den Fischereiministern bei ihren Verhandlungen in Brüssel jedes Jahr, die Quoten nur noch in einem ganz eng umrissenen Bereich von plus/minus 15 Prozent nach oben oder nach unten zu korrigieren; das hilft auf der eine Seite den Fischern, weil sie nicht den ganz großen Schwankungen in ihren Erträgen von Jahr zu Jahr rechnen müssen; und es hilft dem Fischbestand, dass er sich nicht nur nach den ökonomischen Notwendigkeiten aus der Wirtschaft richten muss, sondern man hat eine gewisse verlässliche Bewirtschaftungsgrundlage; und was wir im Verlaufe dieser etwa zehn Jahre, die der Plan Gültigkeit hat, sehen, ist, dass der Bestand seit langer Zeit nachhaltig bewirtschaftet wird."

Der Seelachs hat Nachwuchsprobleme

Seit geraumer Zeit jedoch auf niedrigem Niveau. Den Seelachsen in der Nordsee geht es nicht mehr so gut wie noch vor zehn Jahren. Schuld daran sind weder Fischer noch Politiker, sondern offenbar die Launen der Natur: Der Seelachs hat Nachwuchsprobleme. Warum das so ist, kann auch der Fischereibiologe Alexander Kempf vom Institut für Seefischerei in Hamburg nicht erklären:

"Wir haben keinerlei Abschätzung darüber, wie viele Eier dieser Bestand momentan produziert und auch nicht, was während der Larvenphase geschieht. Denn Seelachs wächst in den norwegischen Fjorden auf; und deswegen sehen wir den Seelachs erst, wenn er drei Jahre alt ist in der Nordsee und auch in unseren Daten; und deswegen können wir sehr wenig Aussagen darüber treffen, was wirklich in diesen ersten drei Jahren passiert."

Weniger Nachwuchs über viele Jahre hinweg lässt den Bestand zwangsläufig schrumpfen. Und dann sieht der Managementplan zwingend vor, die Fangquoten zu kürzen: Und zwar um maximal 15 Prozent. So geschehen in 2014. Und jetzt auch wieder in 2015. Die Fischer müssen mit solchen natürlichen Schwankungen leben. Das ist beim Seelachs in der Nordsee so. Und mittlerweile auch beim Dorsch in der Ostsee.

Auch hier gibt es einen Managementplan, den die Fischereiminister der Europäischen Union 2007 auf den Weg brachten. Seitdem wissen die Dorschfischer, dass die Gesamtfangmenge im Folgejahr jeweils um maximal 15 Prozent nach oben oder unten abweichen kann - je nachdem, wie gut oder schlecht sich der Dorschbestand entwickelt. DIe Fischer begrüßen diese Deckelung, so auch John Muchaus Heiligenhafen, ein Seeheilbad an der Küste von Ostholstein, gegenüber der Insel Fehmarn:

"Das finde ich sowieso eine ganz wichtige Geschichte, weil oft hat die Vergangenheit gezeigt: Wenn die Bestände plötzlich wieder sehr, sehr gut sind und man erhöht die Quoten um das Doppelte - was ja beim Dorsch auch durchaus möglich gewesen wäre - bricht der Markt völlig zusammen. Der Markt kann das in dem Moment gar nicht aufnehmen. Und da ist ja keinem mit gedient. Dann lieber vernünftig und über mehrere Jahre den Bestand steigern, so dass der Markt auch die Dorsche aufnehmen kann, dann haben alle was davon."

Einige Jahre hat das auch ganz gut funktioniert. Doch mittlerweile lässt sich das Dorschfilet nur noch schwer verkaufen. Bekam ein Fischer 2013 noch rund zwei Euro für das Kilo Dorsch, so waren es zuletzt noch nicht einmal 70 Cent - also gerade mal ein Drittel.

Dorsch in Hungerform

Gründe gibt es viele. So lässt die Qualität des Filets häufig zu wünschen übrig, und zwar bei den Dorschen aus der östlichen Ostsee, also den Meeresgebieten östlich von Bornholm. Fischer wie John Much fangen dort Dorsche mit viel Kopf, aber ziemlich wenig Filet dahinter:

"Man kann das sehr gut vergleichen mit dem Nordsee-Kabeljau: Der ist also richtig schön rund. Also, da kann man sagen: Wenn man ihn dann so von vorne sieht, das ist eine richtig schöne runde Form. Und wenn man den Ostsee-Dorsch sieht: Der ist ein bisschen ovaler und wenn das die richtige Hungerform ist und man den von vorne betrachtet, kann man teilweise nur den Kopf sehen und dahinter das Filet verschwindet - so dünn ist er dann.

"Dreikant-Feilen" sagen die Fischer dazu. Das Kuriose dabei: Es schwimmen zwar immer noch sehr viele Dorsche in der Ostsee umher. Aber die finden zu wenig zu fressen. Sie haben es schlichtweg verlernt, ihrer bevorzugten Beute - den Sprotten - zu folgen, obwohl diese immer in großen Schwärmen durch die Ostsee ziehen:

"Die Überlappung zwischen dem Räuber Dorsch und der Beute Sprott hat sich in den letzten Jahren verschoben, deshalb haben die nichts zu futtern gefunden; und sind mittlerweile so abgemagert, dass auch ein Großteil des Bestandes sich gar nicht mehr an der Reproduktion beteiligt. Das heißt: Jetzt schlägt es durch: Die relativ vielen Fische, die noch da sind, sie vermehren sich nicht mehr; und was aus unserer Sicht heraus in den nächsten Jahren passieren wird; wird noch eine deutliche Reduktion des Bestandes sein; einfach weil die Nachwuchsproduktion auch noch wegbricht; im Moment, gerade."

Das alles macht den Dorschfischern gehörig zu schaffen. Hinzu kommt der Konkurrenzdruck aus anderen Fangregionen. Eigentlich gäbe es für die heimischen Fischer durchaus eine Alternative. Und zwar der Dorsch, der unmittelbar vor der eigene Küste   umher schwimmt, also in der westlichen Ostsee, zwischen Rügen, Südschweden und den dänischen Inseln. Dort finden die Dorsche immer noch genügend zu fressen, sie sind gut genährt und somit dicker. Nützt aber auch nichts. Das Dorschfilet lässt sich generell nur noch schwer verkaufen - egal, wo in der Ostsee der Fisch ins Netz ging:

"Die Frischware, die leidet im Moment darunter, dass die Qualität der Filets aufgrund der schlechten Ernährungssituation beim Ostsee-Dorsch nicht besonders gut ist; und für die westlichen Fischer ist es so: Die treten in direkte Konkurrenz mit der Ware zum Beispiel aus der Barentsee, Island usw. Und die machen die Preise für diesen Frischfischmarkt relativ stark kaputt für die Ostseefischer."

Mehr zum Thema:

Eingeweidefische - Rattern in der Schwimmblase
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 28.01.2015)

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