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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 08.05.2011

Ergeben – oder selbstbestimmt?

Mein Bild vom lebenswerten Leben

Von Joachim Opahle

Wer entscheidet, ob Leben lebenswert ist? (Jan-Martin Altgeld)
Wer entscheidet, ob Leben lebenswert ist? (Jan-Martin Altgeld)

Wer entscheidet in Zeiten von Gen-Tests und Präimplantationsdiagnostik über Leben und Sterben? Über die Frage, welches Leben lebenswert und welches nicht lebenswert sei? Und was ist unter einer "guten Schöpfung" zu verstehen, wenn diese doch so schwere Krankheiten zulässt?

Leben ist immer bedroht. Am stärksten ganz am Anfang und ganz am Ende, als dann, wenn ich auf Andere angewiesen bin, die für mich entscheiden. Aber wie entscheiden sie? Haben sie Kriterien, wer leben soll und wer nicht? Wie ist mein Bild vom lebenswerten Leben? Woraus bezieht es seine Ansichten? Welche Hilfen bietet der Glaube? Was bedeutet es, zu singen "Was Gott tut, das ist wohlgetan"?

Wir schreiben das Jahr 2061. Die Vereinigten Staaten von Europa haben nach langer Diskussion ein neues Steuer-Gesetz für Lebensgemeinschaften verabschiedet. Es sieht vor, dass zweigeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch 16 Jahre lang, nämlich bis zum Eintritt der Volljährigkeit des Kindes, von der Steuer befreit werden. Grund für diese einschneidende Maßnahme ist der drastische Rückgang der Bevölkerung in den Ländern Europas. Der 19-jährige Florian und die 18-jährige Felicitas sind schon länger ein Paar. Sie wollen zusammenbleiben und eine Familie gründen. Auf Anraten von Eltern und Gesundheitsministerium haben sie beide ein Gen-Screening durchführen lassen, also eine Überprüfung ihrer Erbanlagen, um mögliche Risiken für die Lebensfähigkeit ihres künftigen Kindes auszuschließen. Jetzt, wo die Ergebnisse vorliegen, herrscht Ratlosigkeit: der Gen-Check, der Aufschluss über mehr als 1500 individuelle genetische Risiken gibt, hat vier sogenannte "Unverträglichkeiten" im Erbgut der beiden angezeigt. Unter anderem besteht die Gefahr, dass das gemeinsame Kind von Felicitas und Florian im Alter zwischen 30 und 40 Jahren mit einer 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit an einer Stoffwechselstörung erkrankt. Zwar ist diese Erkrankung nicht lebensbedrohlich, sie kann jedoch das zu erwartende Mindestlebensalter des Kindes, das bei 80 Jahren liegt, um bis zu 30 Prozent reduzieren…

Keine Angst, liebe Hörerin und lieber Hörer, diese Nachricht aus der Zukunft des sozialen Zusammenlebens ist völlig fiktiv. Aber sie ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn schon heute ist vieles von dem, was in der Biomedizin vielleicht einmal eintreten könnte, durchaus möglich. Untersuchungen zu genetischen Anomalien gibt es schon heute, und man hat normalerweise auch schon lange vor der Geburt eines Menschen eine Menge an Informationen über das neugeborene Kind.

Zugleich wird deutlich: Das gesamte Wissen der Biomedizin kann die eigentlichen Bedürfnisse nach einem Leben in glücklichen und sicheren Umständen nicht befriedigen. Je mehr wir wissen, desto dringlicher stellt sich die Frage: was wollen wir mit den Informationen über unser Schicksal oder das unseres Kindes anfangen? Florian und Felicitas – das fiktive Paar aus der Eingangsschilderung muss sich ja irgendwie über den künftigen Weg klar werden: wollen wir – angesichts des Risikos – lieber keine Kinder? Sollen wir es trotz der Risiken mit Nachwuchs versuchen? Oder sollen wir vielleicht auseinandergehen und andere Partner suchen, die genetisch besser zur eigenen Erbsubstanz passen? Gar nicht zu reden von Liebe, die ja vielleicht auch eine Rolle gespielt hat, dass Florian und Felicitas sich fanden….Das biogenetische Wissen, über das die beiden jetzt verfügen, wird zu einer Hypothek, die Entscheidung zu einer schweren Last.

Die eigentliche Frage aller Fragen für das junge Paar wird sein: welche Vorstellung haben wir von einem lebenswerten Leben – als Lebenspartner und dann auch als Eltern. Worauf bauen wir unsere gemeinsame Zukunft? Was müssen wir dazu wissen? Und auf wie viel Wissen können wir eventuell verzichten? Ist Leben nicht immer gegeben, statt genommen? Eben schicksalhaft? Und: ist es nicht sogar ein Segen, dass bestimmte wichtige Stationen im Leben, wie etwa Partnerwahl oder Kinderwunsch, besser ohne rationale Planung und Zweckmäßigkeitsüberlegungen verlaufen.

Die medizinisch-genetische Forschung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte verzeichnet. Erinnert sei an die Befruchtung im Reagenzglas, die Entzifferung der genetischen Erbsubstanz und - damit verbunden - die Möglichkeit, Embryonen in einem sehr frühen Stadium außerhalb des Mutterleibs auf mögliche Anomalien zu untersuchen. Die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, abgekürzt PID, bei der die befruchtete Eizelle vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auf genetische Schäden analysiert wird, steht seit Monaten ganz oben auf der Liste der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten – vergleichbar mit der Auseinandersetzung um die Abtreibungsgesetzgebung zum Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es geht um Grundsätzliches: Ist das, was technisch möglich ist, auch gut? Darf man verbieten, was möglicherweise einem positiven Ziel dient? Oder andersherum formuliert: Soll man strafrechtlich erlauben, was im Bewusstsein nicht weniger Menschen von Übel ist und möglicherweise die Menschenwürde beschädigt? Die Fronten verlaufen quer durch die Bevölkerung und die Parteien. Alle Seiten haben bemerkenswerte Argumente. Wie der Gesetzgeber hierzulande letztlich entscheidet, ist noch völlig offen. Im Bundestag gibt es keine eindeutigen Mehrheiten. Der Blick ins benachbarte Ausland zeigt aber, dass PID überwiegend nicht verboten ist.

Zu den entschiedensten Gegnern der Präimplantationsdiagnostik zählt unter anderem die katholische Kirche. PID wird rundheraus abgelehnt, weil sie darauf hinausläuft, unerwünschte befruchtete Eizellen zu vernichten. Das ist Selektion, Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben. Ein absoluter Tabubruch, eine menschliche Anmaßung gegenüber dem Schöpfer allen Lebens. Anhänger dieser strikten Sicht sagen auch, niemand habe ein "Recht" auf Nachwuchs, und schon gar nicht ein Recht auf vermeintlich gesunden Nachwuchs oder gar auf sogenannte Designerbabys aus dem genetischen Wunschkatalog.. Über alldem steht natürlich auch die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was gesundes und damit sogenanntes "erwünschtes" Leben sein soll? An welche Voraussetzungen will man es binden? Lebensfähigkeit bis in ein hohes Alter? Freiheit von körperlichen oder geistigen Gebrechen?

Die Argumente müssen bei aller Schärfe sehr ernst genommen werden: nicht zuletzt vor dem Hintergrund der dunklen deutschen Nazivergangenheit. Schon einmal haben totalitäre Machthaber versucht, zu bestimmen, was lebenswertes Leben sein soll. Seither hat das Wort vom "lebensunwerten Leben" in Deutschland einen furchtbaren Nachhall. Zu Recht befürchten Behinderte und Kranke, dass die Humangenetik wieder zu eugenischen Zwecken missbraucht werden könnte. Der Druck auf Behinderte, sich für ihre schiere Existenz rechtfertigen zu müssen, würde steigen.

Auf der anderen Seite stehen Befürworter der Präimplantationsdiagnostik. Manchen von ihnen geht es allgemein um den Anspruch wissenschaftlicher Forschung, die nicht ohne gewichtige Gründe untersagt werden darf. Andere betonen, dass Gentechnologie Leid verringern kann: Embryonen, die aufgrund von genetischen Besonderheiten nicht lebensfähig sind, sollen gar nicht erst beginnen zu leben. Verhängnisvolle Krankheiten, die zu erbarmungswürdigem Siechtum führen, könnten erkannt und bekämpft werden. Auch dürfe man Frauen oder Eltern nicht mit Strafe bedrohen, wenn sie für ihr Kind nur das Beste wollten.

Darüber hinaus wird argumentiert, dass die befruchtete Eizelle unter dem Elektronenmikroskop noch kein Individuum darstellt, ihr also noch keine unbedingte Menschenwürde im Sinne des Grundgesetzes zukomme. Solange die Eizelle nicht in der Gebärmutter heranwächst, handle es sich vielmehr um ein vor-embryonales Stadium. Es gehe auch nicht um Selektion zwischen lebenswertem und –unwertem Leben, sondern um eine Entscheidung für das Leben, bevor es zu einer Schwangerschaft kommt. Auch wird immer wieder auf den logischen und ethischen Widerspruch hingewiesen, vor dem der Gesetzgeber steht, wenn er erlaubt, behinderte Kinder bis unmittelbar vor der Geburt durch Abtreibung zu töten, und gleichzeitig die Selektion kranker Embryonen vor Beginn der eigentlichen Schwangerschaft verbieten würde.


Für Irmgard Gründel war es eine ganz normale Schwangerschaft. Die üblichen Beschwerden, aber keine besonderen Auffälligkeiten. Es war auch nicht ihr erstes Kind. Mit 35 war sie zwar nicht mehr die Jüngste, aber als "Risiko" schätzte niemand ihre Schwangerschaft ein. Besondere Untersuchungen waren jedenfalls nicht vorgesehen. Als Andy dann geboren war, deutet zunächst nichts auf eine Behinderung hin. Erst etliche Tage nach der Geburt macht die Krankenschwester wage Andeutungen. Weitere Wochen gehen ins Land, bis die Eltern Gewissheit haben: Andy ist ein etwas anderes Kind, Träger einer genetischen Besonderheit, dem Down-Syndrom, damals noch Mongoloismus genannt. Für die Mutter ein Schock, aber auch ein Moment der Kraft:

"Da is für mich natürlich die Welt zusammengebrochen, weil ich mir vorgestellt habe: ein Kind, das sich nicht richtig entwickelt, und eventuell nicht schulfähig wird, das ist furchtbar. .. furchtbar, bis zu dem Moment, wo man sich dann gesagt hat, es ist so, und man muß es nehmen wie es ist, die Situation ist einfach so; dazu kam mir zu Hilfe, daß mein Mann in keiner Weise geklagt hat, daß er immer die Situation so genommen hat, wie sie war. …."

Der behinderte Junge entwickelt sich anders als normale Kinder. Alles geht langsamer, umständlicher, beschwerlicher. Andy braucht mehr Geduld und Zuwendung. Nicht immer leicht ist es auch, in der Öffentlichkeit zu dem geistig behinderten Kind zu stehen:

"Am Anfang war es für mich schwer, mich mit dem Kind auf der Straße zu zeigen. Jeder, der vorbeiging, schaute auf das Kind und schaute auf mich. Ich kam mir immer vor, als hätte ich irgendwo versagt, als wäre ich schuld an der Behinderung des Kindes. Mit der Zeit hat man das aber auch bewältigt und hat sich dann eigentlich ein etwas dickeres Fell angeeignet."

Mit den Jahren gewöhnen sich Geschwister, Freunde und Nachbarn an den lebhaften, stets freundlichen und immer zum Erzählen aufgelegten Jungen. Heute ist seine Mutter überzeugt: Andy brauchte nicht nur besondere Zuwendung, er beschenkte seinerseits die Eltern und Geschwister. Er schickte sie in eine besondere Schule des Lebens, eine Nagelprobe in geschwisterlicher Solidarität und Rücksichtnahme.

"Klar geworden ist mir, dass er in seiner liebenswürdigen Art oftmals Friedensstifter in der Familie war. Dass er ganz einfach in seiner etwas hilflosen Art die Geschwister und auch uns Eltern dazu brachte, dass wir eben einfach auf irgendwelche Streitigkeiten verzichtet haben, weil man aus Rücksicht oder auch aus Zuneigung zu dem Jungen manches bewältigt hat, was vielleicht in anderen Familien nicht möglich ist."

Andy besucht spezielle Kindergärten und Schulen und arbeitet fast 20 Jahre lang in einer Werkstatt für Behinderte. Sein Tagesablauf unterscheidet sich nicht von dem ganz normaler Berufstätiger. Mehr als fünf Jahrzehnte sind so ins Land gegangen. Heute blickt Irmgard Gründel zurück, aber nicht im Zorn, sondern eher nachdenklich:

"Wenn ich so zurückdenke, war natürlich einiges für uns anders geworden mit dem Kind. Ich hatte mir immer vorgestellt, mit den anderen Kindern, wenn sie heranwachsen, da kann man dies oder jenes unternehmen, mal eine Reise machen... da wurde einiges ganz anders und: man hat sich aber darauf eingestellt und die Jahre sind vergangen. Es ist mir gelungen als Mutter, es ist mir gelungen, weil mein Mann es immer sehr gut mit getragen hat, und es war oftmals der Gedanke: Was wird aus dem Kind? Muss man ihn vielleicht doch an ein Heim gewöhnen oder ... falls er irgendwann allein wäre? Das sind Fragen, die man etwas auch verdrängt hat, ... so vergeht die Zeit und ich hoffe, dass irgendwann auch die richtige Lösung uns zuteil wird, mit Gottes Hilfe."

"Die Wahrnehmung des Lebens in seiner Ordnung, inneren Zweckmäßigkeit und Schönheit gibt dem Menschen Anlass, für die Gabe des Lebens zu danken und über seine Fülle zu staunen. Je tiefer er das Wunder des Lebens erkennt, desto bestimmter wird er der Gefahr begegnen können, das Leben selbstherrlich in Verfügung zu nehmen oder es gar zu verachten".

So formulierten die evangelische und katholische Kirche in ihrer gemeinsamen Erklärung mit dem Titel: Gott ist ein Freund des Lebens. Die biblischen Quellen des christlichen Glaubens lassen in der Tat keine andere Interpretation zu: alles Leben kommt von Gott und verweist in seiner Schönheit wieder zurück auf den Schöpfer. "….und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut." – so heißt es am Anfang der Bibel.

Verträgt sich dieses Schöpfungslob auch mit den Schattenseiten des Lebens? Mit Geschöpfen, die nicht nur unter leichter Anormalität leiden, sondern unter schwerer, lebensbedrohlicher Behinderung? Die es dem Menschen schwer machen mit dem Glauben an die gute Schöpfung? Der Eichstätter Theologe und Ethiker Andreas Lob-Hüdepohl versucht eine Antwort auf die Frage, ob die Schöpfung zwar gut, aber vielleicht nicht gut genug ist:

"Sie ist "gut", wenn man gut nicht gleichsetzt mit "perfekt". Sondern "gut" ist sie von der Anlage her. Und es entspricht ja genau dem Auftrag, dem Schöpfungsauftrag Gottes an den Menschen, seine gute Schöpfung zu bewahren, zu behüten, zu bebauen. Und das bedeutet auch, zu kultivieren, und zwar so zu kultivieren, daß die guten Anlagen auch zum besseren gewendet werden. Das bedeutet allerdings nicht, daß man die gute Schöpfung makellos macht, perfekt macht, … daß in ihr keinerlei Leid, keinerlei Krankheit, keinerlei Brüche, keinerlei Widersprüche auftauchen …"

Tatsächlich lässt die Bibel keinen Zweifel daran, dass mit Gottes Schöpfung nicht nur die Starken und Gesunden gemeint sind. Im Gegenteil. Gerade in den Kranken und Hilflosen zeigt sich die Nähe Gottes. Wie befreiend klingt etwa der alttestamentliche Satz: "Gott, deine Herrschaft braucht keine starken Männer, sondern du bist Gott der Schwachen und Helfer der Geringen". Wie ein roter Faden zieht sich durch die von Jesus überlieferten Geschichten: Kranken ist Gott besonders nahe. Für Andreas Lob-Hüdepohl sind damit selbstverständlich auch Menschen mit einer Behinderung gemeint:

"Auch wenn es schwerfällt, zu sagen, oder in manchem Ohr zynisch klingen mag: auch schwerstbehinderte Kinder, schwerstbehindertes Leben, sehr leidvolles Leben ... ist Teil Gottes guter Schöpfung. Das Gute dieser Schöpfung besteht nicht darin, dass es perfekt ist, sondern dass es lebenswert ist in allen Phasen des Lebens. Und das bedeutet, auch wenn es zynisch klingen mag, auch in sehr leidvollen Situationen ist dieses Leben wertvoll zu leben, sind die Erfahrungen, die Menschen auch mit schwersten Behinderungen machen, ihre Umwelt und sie selbst, schwer, ja gleichwohl lebenswert, wert, nämlich gemacht zu werden."

Mit den fortschreitenden Erfolgen der Gentechnologie hat die menschliche Fortpflanzung zunehmend ihre Unschuld verloren. Wir sind auf dem Weg zu einer Wunscherfüllungs-Medizin. Für Andreas Lob-Hüdepohl Anlass, vor Fehlentwicklungen zu warnen:

"Ich glaube, es hat noch kaum eine Entwicklung im Bereich von Technik .... gegeben, deren Grundlagenforschung nie auch in eine Anwendung gedrängt hat. Immerhin wird Grundlagenforschung und auch Gentechnologie immer auch unter anwendungsbezogenen Interessen gemacht, es ist ja nicht wertfrei, sondern interessengebunden. Ich glaube, dass die Gentechnologie auch wichtige positive Folgen mit sich bringen wird, etwa neueste Therapieformen, Diagnoseformen, an die Möglichkeit, bestimmte Medikamente besser produzieren zu können. Das sind sicherlich sehr positive Folgen der Gentechnologie und der Biotechnologie. Aber dahinter steht doch immer der Gedanke des noch Besseren, des Perfekteren. Und da bin ich eben sehr sehr skeptisch und bin eigentlich eher besorgt. Das Gefährliche eigentlich liegt darin, dass man meint, ein Mensch lasse sich auf seine Biologie reduzieren. Was da für ein Denken dahintersteckt, dass Menschen zunächst einmal Geschöpfe Gottes sind und zwar höchst individuell persönliche Kreaturen dieses Schöpfergottes, und eben nicht nur reine Materie, nicht nur reine Physis, nicht nur reine biologische Masse, dieser Gedanke, den halte ich für ganz wichtig und der wird meines Erachtens nach immer stärker ausgeblendet, weil sich alles konzentriert auf den Menschen als eine biologisch funktionierende Materie, und darin sehe ich mit eine der verstecktesten, gleichwohl aber gefährlichsten Tendenzen moderner Biotechnologie."

"Guter Hoffnung sein" – so nannte man es früher, wenn sich Nachwuchs ansagte. In dieser Formulierung steckt beides: zum einen eine trostreiche Antwort auf die berechtigte Sorge, ob alles gut wird mit Geburt und Gesundheit. Und zum anderen die demütige Einsicht, dass eine Schwangerschaft und überhaupt die Entwicklung eines Kindes nicht allein in Menschenhand liegen. Florian und Felicitas, den beiden Verliebten aus der Eingangsschilderung, würde ich raten: Es ist einfach menschlicher, Leben anzunehmen, statt zu versuchen, Risiken auszuschließen. Den Reichtum und die Vielfalt der Schöpfung zu sehen, statt auf private Vorstellungen und Wünsche einzuengen. Und: Bereit sein, Hilfe zu leisten - denen, die schwach, krank oder anderweitig benachteiligt sind.

Musik dieser Sendung
1. Musik: St.Marien am Behnitz, Barockmusik für Trompete und Orgel, Peter Wettemann (Trompete), Johanna Franke (Orgel)
2. Musik: Dominikus Trautner, Orgelmusik zur Trauer, Die Lebenskunst der Klöster, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach 2005

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat Pfarrer Lutz Nehk, der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur.

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