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Profil / Archiv | Beitrag vom 28.02.2008

Erfolg mit Omas Geschichten

Porträt des Schriftstellers Saša Stanišić

Von Martina Nix

Sasa Stanisic, Adelbert-von-Chamisso- Preisträger 2008 (Peter von Felbert)
Sasa Stanisic, Adelbert-von-Chamisso- Preisträger 2008 (Peter von Felbert)

Sein Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" war bereits vor dem Erscheinen 2006 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Als das Buch dann zeitgleich mit dem Hörspiel erschien, wurde der Nachwuchsautor Saša Stanišić quasi über Nacht bekannt. Nun erhält der literarische Senkrechtstarter, der 1992 aus Bosnien nach Deutschland geflüchtet war, den mit 15.000 Euro dotieren Adelbert-von-Chamisso-Preis.

Saša Stanišic: "Die Omas waren so die Quelle für alles, was an Magie in meinem Buch ist, dass der kleine mit dem Fluss spricht oder das Taubstumme anfangen zu reden, so Dinge. Das waren die Omas, von denen kam das, und nicht nur von Omas meiner Familie, von Omas insgesamt."

Für sein Erstlingswerk "Wie der Soldat das Grammophon repariert", schöpfte Saša Stanišic nicht nur aus den Erzählungen seiner Großmutter, die immer noch in seiner Geburtsstadt Višegrad lebt. Der 29-Jährige ließ in seinem stark autobiographischen Roman auch Zeugenaussagen über die Verbrechen in Bosnien einfließen. Dabei ist die Erzählweise aber alles andere als ernst und bedrückend. Den Krieg in Bosnien und die Flucht nach Deutschland beschreibt er aus einer kindlich-heiteren Perspektive.

Saša Stanišic: "Der Humor ist auf jeden Fall eine notwendige Variante, um diese schwierige Situation zu überstehen und in meinem Buch ist es ein poetologisches Mittel um zu zeigen, wir können hier noch was außer Leiden und Bedrücktsein."

1992 nach Kriegsausbruch in Bosnien-Herzegowina floh Saša Stanišic mit seinen Eltern nach Heidelberg. Sie hatten Glück, dass sie bei einem Onkel, der dort als Gastarbeiter arbeitete, unterkommen konnten. Auch die ersten Eindrücke von Deutschland erzählt Saša Stanišić in seinem Debütroman mit einer amüsanten Distanz.

Lesung aus "Wie der Soldat das Grammofon repariert":

"Im besseren Deutschland ist eine Wand umgefallen und ab jetzt gibt es nur noch das schlechtere Deutschland. Der Wand musste das früher oder später passieren, das sagen alle. Onkel Bora - der Gastarbeiter, wie ihn jede Familie braucht - sagt, das schlechtere Deutschland sei für ihn sowieso das bessere Deutschland, weil es ihn bezahlt und 100 Häuser in einer gleichen Reihe stehen, so dass keiner neidisch ist. Und die Ampeln stehen nicht nur, sondern können wirklich grün. Auf der hohen Wand, die gar nicht umgefallen aussieht, schwenken Menschen gelbe und graue Fahnen. Während die sich da oben freuen, arbeiten andere da unten noch und klopfen Steinchen aus der Wand. Mein Onkel Bora sagt, die Deutschen arbeiten halt immer."

Mit dem Schreiben beginnt Saša Stanišic mit zehn Jahren. Unzählige Terminkalender seines Vaters füllt er mit Romanen, Partisanengeschichten und Tito-Lobliedern. Hier in Deutschland verarbeitet er als 14-Jähriger seine Kriegserlebnisse zunächst in Gedichten. Erst auf bosnisch, vier Monate später dann schon, angeregt durch seinen Deutschlehrer, auch auf Deutsch.

Saša Stanišic: "Man sagt es ja immer wieder, dass man sich überhaupt nicht vorstellen kann, was Lehrer für eine positive Entwicklung haben, ist bei mir aber die Erfüllung des Klischees schlechthin. Dieser Lehrer hat mich begleitet die nächsten zwei, drei Jahre und war immer meine erste Bezugsperson, nicht nur in den Fragen der Literatur. Er war wirklich so mein erster deutscher Freund hier irgendwo, der mich auch ernst genommen hat."

Deswegen will Saša zunächst auch Lehrer werden. Neben seinem Philologiestudium arbeitet er, um pädagogische Erfahrungen zu sammeln, als Assistent Teacher in Amerika. In seiner Freizeit schreibt er aber weiter und bewirbt sich 2003 am Literaturinstitut in Leipzig.

Saša Stanišic: "Und habe das dann angetreten, mit dem klaren Ziel: Ein Jahr lang gebe ich mir Zeit."

Der drei Jahre später eintretende Erfolg aber übertrifft selbst seine Erwartungen. Plötzlich ist er nicht mehr irgendein literarisches Talent in Ausbildung, sondern bekannt. Der große schlanke Autor gibt viele Interviews, wird Stadtschreiber und reist von Lesung zu Lesung. Sein Roman wird in 20 Sprachen übersetzt, und erscheint auch in den USA. Dort leben seine Eltern seit zehn Jahren, weil ihre Aufenthaltsgenehmigung hier abgelaufen war. Trotz des enormen Erfolges bleibt der - immer noch in Leipzig wohnende Autor - auf dem Teppich und erholt sich auch weiterhin beim Fußball.

"Ich liebe es, zu grölen und alles zu vergessen um mich herum, das ist ein sehr guter Aggressionskanal für mich, um mich ein bisschen auszuschreien."

Außerhalb des Fußballplatzes ist Saša Stanišic eher ruhig und äußerst freundlich. Er lacht sehr viel. Und er spricht in einem Tempo, dass man oft erst im Nachklingen seiner Worte den feinsinnigen Humor darin versteht. Dann wird schnell klar, dass sich hinter dem offenen und herzlichen Wesen des Autors ein tiefgründiger Denker und genauer Beobachter verbirgt.

"Es sind so viel Kleinigkeiten, zum Beispiel bei meiner Oma: Sie hat einen kleinen Raum. Da wird das Möglichste und Unmöglichste seit Jahrzehnten gelagert, und der hat seit Jahren einen bestimmten Geruch - wie feuchter Mais ein bisschen, so leicht säuerlich, Brot und Holz, altes Holz. Das sind so Augenblicke, da brauche ich auch kein Gespräch, keinen Notizblock, das ist eine Betrachtung, ein Sinneseindruck, der auch berührt. Dann setzte ich mich hin und darüber schreibe ich dann, wird irgendwo eingearbeitet, auch wenn es nur zwei Nebensätze sind. Das ist ganz wichtig."

Hinweis:
Der Autor Saša Stanišic erhält heute den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Morgen liest er aus seinem Roman um 20.00 Uhr im Literaturhaus München.

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