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Interview | Beitrag vom 18.03.2017

Equal Pay Day"Vollzeit-Fetisch ist nicht mehr zeitgemäß"

Sonja Eismann im Gespräch mit Katrin Heise

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Mutter, Vater, Tochter und Sohn beim Frühstück. Der Sohn hält ein Glas Milch in der Hand und reckt den Daumen in die Kamera. (imago/Westend61)
Familienmanagement und Berufstätigkeit zu vereinen, stellt viele Familien vor ständige Herausforderungen. (imago/Westend61)

Es wäre ideal, wenn Männer und Frauen Teilzeit arbeiten könnten, sagt die Chefredakteurin des "Missy Magazine", Sonja Eismann. Nicht für alles, was mit den Kindern zu tun habe, sollten die Mütter zuständig sein.

Am 18. März ist "Equal Pay Day". An diesem Tag rechnen die Organisatoren den Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen aus. Zurzeit liegt er bei rund 21 Prozent, was bedeutet, dass Frauen im Verdienstvergleich zu Männern 77 Tage im Jahr keinen Cent verdienen würden. Eine der Erklärungen für diese Lohnlücke ist,  dass Frauen wegen der Kinderbetreuung häufiger Teilzeit arbeiten und es nicht immer zurück in den Vollzeitjob schaffen.

Ein Bewusststeinswandel muss her

Es müsse einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft geben, fordert die Mitbegründerin und Chefredakteurin des "Missy-Magazine", Sonja Eismann, im Deutschlandradio Kultur. Sie ist selbst gerade in Elternzeit und sagt, es dürfe nicht mehr so selbstverständlich sein, dass vor allem die Mütter für alles zuständig seien, was mit den Kindern zu tun habe. Es müsse klar sein, dass es beide Elternteile gleich betreffe. Eismann sagte, es wäre eigentlich ideal, wenn alle Teilzeit arbeiten könnten. "Dieser Vollzeit-Fetisch ist einfach nicht mehr zeitgemäß", sagte sie.

Für viele sei eine Vollzeitbeschäftigung nicht möglich. Außerdem sei es für viele Frauen und Männer auch nicht erstrebenswert, die ganze Zeit der Arbeit zu widmen und für den Rest des Lebens weniger Zeit zu haben. "Ich glaube, wir sollten eher dahin, dass Teilzeit etwas Selbstverständliches wird und das nicht nur die eine gute Rente bekommen, die immer Vollzeit gearbeitet haben", sagte Eismann.


Das Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Nicht nur musikalisch gibt es Dauerbrenner, es gibt auch politische Dauerbrenner – in diesem Fall muss ich sagen: leider! Der ungleiche Verdienst von Frauen und Männern, das ist nämlich so ein Dauerbrenner, auch im Jahr 2017 bekommen in Deutschland die Frauen im Durchschnitt fast 22 Prozent weniger Geld als die Männer. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen einfach in schlechter bezahlten Jobs arbeiten. Die tatsächliche Lohnlücke, also die Bezahlung bei gleicher Arbeit, liegt bei sieben Prozent, manche sagen, bei nur zwei Prozent, diese Lohnlücke schließt sich langsam, aber das schlechte Endresultat im Portemonnaie, das bleibt momentan noch. Ein anderer Grund dafür ist – und der ist eben auch nicht unerheblich –, Frauen unterbrechen ihre Tätigkeit häufiger und länger und arbeiten oft in Teilzeit. Die Frau, die ich jetzt am Telefon habe, die unterbricht auch gerade ihre Tätigkeit. Ich begrüße Sonja Eismann, Mitbegründerin und Chefredakteurin vom "Missy Magazine". Schönen guten Morgen!

Sonja Eismann: Guten Morgen!

"Die meisten von uns arbeiten 30 Stunden"

Heise: Sie befinden sich gerade in Elternzeit. Das kann ja auch eine Gefahr für Frau und Karriere sein, ne?

Eismann: Ja, aber bei uns ist es ja so wie bei allen kreativ und prekär Beschäftigten, dass man eigentlich nie so ganz raus ist und immer noch mit dabei ist, weil anders der Betrieb gar nicht am Laufen zu halten ist.

Heise: Also eigentlich noch schlimmer! An die Elternzeit schließt sich ja meist eine Teilzeitbeschäftigung an. Sie sind jetzt eine Redaktion, die nur aus Frauen besteht. Wie steht es denn da mit dem Anteil an Teilzeitarbeit?

Eismann: Na ja, die meisten von uns arbeiten 30 Stunden, aber gar nicht so sehr, weil sie Kinder haben oder sich um Angehörige kümmern müssten – das ist ja auch ein Teil von dieser Sorgearbeit, den oft Frauen übernehmen oder sogar meistens –, sondern weil sie auch noch alle andere Anliegen haben, die sie verwirklichen möchten.

Heise: Gut, das ist natürlich auch ein Grund für Teilzeit. Nichtsdestoweniger ist Teilzeit eben einer der erheblichsten Gründe, warum Frauen insgesamt weniger verdienen als Männer. Wie diskutieren Sie das Thema in Ihrer Redaktion?

Eismann: Ja, wir sind uns da eigentlich alle einig, dass es dramatisch ist, dass wir überhaupt noch darüber diskutieren müssen. Also, es gibt jetzt in der Redaktion zwei Mütter, Stefanie Lohaus, Mitbegründerin, und ich, und ja, wir bringen unsere Babys mitunter mit und wir teilen da eigentlich unsere Ansichten, dass es nämlich eigentlich einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft geben muss, dass es nicht mehr so selbstverständlich ist, dass die Mütter für alles zuständig sind in erster Linie, was mit den Kindern zu tun hat, und bei den Vätern das ein toller Bonus ist, für den sie überall gelobt werden, sondern dass es ganz klar sein muss, dass es beide gleich betrifft und dass es ja eigentlich ideal wäre, wenn alle Teilzeit arbeiten könnten! Weil, dieser Vollzeit-Fetisch ist einfach nicht mehr zeitgemäß unserer Meinung nach.

Der Bewusstseinswandel kommt oft mit den Kindern

Heise: Ihr Magazin wendet sich ja durchaus an junge Frauen. Bei denen hat man oft das Gefühl, dass die nicht wirklich finden, dass es so eine Geschlechterungerechtigkeit überhaupt noch gibt. Da spricht man dann durchaus von Chancengleichheit und jede kann ja, wenn sie will, und muss sich ja nicht beispielsweise für Teilzeit entscheiden. Das heißt, das Problem wird so in den persönlichen Bereich geschoben, hat man jedenfalls häufig das Gefühl bei jungen Frauen. Wie nehmen Sie das wahr? Habe ich da recht, also bei dieser Wahrnehmung?

Eismann: Also, einerseits haben Sie damit auf jeden Fall recht, andererseits sehen wir da aber gerade eine interessante Veränderung. Also, nicht nur durch so Phänomene wie den Women's March in Amerika, wo es ein breites feministisches Bewusstsein gibt, sondern auch überhaupt werden sich Frauen doch bewusster, dass es mit der Gleichberechtigung noch nicht so weit her ist, auch Männer zum Glück! Und ich glaube, bei vielen Frauen kommt dieser Knackpunkt tatsächlich erst, wenn sie Kinder haben und dann merken, dass alles doch sehr viel schwieriger ist, als einem das so vorgegaukelt wird. Und dann gibt es auch oft einen Bewusstseinswandel.

Heise: Das "Missy Magazine" versteht sich ja als Magazin für Pop, Politik und Feminismus. Wie stehen Sie also insgesamt so zu so einem alten Hut wie dem Equal Pay Day von 1966?

Eismann: Na, es ist ja schlimm genug, dass dieser alte Hut, dass wir uns den heute immer noch aufsetzen müssen. Wir sind ja teilweise schon sehr lange dabei, schon seit den 90er-Jahren, und begleiten das schon lange. Und wir beschäftigen uns mit allem, was heute brennend ist, egal wie alt das ist. Von daher ist das eigentlich für uns egal, ob jetzt irgendwas ein hippes neues Thema ist, sondern für uns ist wichtig, dass es was ist, was es zu ändern gilt.

Teilzeit soll etwas Selbstverständliches werden

Heise: Und müsste man der Generation da vielleicht noch mal ein bisschen mehr in den Hintern treten, aufzustehen?

Eismann: Ja, ich glaube, da sind auch die Strukturen wie immer mit schuld. Also, wir sehen bei den jüngeren Leuten, also vor allem auch bei Frauen, dass sie sehr gehetzt sind von diesem Hamsterrad und da oft gar keine Zeit mehr bleibt für die Reflexion und für das politische Engagement. Aber genau dieses Bewusstsein, was man dann vielleicht doch irgendwann dafür bekommt, das führt dann eben doch dazu, dass man diese Sachen ändern will. Und wie gesagt, ich sehe im Moment so einen starken Drang zur Veränderung, ganz allgemein gesellschaftlich, und das macht mir dann doch Mut.

Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) spricht am 20.02.2017 auf der Arbeitnehmerkonferenz ihrer Partei in Bielefeld.  (dpa Bildfunk / Friso Gentsch )Plant ein Rückkehrrecht für Teilzeitbeschäftigte: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) (dpa Bildfunk / Friso Gentsch )

Heise: Wir haben unser Gespräch ja angefangen mit dem Gespräch über Teilzeit. Arbeitsministerin Andrea Nahles plant ja das garantierte Rückkehrrecht von Teilzeit, also dass man eben ja verpflichtet ist als Arbeitgeber sozusagen, die Frauen – meistens sind es eben welche – in Vollzeit wieder zu nehmen. Finden Sie so was richtig, so was gesetzlich zu regeln?

Eismann: Ich finde es schon wichtig, dass solche Dinge auch gesetzlich abgesichert werden, weil damit eben gewisse Garantien hergestellt werden. Andererseits frage ich mich eben, ob diese Betonung des Vollzeitbeschäftigungsverhältnisses, ob das der richtige Weg ist, also… Weil, für viele ist das einfach nicht möglich und für viele ist es auch gar nicht erstrebenswert, für Frauen wie auch für Männer, denke ich, die ganze Zeit sozusagen der Arbeit zu widmen und dann für den Rest des Lebens weniger Zeit zu haben. Und ich glaube, wir sollten eher dahin, dass Teilzeit was Selbstverständliches wird und dass nicht nur die eine gute Rente bekommen, die immer Vollzeit gearbeitet haben.

Ein langwieriger Prozess, der politische Unterstützung braucht

Heise: Also insgesamt so ein Umdenken. Die derzeitige Regierung sieht sich ja überhaupt, was so Frauengleichheit anbetrifft, auf dem richtigen Weg durch Mindestlohn, Frauenquote, Verbesserung der Kinderbetreuung. Zum Schluss, was wünschen Sie sich von unserer Regierung?

Eismann: Ja, ich wünsche mir da noch viel mehr Taten, noch mehr Schritte und eben tatsächlich auch abseits der politischen Maßnahmen auch, ja, Maßnahmen dazu, dass in den Köpfen was in Bewegung kommt. Dass es eben ganz normal ist, dass Menschen sich nicht immer so über Geschlecht definieren, dass Frauen nicht immer nur für die Kinder da sind, automatisch Teilzeit arbeiten. Und das ist natürlich ein langwieriger Prozess, aber den kann man durchaus auch politisch begleiten und sollte ihn unbedingt unterstützen.

Heise: Sagt Sonja Eismann, Chefredakteurin vom "Missy Magazine", zum heutigen Equal Pay Day. Danke schön, Frau Eismann!

Eismann: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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