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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2008

Episches Musiktheater als Geschichtsstunde

Bregenzer Festspiele zeigen Ernst Kreneks "Karl V."

Von Bernhard Doppler

Ernst Kreneks "Bühnenwerk mit Musik" "Karl V." gilt als eines der großen, doch unverdienterweise kaum gespielten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, außerdem als erste konsequent auf einer Zwölftonreihe beruhende Oper. Es ist jedoch, wie die Bregenzer Aufführung deutlich macht, vor allem ein sehr persönliches, sehr subjektives Werk.

Krenek, der abseits der Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern) sich als Autodidakt die Zwölftontechnik erarbeitete , verstand sich nicht nur als Komponist, sondern ebenso auch als Schriftsteller. Für "Karl V." vergrub er sich zudem wie ein Historiker fast ein Jahr lang in das Studium historischer Quellen, ehe er zu komponieren begann.

"Karl V." enthält viel Text: mehrere reine Sprechrollen, Sprechpassagen der Sänger, stotternde Sprecher und Sprechgesang. Und dennoch! Was in aller Welt fand denn Krenek so brennend interessant an Karl V.? Dem Habsburger-Kaiser, dessen Riesenreich, in dem die Sonne nicht unterging, zusammenbrach, der mit Skrupeln, aber dann doch, Ketzer verfolgte, der an seiner vom Wahnsinn gezeichneten Mutter litt, der immer wieder von Freunden verraten wurde, und der voller Selbstzweifel nicht wusste, wie er gegenüber den rebellischen deutschen Protestanten und Luther handeln sollte, und der schließlich Macht und Verantwortung - verantwortungslos? - freiwillig abgab?

Krenek zeigt ihn in seinem "Bühnenwerk mit Musik", wie Karl V. sich todkrank nach Österreich schleppend, nach Villach, Innsbruck und Wien, sterbend vor einem Mönch Rechenschaft über sein Leben in einer Beichte ablegt, also: seine Autobiographie singt.

Das ist auch der Ansatzpunkt für die Inszenierung von Uwe Erich Lauffenberg. Er setzt Kral V. mit Krenek gleich und führt ihn als einen Geschichtslehrer vor der Klasse vor. Doch die Schüler spielen in diesem Unterricht nicht immer folgsam mit, in öfter wechselnden Unformen unterschiedlicher Kampfgruppen und Jugendverbände der Dreißiger Jahre treten sie immer wieder auf.

Vor allem für die gegen den Kaiser meuternden Landsknechte und für Luthers Protestanten hat Krenek sehr vitale Chöre komponiert, in denen an die Nationalsozialisten erinnernde Parolen wie "Fort mit den Fremden, fort mit der Fron, Deutschlands Freiheit ist unser Lohn" geschmettert werden. Wie als Österreicher sich gegenüber solchen Deutschen verhalten? Karl V. wird bei Lauffenberg zu einem Zustandsbericht eines sich in Ausweglosigkeit manövrierenden Intellektuellen während des Faschismus.

Krenek war ja glühender Österreicher, und mit Karl V. glaubte er- von den Nationalsozialisten als "Kulturbolschewist" ausgegrenzt - wohl dem klerikalen österreichischen Ständestaat dienlich sein zu können: er war, nach Österreich zurückgekehrt, selbst in die Kirche eingetreten; eine Aufführung von "Karl V." in der Wiener Staatsoper war bereits geplant, doch gerade christlichsoziale Politiker hintertrieben das Vorhaben. Krenek musste sich wie sein Opernheld verraten fühlen.

Kreneks Bühnenwerk entpuppt sich als merkwürdiges Konglomerat; Genaue historische Recherche, sehr private, fast tagebuchartige Skizze, Erörterung - bisweilen etwas banal - von Lebensweisheiten, aber auch großer historisch-biographischer Opernschinken, und schließlich auch dozierendes episches Musiktheater - gar nicht weit entfernt von Bertolt Brecht und Kurt Weill.

Uwe Erich Lauffenbergs Lösung, die Beichte Karl V. als Volkshochschul-Vortrag im Klassenzimmer von Gisbert Jäckl zu verstehen, leuchtet ein. Am überzeugendsten aber ist dennoch die Musik, vor allem wenn sie - wie im langen Vorspiel zum zweiten Akt - derart sensibel zelebriert wird wie unter den Wiener Sinfonikern unter Lothar Koenigs, und vor allem wenn mit Dietrich Henschel ein fast jugendlich wirkender Karl V. voll großer Präsenz auf der Bühne herrscht.

Neben den vielen Sängerrollen, zum Beispiel Nicola Beller-Carbone als Schwester sollte man auch die Sprechrollen Moritz Führmann als Beichtvater, Ludwig Boettger als Nazi-ähnlichen Moritz von Sachsen oder den in solchen Unternehmungen zwischen Schauspiel und Oper immer bewährten Tenor und Schauspieler Christoph Homberger nicht vergessen.

"Karl V." von Ernst Krenek
Bregenzer Festspiele
Inszenierung: Uwe Erich Lauffenberg
Musikalische Leitung: Lothar Koenigs
Bühnenbild: Gisbert Jäkel

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