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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 24.08.2008

Entzaubertes Allheilmittel

Folsäure in der Kritik

Folsäure - doch kein Wundervitamin? (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
Folsäure - doch kein Wundervitamin? (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)

Ein Stern am Himmel der Gesundheitshoffnungen verblasst offenbar: die Folsäure. Das B-Vitamin sollte gegen Herzinfarkt, Krebs und Demenz helfen. Doch was ist daraus geworden? Nichts, rein gar nichts. Es waren trügerische Versprechen. Im Gegenteil. Jetzt tauchen Ergebnisse auf, die hellhörig machen.

Eine US-Studie fand bei älteren Menschen, die hohe Folsäurepegel aufwiesen, eine Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten. Eine kleine Einschränkung ist dabei allerdings nötig: Das galt nur für Senioren, die gleichzeitig schlecht mit Vitamin B12 versorgt waren. Das allerdings ist bei alten Menschen recht häufig, weil der Körper im Alter das B12 oftmals nicht mehr aufnehmen kann. Da nützen dann auch Vitaminpillen mit B12 nix mehr.

Ganz speziell wurde es allen Schwangeren wärmstens zur Vermeidung von Missbildungen empfohlen. Gibt es wenigstens hier positive Nachrichten? Leider nein. Eine Studie, die gerade heftige Aufregung verursacht hat, hatte ergeben, dass Folsäuregaben während der Schwangerschaft für fettere Kinder sorgen. Teilnehmerinnen der indischen Studie waren 700 Schwangere bzw. deren Kinder. Als diese im sechsten Lebensjahr erneut untersucht wurden, hatten sie – obwohl sie eher dünn aussahen – mehr Speck unter der Haut als britische Kinder. Der Grund liegt unter anderem darin, dass es sich um Vegetarierinnen handelte, deren Eiweißversorgung einfach schlechter ist. Je besser die Eiweißversorgung – vor allem mit tierischem Eiweiß – desto mehr Muskeln werden gebildet und desto schwerer sind die Kinder.

Wenn das Vegetarierinnen waren, dann hatten die ja wohl auch niedrigen B12-Spiegel. Richtig. Auch hier gab es das Problem nur bei Frauen, die wenig B12 aber viel Folsäure im Blut hatten. Wer gerne tierische Produkte isst, die reichlich B12 enthalten, hat damit keine Probleme. Was aber an dieser Studie das blanke Entsetzen der Fachwelt ausgelöst hat, war etwas anderes: Die Kinder der betroffenen Mütter entwickelten eine Insulinresistenz – also das erste Anzeichen von Altersdiabetes. Jetzt endlich dämmert es den Experten, dass nicht unbedingt Junkfood das Problem auslöst könnte, sondern womöglich die Kombination von vegetarischer Ernährung in Verbindung mit Folsäuretabletten. Denn Junkfood gibt es seit vielen Jahrzehnten, neu aber sind die Folsäureprophylaxe und die wachsende Zahl von Salatesserinnen.

Und wie reagiert die Fachwelt nun? Das alte Prinzip: Mund halten, Augen zu und durch. Deshalb hört man ja in der Öffentlichkeit nichts davon.

Wie lässt sich das Ergebnis erklären? Immerhin handelt es sich um ein Vitamin und nicht um ein Umweltgift. In unserer Nahrung ist von Natur aus reichlich Folsäure enthalten. Der menschliche Körper nimmt aber nur einen Teil davon auf. Offensichtlich hat er seine Gründe dafür. Er reguliert die Aufnahme aktiv. Diese Mühe lohnt nur, wenn er sich vor einer Überdosis schützen will. Sowohl bei bestimmten Infektionskrankheiten als auch bei einigen Krebsarten werden vom Arzt sogar sogenannte Antifolate verschrieben. Sie sollen dafür sorgen, dass die Krankheitserreger bzw. der Krebs die Folsäure nicht verwerten können. Für die ist er viel wichtiger als für den Menschen.

Aber warum schützt sich der Körper nicht vor den Vitaminpillen? Da müsste das Programm ja auch funktionieren? Leider nein, weil hier nicht natürliche Folsäure eingesetzt wird, sondern eine spezielle synthetische Verbindung, das PGA: Sie marschiert unkontrolliert durch die Darmschleimhaut.

Aber wenigstens gegen Missbildungen, gegen die Spina bifida, den offenen Rücken hilft es? Nach wie vor ist der Nutzen umstritten. Schließlich kennt man seit langem die wichtigsten Ursachen: Es sind hierzulande vor allem bestimmte Medikamente, die vor allem bei Epilepsie verordnet werden. Früher waren es schimmlige Kartoffeln und in Lateinamerika vor allem verschimmelter Mais. Aber mit dieser einfachen Einsicht lässt sich nun mal kein Geld verdienen.

Literatur:
Morris MS et al: Folate and vitamin B-12 status in relation to anemia, macrocytosis, and cognitive impairment in older Americans in the age of folic acid fortification. American Journal of Clinical Nutrition 2007/85/S.193-200
Rosenberg ICH: Metabolic programming of offspring by vitamin B12/folate imbalance during pregnancy. Diabetologia 2008; 51: 6-7
Yajnik CS et al: Vitamin B12 and folate concentrations during pregnancy and insulin resistance in the offspring: the Pune maternal nutrition study. Diabetologia 2008; 51: 29-38
Pollmer U, Warmuth S: Pillen, Pulver, Powerstoffe. Die falschen Versprechen der Nahrungsergänzungsmittel. Eichborn, Frankfurt/M 2008

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