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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.10.2008

Entlarvender Kindersinn

Irena Brezna: "Die beste aller Welten", Edition Ebersbach, 164 Seiten

Erzählerin ist ein Schulmädchen namens Jana. (AP)
Erzählerin ist ein Schulmädchen namens Jana. (AP)

Die Autorin Irena Brezna, 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geboren, zeigt, wie einer harten Ideologie am besten beizukommen ist: mit kindlicher Naivität. Ihr Roman spielt Anfang der 60er Jahre in einer kleinen Stadt in einem nicht näher bezeichneten Land im Osten Europas. Erzählerin ist ein aufgewecktes Schulmädchen namens Jana. "Die beste aller Welten" ist eine poetische Umdeutung voller skurriler und seltsamer Anekdoten aus der Aufbauepoche des osteuropäischen Sozialismus.

Das Material, aus dem dogmatische Ideologien bestehen, ist hart und unbeugsam. Mit Vernunft, Realitätssinn und Argumenten sind Ideologien kaum zu erweichen. Der reale Sozialismus Osteuropas bestand bekanntlich noch lange, nachdem für das Auge der Vernunft seine ökonomische Ineffizienz längst sichtbar geworden war.

Die Autorin Irena Brezna, die 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geboren wurde, 1968 in die Schweiz emigrierte, heute in Basel lebt und sich mit Reportagen, Essays und Erzählungen ein hohes literarisch-publizistisches Renommee erworben hat, zeigt in ihrem Kindheitsroman "Die beste aller Welten", wie einer harten Ideologie am besten beizukommen ist: mit kindlicher Naivität. Der Kindersinn nimmt die Dogmen und Phrasen wörtlich - und entlarvt so ihren Schwindel und ihre Paranoia. Ein ausgesprochen komischer und satirischer Vorgang.

Der Roman ist in einer kleinen Stadt in einem nicht näher bezeichneten Land im Osten Europas situiert. Er spielt wohl Anfang der 60er Jahre, auch das wird nicht näher bestimmt, da die Erzählerin, ein aufgewecktes Schulmädchen namens Jana, es naturgemäß nicht als notwendig erachtet, ihre Geschichte mit historischen Fakten auszustatten, die ihr selbst nicht geläufig sind.

Sie erzählt, und darin liegt die Raffinesse des Buches, konsequent aus ihrer kindlich-jugendlichen Perspektive: Von der Mutter, die etwas Großartiges, nämlich eine Proletariern, ist und dennoch von einem Tag auf den anderen irgendwohin verschwunden ist. Vom Vater, der leider kein Proletarier, sondern ein bürgerliches Element, aber auch verschwunden ist. Von der Schule, die vor allem eine Lektion lehrt: genau zu unterscheiden zwischen den Dingen, die man sagen darf und den Dingen, die man auf keinen Fall sagen darf, auch wenn zu Hause bei der Großmutter darüber gesprochen wird.

Jana verwandelt die Welt der sozialistischen Ideologie in eine Märchenwelt, die nur in ihrem Kopf besteht. Eine poetische Umdeutung in konkreten, plastischen Bildern, voller skurriler und seltsamer Anekdoten aus der Aufbauepoche des osteuropäischen Sozialismus. Aus einer finsteren wird im Eigensinn des Mädchens eine recht vergnügliche Zeit. Das macht "Die beste aller Welten" von Irena Brezna zu einem Buch, durch das literarische Utopie weht.

Rezensiert von Ursula März

Irena Brezna: Die beste aller Welten
Roman, Edition Ebersbach, Berlin 2008,
164 Seiten, 18 Euro

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