Samstag, 30. August 2014MESZ22:20 Uhr

Lesart

OriginaltonDas Lektorat
Eine Lesebrille liegt auf einem Bücherstapel.

"Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.Mehr

Erster WeltkriegMit ihren jungen Augen
Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Rußland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste.

Das Buch "Kleine Hände im Großen Krieg" von Yury und Sonya Winterberg versammelt Tagebuchaufzeichnungen, in denen Kinder und Jugendlichen von ihren Gefühlen und Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs erzählen. Eine eindringliche Annäherung an das Thema.Mehr

Kurz und KritischPost von der Front

Der Journalist Theodor Wolff wandte sich früh gegen den Krieg und versuchte zu intervenieren. Ernst Jünger wiederum rang als Soldat um die Anerkennung seines Vaters - und schrieb Feldpostbriefe.Mehr

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Buchkritik

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.07.2012

Entfesselte Mörderbande

Maximilian Scheer: "Das Deutsche Volk klagt an"

Rezensiert von Peter-Alexis Albrecht

Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch 1937 in Berlin
Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch 1937 in Berlin (AP)

Wie genau wurden die Deutschen über die konkrete Politik der Nationalsozialisten informiert? Was wussten sie? Was hätten sie wissen können? Diesen und anderen Fragen geht Maximilian Scheer in seinem Buch nach.

Dieses Buch ist eine Anklageschrift. Durch sie wird die Tyrannei gegen das deutsche Volk aufgedeckt, die Methoden der blutigen Unterdrückung nachgezeichnet, ein Volk hinter Stacheldraht abgebildet, die Legalisierung des Terrors belegt, eine Statistik des Grauens veröffentlicht, der Widerstand der Menschen skizziert.

Im Anhang findet man die Lager- und Disziplinarordnung des Konzentrationslagers Esterwegen, beigelegt ist eine Übersichtskarte über die Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse in Deutschland – die in die Tausende gingen.

Der Titel des Buches mag suggerieren, dass eine Anklageschrift für die Nürnberger Prozesse oder die NS-Prozesse im Nachkriegsdeutschland vorliegt. Der Krieg hat die Deutschen wohl blind gemacht für fremdes Leid, vernebelt. Das gesamte Ausmaß von Verbrechen gegen die Menschlichkeit scheint sich erst nach Niederlage und Befreiung zu eröffnen.

Cover: "Maximilian Scheer: Das Deutsche Volk klagt an"Cover: "Maximilian Scheer: Das Deutsche Volk klagt an" (Laika Verlag)Falsch: Die Anklage wird 1936 erhoben, aus dem Pariser Exil des Autors Maximilian Scheer, der in Deutschland noch Schlieper hieß und diese Anklageschrift mit namentlich unbenannten Mithelfern veröffentlichte. Für die ersten 40 Monate nach der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers werden von Januar 1933 bis Anfang 1936 Fakten dokumentiert, die das nationalsozialistische Deutschland als entfesselte Mörderbande entlarven.

Das, was dabei besonders bedrückt, ist der Umstand, dass die meisten der sorgfältig und systematisch zusammengetragenen Fakten aus Quellen stammen, die in Deutschland öffentlich zugänglich waren. Man musste nur lesen und sehen können.

Von Anfang richtete die Hitler-Regierung ihre Politik auf einen Krieg aus. In Presse, Literatur, Rundfunk, überall wurde gefordert: "Hitler über Europa!". Die Frankfurter Zeitung vom 18.6.1933 war für Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, ein Sprachrohr:

"Die jetzige Revolution wird sich nicht allein auf zwei Staaten Europas beschränken. Die Kampfansage Hitlers an den demokratischen Staat ist nur der Auftakt. Am Ende der Entwicklung wird ein nationalsozialistisch gegliedertes Europa stehen"(S. 86)

Es sind die düstersten Kapitel, in denen Maximilian Scheer die "Menschenjagd durch die Gestapo" beschreibt, schildert, wie der Bürger rechtlos gestellt und das Recht systematisch vernichtet wurde, und resümiert diese Veränderungen, die alle öffentlich bekannt gemacht wurden:

"Das in zivilisierten Ländern geltende Recht besitzt im Dritten Reich keine Gültigkeit mehr. Die nationalsozialistische Justiz beruht auf dem Prinzip der Rache, Vergeltung und Erniedrigung sind ihre Ziele" … "Das Recht und der Wille des Führers sind eins"(S. 167)

In der Verfolgung dieses Willens wurden bis 1936 225.000 Männer und Frauen wegen ihrer politischen und religiösen Überzeugung oder aufgrund der Rassengesetze zu insgesamt etwa 600000 Jahren Zuchthaus oder Gefängnis verurteilt. Untersuchungshaft sowie KZ- und Schutzhaft sind dabei noch nicht berücksichtigt. Letztere betraf noch einmal über 250000. Eine Liste von 1359 zumeist in der Haft ermordeter Menschen komplettiert das bedrückende Buch. Es sollte aufwecken und zum Widerstand aufrufen:

"Möge der Appell des deutschen Volkes nicht ungehört verhallen! Wenn er gehört wird, kann vom deutschen Volk und von der Welt die Gefahr millionenfachen Todes in einem neuen Krieg abgewandt werden." (S.19)

Dieser Appell wurde nicht gehört, jedenfalls nicht berücksichtigt. Das Ergebnis waren 55 Millionen Kriegstote und Ermordete, große Teile Europas in Schutt und Asche, Recht und Gerechtigkeit in Deutschland und später in den überfallenen Ländern beseitigt.

Warum nun erscheint im Jahr 2012 erstmals dieses Buch in Deutschland – als Reprint im Laika-Verlag? Die Erkenntnisse erstaunen heute niemanden, sie sind öffentliches Allgemeingut. Heute! Zu belegen aber ist, dass bereits 1936 klarer Verstand die größte Katastrophe der Menschheit mutig und gewissenhaft dokumentierte bzw. voraussah.

Nahezu naiv, wenn nicht empörend, erscheinen heutige Versuche, über nationalsozialistische Verantwortungsträger in staatlichen Institutionen wissenschaftlich aufzuklären. Dass im Auswärtigen Amt und im Reichsjustizministerium – wie fast überall – nationalsozialistische Überzeugung und Opportunismus ausschlaggebend waren, um Beamte und Mitarbeiter zu rekrutieren und dadurch zu Systemträgern zu machen, ist vor dem Hintergrund dieses Aufklärungswerkes evident.

Erst dadurch konnten flächendeckender Terror, staatliche Verbrechen und Menschenverachtung überhaupt zur Entfaltung gebracht werden. Wer heute nach wissenschaftlicher Aufklärung ruft, stellt sich selbst ins politische und menschliche Abseits.

Was bleibt noch als Erkenntnis? Natürlich die Person des Autors. Er hat den Krieg überlebt, konnte auf Umwegen nach Amerika emigrieren und kam 1947 zurück nach Deutschland – nach Ostberlin. Er war dort Leiter der Hauptabteilung "Künstlerisches Wort" beim Deutschlandsender. Zugleich Mitglied im P.E.N.-Club arbeitete Maximilian Scheer seit 1952 als freier Schriftsteller in der DDR.

Aha, mag mancher sagen. Also ein Unverbesserlicher. Hat selbst nichts gelernt aus eigener Erkenntnisfülle. Also ein Mitwirkender im DDR-Unrechtsstaat.

Aber was blieb ihm eigentlich übrig, da er erschüttert und enttäuscht über die unglaubliche Mehrheit von Ignoranten und Opportunisten war. Dass er sich denen zuwandte, die sich für ihren Teil Deutschlands offiziell auf ihre Fahnen geschrieben hatten, den Faschismus von den Wurzeln her zu bekämpfen und für die Zukunft unmöglich zu machen, kann nicht überraschen, ist zumindest schlüssig.

Auch wenn dieser Weg zu ganz anderen Menschenrechtsverstößen führte, muss man verstehen, dass sich er sich für die sozialistische Parteilichkeit entschied - er, der 1936 die traurige Botschaft – vergeblich – in die Welt rief: Das deutsche Volk klagt an!

Am 3. Februar 1978 verstarb Maximilian Scheer in Berlin. So blieb es ihm erspart, von der bundesdeutschen Justiz nach der Wende – womöglich wegen Staatsnähe – selbst verfolgt zu werden. Fertiggebracht hätte das der Rechtsstaat.


Maximilian Scheer:
Das Deutsche Volk klagt an
Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland
Ein Tatsachenbericht

Reprint der Originalausgabe von 1936
Laika Verlag, Hamburg, 2012