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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.11.2005

Entdeckungsreisen in Bildern

Der "Atlas der Welterkundung" stellt Biographien tollkühner Forscher vor

Rezensiert von Susanne Billig

Wird auch porträtiert: David Livingstone, schottischer Missionar und Entdecker
Wird auch porträtiert: David Livingstone, schottischer Missionar und Entdecker (AP Archiv)

Die Forscher und Entdeckungsreisenden des 19. und 20. Jahrhunderts sind in bis dahin unbekannte Gebiete vorgedrungen, angetrieben von unersättlicher Neugier. Durch ihre für ihre Zeitgenossen verrückten Ideen haben sie das Wissen der Welt erweitert. Der "Atlas der Welterkundung" stellt 53 dieser Entdecker vor.

Jeder kennt sie, die Bilder von den ersten Flügen ins Weltall, die stolzen Gesichter der Männer mit den futuristischen Helmen auf dem Kopf. Die modernen Medien haben die neueren Welterkundungen gut dokumentiert.

Die Entdecker des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts aber wurden selten von Journalisten begleitet. Dass sie dennoch sichtbare Spuren hinterließen, zeigt der venezianische Autor Andrea de Porti in einem neuen, prächtigen Bildband.

Die Forschungsreisenden haben Reiseberichte und Tagebücher geschrieben, und sie haben fotografiert. Anhand der Dokumente zeichnet de Porti die Geschichten von dreiundfünfzig berühmten Abenteurern nach - Männern und Frauen. Von Neugier und Wissensdurst getrieben, machten sie sich auf, um Grenzen zu sprengen. Ein Grenzen sprengendes - und sogar eigens patentiertes - Format hat der Verlag Frederking & Thaler dann auch für den Atlas gewählt: Statt normale Buchseiten umzublättern, klappt der Leser Bildtafeln auf. Auf beeindruckenden 26 mal 28 Zentimetern Karton entfaltet sich ein Panorama aus zeitgenössischen Fotos, historischem Kartenmaterial, Tagebuchauszügen und Expeditionsschilderungen. Den historischen Dokumenten stellt Andrea de Porti prägnante Kurzbiografien zur Seite.

"Gertrude Bell, Tochter der Wüste, Beraterin der Könige, verliebt in die arabische Kultur, bereiste die alten mesopotamischen Städte und entdeckte neue Fundstätten. Sie nahm Kontakt mit den arabischen Stammesverbindungen auf und stellte ihr Wissen dem britischen Geheimdienst zur Verfügung. Sie zählt zu den Schöpfern des Staates Irak und galt schließlich als dessen "Königin ohne Krone". Getrude Bell starb am 12. Juli 1926 in Bagdad an einem überdosierten Schlafmittel - es konnte nie geklärt werden, ob dieser Tod ein Unfall war. "

So kurz die Texte sind - sie machen historische Zusammenhänge lebendig, fächern lange Forschungsreisen chronologisch auf und ziehen Querverbindungen zwischen den großen Entdeckern. Und so können sie auferstehen: Menschen, deren mühsame Arbeit plötzlich den Durchbruch brachte - wie der Tut-Anch-Amun-Entdecker Howard Carter. Forscher, die mit revolutionären Methoden die Wissenschaft veränderten - wie Hans Hass, der als Erster mit einem Sauerstoffgerät tauchte und so seine berühmten Unterwasserfilme drehen konnte. Die Zähen und Hartnäckigen, die extreme Entbehrungen auf sich nahmen - wie der erste Besteiger des Mount Everest, Edmund Hillary.

Schön, dass auch die wagemutigen Frauen einen gebührenden Platz erhalten. Alexandra David-Néel zum Beispiel, die jahrelang als Mann verkleidet das damals völlig unbekannte Tibet erkundete. Das große Plus des Buches sind die 350 teils farbigen Abbildungen. Obwohl oft mit einfachen Fotoapparaten aufgenommen, wirken die Fotografien hautnah und lebendig. Treffend sagt Autor de Porti:

"Die alten sepiafarbenen Drucke, aus denen Henry Morton Stanley, der Erforscher "Schwarzafrikas", uns mit kolonialem Hochmut entgegenblickt, zeigen uns ebenso wie die irreal wirkenden, mit der hoch entwickelten "Hasselblad" der Apollo-Missionen aufgenommenen Mondlandschaften, dass die Geschichte der Entdeckungsreisen auch eine Geschichte der Bilder ist."

Einige dieser Fotografien wurden sehr berühmt: Robert Scott und seine Gefährten etwa, die sich mit teilnahmslosen Gesichtern rings um die norwegische Fahne aufstellen. Sie hatten den Wettlauf zum Südpol verloren und kehrten von ihrer Reise nie zurück.

Ergreifend sind diese Porträts, oft skurril und amüsant und immer spannend - Wissenschaftler, Forscher, kühne Pioniere, Männer und Frauen, aus allen Ländern der Erde, in tropischer Hitze und im ewigen Eis unterwegs, zu Wasser, zu Lande oder in der Luft. Der opulente "Atlas der Welterkundung" macht die Mischung aus Exotik, Abenteuer und Tragik spürbar, die das Leben der Entdecker prägte.

Viele ihrer Geschichten sind bekannt, doch Porti hat auch Gesichter und Biografien, ausgegraben, von denen man seltener hört. Ob bekannt oder unbekannt: Es ist die Aufmachung des Werkes, die besticht - denn jedes Abenteuer entfaltet sich vor dem Auge des Betrachters in einer Dimension, die weit über das gängige Buchformat hinausgeht. Wer sich vom sicheren heimischen Herd aus auf die mutigsten Forschungsfahrten der vergangenen zweihundert Jahre wagen möchte, ist mit dem wunderschönen Atlas gut beraten.

Andrea de Porti: Forscher, Abenteurer und Entdecker
Atlas der Welterkundung
Übersetzung aus dem Ital. von Cornelia Panzacchi
Bildband, Verlag Frederking & Thaler , München 2005
184 Seiten, ca. 350 farbige und S/W-Fotos und Abb., 22 Aufklapptafeln, 50 Euro