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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 04.11.2006

Entdeckung einer Volkskrankheit

Vor 100 Jahren begann die Erforschung von Alzheimer

Nicht nur alte Menschen erkranken an Alzheimer. (AP)
Nicht nur alte Menschen erkranken an Alzheimer. (AP)

Im Jahr 2020 werden weltweit etwa 30 Millionen Menschen von Alzheimer-Demenz betroffen sein. Alzheimer wird zu einer Volkskrankheit. 1906 wurde die Erkrankung von Alois Alzheimer erstmals medizinisch beschrieben.

Am 3. und 4. November des Jahres 1906 findet in Tübingen eine Versammlung der "südwestdeutschen Irrenärzte" statt. Unter den anwesenden Wissenschaftlern befindet sich auch ein aufstrebender Psychiater aus München, Alois Alzheimer. Alzheimers Beitrag ist der elfte auf der Tagung und trägt den Titel "Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde". In seinem Vortrag beschreibt er die Krankengeschichte einer Patientin, die er fünf Jahre zuvor in einer Frankfurter Anstalt betreut hatte:

"Mein Fall Auguste D. bot schon klinisch ein so abweichendes Bild, dass er sich unter keine der bekannten Krankheiten einreihen lies, anatomisch ergab er einen von allen bisher bekannten Krankheitsprozessen abweichenden Befund. Eine Frau von 51 Jahren zeigte als erste auffällige Krankheitserscheinung Eifersuchtsideen gegen den Mann. Bald machte sich eine rasch zunehmende Gedächtnisschwäche bemerkbar; sie fand sich in ihrer Wohnung nicht mehr zurecht, schleppte die Gegenstände hin und her, versteckte sie, zuweilen glaubte sie, man wolle sie umbringen und begann laut zu schreien."

Ähnliche Verhaltensweisen kannte Alzheimer bisher nur von Fällen mit so genanntem Altersblödsinn. Damals ging man davon aus, dass Gefäßverkalkungen diesen geistigen Verfall bei älteren Menschen verursachen und dies eine natürliche Begleiterscheinung des Älterwerdens sei. Mit ihrem relativ jungen Alter von nur 51 Jahren passt Auguste D. nicht in dieses Bild. Doch Verlauf und Symptome der Krankheit weisen so eindrückliche Parallelen auf, dass Dr. Alzheimer den Fall persönlich übernimmt.

"Wie heißen Sie?"

"Auguste"

"Familienname?"

"Auguste"

"Wie heißt ihr Mann?"

"Ich glaube Auguste"

"Ihr Mann?"

"Ach so, mein Mann"

"Sind Sie verheiratet?"

"Zu Auguste"

"Frau Deter?"

"Ja, zu Auguste Deter""

Zwei Jahre lang dokumentiert Alzheimer den rapiden geistigen Verfall seiner Patientin. Als Emil Kraeplin, einer der einflussreichsten Psychiater seiner Zeit, ihn nach München holt, erkundigt sich Alzheimer weiterhin nach dem Zustand seiner ehemaligen Patientin. 1906 stirbt Auguste Deter. Alzheimer lässt sich ihr Gehirn zur mikroskopischen Untersuchung nach München bringen. In seinem Labor stellt er fest, dass Augustes Gehirn durch das massenhafte Absterben von Nervenzellen stark geschrumpft war. Mit Hilfe einer speziellen Einfärbetechnik kann Alzheimer die geweblichen Veränderungen genauer bestimmen: in der Hirnrinde finden sich eigenartige Faserbündel und Gefäßwucherungen.

Der Arzt ist überzeugt, ein eigenständiges Krankheitsbild entdeckt zu haben. Mit großen Erwartungen begibt er sich schließlich im November 1906 nach Tübingen, um dort seine Forschungsergebnisse der Fachwelt zu präsentieren. Seinen Vortrag beendet er mit den Worten:

""Alles in allem genommen haben wir hier offenbar einen eigenartigen Krankheitsprozess vor uns. Diese Beobachtung wird uns nahe legen müssen, dass wir uns nicht damit zufrieden geben sollen, irgend einen klinisch unklaren Krankheitsfall in eine der uns bekannten Krankheitsgruppen unterzubringen. Es gibt ganz zweifellos vielmehr psychische Krankheiten, als sie unsere Lehrbücher aufführen."

Die Reaktion auf seinen Vortrag ist für Alzheimer jedoch enttäuschend, seine Kollegen beachten seine Ausführungen kaum. Erst Emil Kraeplin, sein Mentor in München, erkennt, wie bedeutend diese wissenschaftliche Entdeckung ist. In der Neuauflage seines Lehrbuchs für Psychiatrie fügt Kraeplin 1910 ein neues Krankheitsbild ein, er nennt es: die Alzheimersche Krankheit.

"Es handelt sich um die langsame Entwicklung eines ungemein schweren Siechtums mit den verwaschenen Erscheinungen einer organischen Hirnerkrankung. (...) Die klinische Deutung dieser Alzheimerschen Krankheit ist zur Zeit noch unklar. Während der anatomische Befund die Annahme nahe legen würde, dass wir es mit einer besonders schweren Form des Alterblödsinns zu tun haben, spricht dagegen einigermaßen der Umstand, dass die Erkrankung bisweilen schon Ende der 40er Jahre beginnt."

Kraeplin konnte damals nicht ahnen, dass diese Namensgebung eine der bekanntesten der Medizingeschichte werden würde. Heute weiß man, dass diese Krankheit sowohl bei alten als auch bei jungen Menschen auftreten kann, mehr als 600.000 leiden allein in Deutschland daran. Am eindrücklichsten beschrieb Alzheimers Patientin Auguste Deter diese Krankheit mit den Worten: "Ich habe mich sozusagen selbst verloren."

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