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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.03.2011

Englands große Königin

Karina Urbach: "Queen Victoria. Eine Biografie", CH Beck, München 2011, 191 Seiten

Königin Victoria von England
Königin Victoria von England (AP)

Langzeitmonarchin, Ehefrau, ewige Witwe: Karina Urbachs Biografie über Königin Victoria ist mit sensibler Distanz und Sympathie für die Protagonistin geschrieben - und zugleich eine kurzweilige Geschichte der goldenen Zeit Britanniens.

Queen Victoria hat zu Lebzeiten einem ganzen Zeitalter ihren Namen gegeben, sie hat den Grundstock für all die schönen globalen Titel der amtierenden Königin und ihres künftigen Nachfolgers gelegt (wenn auch sie - resp. er - nicht mehr Kaiser von Indien ist). Geboren 1819 als Tochter des Herzogs von Kent, genauso wie seine Brüder ein Frauenheld und Hallodri – und dem als vierten Sohn von König Georg III. keine großen Thronaussichten in die Wiege gelegt waren. Dass seine Tochter Alexandrina Victoria dann von 1837 bis 1901 regieren konnte, war der Tatsache zu verdanken, dass nach und nach alle anderen Anwärter hinweggestorben waren.

"Es ist ein ungeheures Experiment, dass im 19. Jahrhundert eine achtzehnjährige Königin dieses Land regiert", hatte der deutsche Gesandte Christian Friedrich von Stockmar notiert – und das ungeheure Experiment, das Karina Urbach differenziert mit Licht und Schatten und vor allem überaus spannend beschreibt, bestimmt Britannien bis heute.

"Ohne Victoria hätte die britische Monarchie kaum überlebt", schreibt Karina Urbach, die an der Universität London lehrt und eine ausgewiesene Expertin für die Rolle des europäischen Adels ist. Sie schildert Victoria als erste erfolgreiche "Medienmonarchin" – in deren 63 Thron-Jahren Großbritannien sich von der parlamentarischen zur konstitutionellen Monarchie entwickelte: mit gekrönten Häuptern, die über den Parteien schweben. Zur Krönung am 28. Juni 1838 kamen 400.000 Schaulustige in London zusammen – und das bei einer britischen Gesamtbevölkerung von 15 Millionen.

Zwei Jahre später heiratete sie den Prinzen Albert aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha. Es war eine für das 19. Jahrhundert ungewöhnliche fürstliche Liebesheirat. Ein "royal-bürgerliches Familienglück", das ihr Gatte Albert als begeisterter Fotograf, der das "große Werbepotential" von Fotografien rasch erkannte, mit Aufnahmen von Weihnachtszimmern samt "unzähligen Tischchen, Stühlchen, Deckchen und Bilderchen" öffentlich gemacht hat.

Die eheliche Treue der beiden – die weder Victoria noch Albert aus ihren Familien kannten – wurde zum "moralischen Kompass für die aufsteigende Mittelschicht". Den "viktorianischen Wertehimmel" mit "Bildung, Sparsamkeit und Familienzusammenhalt" entdeckten die Briten in späteren Zeiten der Rezession dann gerne wieder für sich. Und auch den deutschen Weihnachtsbaum haben Albert und Victoria auf der Insel heimisch gemacht.

Karina Urbach würdigt die politische Rolle Alberts, die gelegentlich in der Geschichtsschreibung geringgeschätzt wird. Nach der Trauung 1840 wurde vor allem durch die zahlreichen Schwangerschaften aus der "willensstarken" Victoria "eine Ehefrau, die Gesellschaften mied und sich intellektuell völlig ihrem Mann unterordnete". Nach Alberts frühem Tod 1861 ordnete sich Victoria ihren wechselnden großen Premierministern unter und stilisierte sich mit geschicktem royalen Marketing als die ewige Witwe – und eben die Großmutter Europas.

Das beschreibt Karina Urbach mit Sympathie für ihre Protagonistin, mit sensibler Distanz, wo sie nötig ist – und liefert dabei eine prägnant geschriebene und rasant zu lesende Geschichte der Zeit, als Großbritannien die Weltmacht war: eine kurzweilige Geschichte des "viktorianischen Zeitalters", der goldenen Zeit Britanniens –die doch weniger prüde war als ihr oft unterstellt wird, und die religiös sehr tolerant war. Victoria schlug den ersten Juden in Großbritannien zum Ritter. Empfehlenswert keineswegs nur für anglophile Royalisten.

Besprochen von Klaus Pokatzky

Karina Urbach: Queen Victoria. Eine Biografie
CH Beck, München 2011
191 Seiten, 12,95 Euro