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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.02.2016

Energiewende"Ein niedriger Ölpreis gibt die falschen Signale"

Claudia Kemfert im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Ein Förderturm nahe einer Öl-Quelle bei Williston, North Dakota. (Imago/ZUMA Press)
Ein Förderturm nahe einer Öl-Quelle bei Williston, North Dakota. (Imago/ZUMA Press)

Durch den niedrigen Ölpreis könne die Energiewende in Gefahr geraten. Denn es fehle der Anreiz, in klimaschonende Technologien zu investieren, meint Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Korbinian Frenzel: Der Ölpreis liegt aktuell bei ca. 35 Dollar für das Barrel, ich habe gerade noch mal nachgeschaut. Für den Start in den heutigen Tag ist diese Information vielleicht ein bisschen weniger wichtig als die Uhrzeit, aber für die Beschreibung der ökonomischen Weltlage ist das schon ein ganz interessanter Wert, zumal im Vergleich: Vor nicht einmal zehn Jahren lag der Preis fürs Barrel beim Fünffachen, bei fast 150 Dollar, und die Prognose war, dass wir uns besser auf die 200 Dollar einstellen sollten.

Prognosen gibt es auch jetzt, eine frische der Internationalen Energieagentur. Und die geht davon aus, vom niedrigen Niveau könnte der Preis wieder kräftig ansteigen. Warum, mit welchen Folgen, mit welchen Sicherheiten? Claudia Kemfert kann uns das beantworten, sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Guten Morgen, Frau Kemfert!

Claudia Kemfert: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Mal ganz praktisch gefragt: Besser jetzt noch mal schnell volltanken und die Heizöltanks auffüllen?

Kemfert: Also, zumindest würden Sie sich, wenn Sie das machen, genau in der Linie der IEA, also der Internationalen Energieagentur befinden, weil die genau eine Nachfragesteigerung in den nächsten Jahren vorhersagt, was eben bedeutet, dass alle volltanken und alle noch mal den Heizöltank vollmachen. Die Frage ist eben, ob diese Verschwendung dann auch weiterhin so fortgeht und dass tatsächlich diese Nachfragesteigerung auch auftritt.

Frenzel: Das heißt also, das ist die Hauptursache, die die Internationale Energieagentur vermutet, dass jetzt alle kräftig einkaufen und dass deswegen der Preis steigt, wegen der höheren Nachfrage?

Ölangebot geht zurück und führt zu Knappheit

Kemfert: Das ist ein Grund. Aber der Hauptgrund der Internationalen Energieagentur ist der, dass sie sagen, dass das Ölangebot deutlich zurückgehen wird. Was daran liegt, dass im Moment deutlich weniger investiert wird. Die Investitionen gehen massiv zurück, insbesondere auch in den USA, wo ja mit dem Fracking sehr viel Öl gefördert wird. Und wenn dieses Ölangebot zurückgeht, dann bedeutet das eben, dass wir Knappheiten haben können, und dann würde der Ölpreis auch entsprechend steigen.

Frenzel: Ich habe ja gerade schon mal dargestellt, wo wir schon waren, was die Prognosen waren, wo wir jetzt stehen. Vor diesem Hintergrund: Wie seriös kann man denn eigentlich die Entwicklung des Ölpreises einschätzen?

Kemfert: Also, im Moment ist es extrem unsicher, denn wir wissen ja nicht, wie es weitergeht. Insbesondere haben wir ja noch immer eine hohe Menge an Ölförderung auch seitens der OPEC-Staaten, seitens Russland, die Öl-Nachfrage ist im Moment nicht sehr hoch, es gibt viel Spekulation im Markt. Und die IEA zeigt hier ein mögliches Szenario auf; ob das dann wirklich so eintritt, ist natürlich sehr unsicher.

Frenzel: Das heißt, Sie haben Zweifel?

Kemfert: Also, ich denke, es ist ein mögliches Szenario. Ob es sehr wahrscheinlich ist, ist sehr schwer zu sagen, weil wir eben sehr schwer einschätzen können, ob tatsächlich die Ölförderung so fortbesteht, wie es weitergeht in Amerika mit dem Fracking, was sich im Moment ja nicht mehr rechnet, und wie auch die Weltwirtschaft sich weiterentwickelt. Wir haben ja sehr hohe Risiken im Moment.

Frenzel: Billiges Öl ist ein Fluch, ist eine Gefahr. Aussagen wie diese hat man in den letzten Wochen häufig bekommen. Warum eigentlich? Aus der Verbraucherperspektive verstehe ich das jetzt erst mal nicht. Heizöl ist billiger geworden, tanken auch, das kann ja nicht schlecht sein.

Kemfert: Ja, aber es verleitet eben auch zur Verschwendung, dass wir jetzt noch mehr Öl nachfragen. Also, was wir eingangs schon sagten, dass jetzt alle volltanken oder dass noch mehr Öl nachgefragt wird, das ist ja das eine.

Das Zweite ist, dass eben auch die Energiewende in Gefahr geraten kann, gerade weil wir jetzt sehr viel Öl weiter verbrauchen, die Zeichen nicht sehr gut sind für Investition in klimaschonende Technologien. Und all das behindert dann eher eben diesen Umstieg hin zu einer Energiewende, aber auch vor allen Dingen zum Energie-Sparen.

Und Öl wird ja auch im Bereich der Mobilität eingesetzt, hier ging es ja darum, dass wir eine nachhaltige Mobilität brauchen. Und ein niedriger Ölpreis gibt da die falschen Signale.

Frenzel: Auf diese Frage der Energiewende würde ich gleich noch kommen, aber zunächst noch mal zur Weltwirtschaft, die ja – das ist auch so ein altes Bonmot: Öl, der Schmierstoff der Weltwirtschaft – eigentlich auch erst mal einen Push kriegen könnte dadurch, dass Produktion billiger ist. Ist das so, gibt es diese direkte Verbindung noch?

Niedriger Ölpreis Zeichen für Unsicherheiten

Kemfert: Ja, die gibt es auch noch und es ist auch so, dass ein niedriger Ölpreis erst mal konjunkturell positiv wirken kann. Und das sieht man sicherlich auch in Kürze. Aber dieser niedrige Ölpreis ist ja auch ein Zeichen für Unsicherheiten, gerade wirtschaftliche Unsicherheiten in der Welt. Und das ist eben nicht sehr gut und da wird man sehen, wie es sich weiterentwickelt, ob die Wirtschaft jetzt eher positiv sich weiterentwickelt oder negativ. Das kann durchaus auch sein.

Frenzel: Dann lassen Sie uns über die Energiewende sprechen! Es gibt ja die Kulisse von Paris, die Weltklimakonferenz, die sich zum Ziel gesetzt hat, im Dezember bis zum Jahr 2050 soll die Welt ohne Kohlenstoffe weitgehend auskommen, also weder Öl noch Kohle im großen Stil verbrennen. Was bringt uns denn – ich habe jetzt bei Ihnen die Tendenz eigentlich schon rausgehört – schneller zum Ziel: ein hoher oder ein niedriger Ölpreis? Wahrscheinlich dann doch eher ein hoher?

Kemfert: Also, ein höherer gibt zumindest die Signale, dass wir investieren in klimaschonende Technologien, die wir benötigen eben zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Ein niedriger kann aber auch interessant sein, weil wir jetzt ja antizyklisch investieren können in eben diese neuen Energietechnologien. Und ein hoher Ölpreis hätte den Vorteil, dass wir mehr tun, um Energie einzusparen. Also, es wäre tendenziell mit einem höheren Ölpreis etwas leichter.

Frenzel: Spannend ist ja, dass diese Einigung zustande gekommen ist zu einem Zeitpunkt, als der Ölpreis richtig im Keller war!

Kemfert: Ja, aber es hängt ja nicht am Ölpreis, sondern Klimaschutz bedeutet ja in erster Linie Abkehr von der Kohle. Und da brauchen wir CO2-Preise, die eben diese Signale geben für mehr Klimaschutz, für eine Dekarbonisierung. Öl ist ja nur ein Baustein von ganz, ganz vielen, ein wichtiger, aber Kohle ist deutlich wichtiger gerade für den internationalen Klimaschutz.

Frenzel: Glauben Sie denn, dass wir dieses Spiel irgendwann verlassen können, dieses Auf und Ab? Also immer dieser Blick auf den Ölpreis und andere Energieressourcenpreise? Also dass es wirklich funktionieren kann, dass wir uns von diesen Ressourcen emanzipieren?

Dekarbonisierung der Wirtschaft

Kemfert: Ja, die Energiewende hat ja zum Ziel, oder auch die Dekarbonisierung der Wirtschaft, dass wir uns davon wegbewegen. Dann sind wir eben auch unabhängiger von den entsprechenden Schwankungen. Allerdings sind wir im Moment eben noch auf dem Pfad, gerade durch die Entwicklungsländer, stark wachsende Volkswirtschaften, die sehr viel Öl nachfragen, dass wir uns immer noch wieder in diesem Zyklus bewegen. Aber die entsprechenden OPEC-Staaten oder auch Europa, Deutschland, haben sich ja entschieden, vom Öl unabhängiger zu werden. Und dann ist man eben auch wirklich freier.

Frenzel: Wer wird uns denn eigentlich in Zukunft noch mit Öl versorgen? Oder anders gefragt: Wer baut denn gerade schon ganz massiv sein Businessmodell um von den traditionellen Öl exportierenden Staaten?

Kemfert: Norwegen … Das sind im Moment auch tatsächlich fast die Einzigen, die auch in dem Staatsfonds umschichten, dass sie weggehen wollen vom Öl, dass sie massiv investieren in klimaschonende Technologien. Saudi-Arabien denkt auch darüber nach, man hört immer so einiges, aber das ist nicht so wirklich viel. Auch in Amerika passiert natürlich einiges. Aber dieser konsequente Umstieg weg vom Öl hin zu mehr klimaschonenden Technologien, das macht in erster Linie im Moment Norwegen.

Frenzel: Und das Fracking – Sie haben es angesprochen – lohnt sich schon nicht mehr so richtig, angesichts des niedrigen Ölpreises. Wird es eine Technologie sein, die sich ganz schnell wieder verabschiedet?

"Öl ist nicht unendlich"

Kemfert: Sie wird zumindest ein Auf und Ab erleben. Denn im Moment ist es ja so, dass sehr viel gefrackt wurde, also sehr viel Öl gefördert wurde mittels Frackings bei einem hohen Ölpreis. Jetzt ist er wieder niedriger, da rechnet es sich nicht. Die IEA rechnet jetzt mit einer Ölknappheit, weil wir weniger fracken, und dann würden auch die Preise wieder explodieren. Also, das wird immer so ein Schweinezyklus sein im Grunde genommen, aber Fracking wird da jetzt erst mal noch eine Rolle spielen. Nur, Öl ist nicht unendlich, irgendwann müssen wir uns da verabschieden, weil die Techniken und auch die Investitionen ja auch immer höher sein müssen.

Frenzel: Claudia Kemfert, die Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Expertise!

Kemfert: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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