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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

EnergiepolitikAtomkraft in der Kostenfalle

Der Rückbau stillgelegter AKWs kostet Milliarden

Von Anke Petermann

Kernkraftwerk Biblis (AP)
Das stillgelegte Kernkraftwerk Biblis in Hessen (AP)

Kraftwerksbauer stoßen nicht nur auf Widerstand von Umweltschützern, sie geraten auch in die Kostenfalle. Atomstrom aus neuen Reaktoren ist im Vergleich zu anderen Energiequellen deutlich teurer, auch der Abriss alter Meiler kostet Milliarden.

Rund vier Jahrzehnte nach Inbetriebnahme sind die Biblis-Blöcke A und B abgeschaltet, Ende vergangenen Jahres reichte der Betreiber RWE den Antrag auf Stilllegung des südhessischen Altmeilers ein. Für das kommende Frühjahr rechnet der Energiekonzern damit, dass das hessische Umweltministerium als Aufsichtsbehörde den Rückbau genehmigt. Die einen trauern nun um ihre Arbeitsplätze. Andere sind erleichtert, wie die Mutter mit Kleinkind:

"Ich bin froh, das es zu Ende geht. Ich hab mich da schon auch belastet gefühlt, was meine Gesundheit betrifft."

Finanziell belastet wird nun der Betreiber, der den Abriss bezahlen muss. Wie viel das kostet, könne RWE erst berechnen, nachdem man die Auflagen kenne, die mit der Stilllegung verbunden seien, sagt ein Unternehmenssprecher. Zwischen einer halben und einer Milliarde Euro schwankten die Kosten für Nachbetrieb und Rückbau eines Atomkraftwerks – je nach Größe, Alter und Betriebsstunden. Im Nachbarland Baden-Württemberg hat EnBW vor fünf Jahren begonnen, das Atomkraftwerk Obrigheim flachzulegen, einen kleineren Reaktor. Exakt vorauskalkulieren lassen sich die Kosten nicht, konstatiert Konzernpressesprecher Ulrich Schröder am Telefon:

"Wir haben Kostenschätzungen, wir gehen davon aus, dass sich der gesamte Rückbau der Anlage in einem mittleren dreistelligen Millionenbereich bewegen wird. Insgesamt hat EnBW ja 6,8 Milliarden zum 31.12.2012 an Kernenergie-Rückstellungen gebildet."

Abriss, Entsorgung und Endlagerung

Als Teil der handelsrechtlich vorgeschriebenen steuerfreien Rückstellungen in Höhe von 34 Milliarden Euro. So viel müssen die vier Atomkonzerne insgesamt zurücklegen, um Nachbetrieb und Abriss, aber auch Entsorgungen und Endlagerung schwach-, mittel- und hochradioaktiver Abfälle bezahlen zu können.

Ulrich Schröder: "Diese Rückstellungen werden ja jährlich von unabhängigen Gutachtern überprüft und werden ja auch gegebenenfalls aufgestockt, wie man zum Beispiel gesehen hat nach der letzten Änderung des Atomgesetzes. Das heißt, hier werden dann neue Zuführungen gebildet, wenn die unabhängigen Gutachter zu anderen Ergebnissen kommen."

Genügend Geld also beiseite gelegt, damit die Verursacher auch Zusatzrisiken wie Asbest-Entsorgung oder die Bergung korrodierter Atommüll-Fässer aus dem stillgelegten Kernkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein abdecken? Beate Kallenbach-Herbert vom Ökoinstitut Darmstadt:

"Es gibt Schätzungen von verschiedenen Gutachtern, die dann auch etwa im Bereich 34 Milliarden Euro plus vielleicht noch einen Sicherheitsaufschlag wegen der Langfristigkeit der Aufgabe kalkulieren. Insofern liegt das nicht ganz so weit von dem entfernt, was auch seitens der Betreiber angenommen wird."

Über externe Fonds nachdenken

Sollten die Konzerne innerhalb der kommenden Jahrzehnte in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, berge das allerdings erhebliche Risiken.

Beate Kallenbach-Herbert: "Es ist in der Tat so, dass die Rückstellungen innerhalb der Konzerne gemacht werden. Das heißt, im Falle einer Insolvenz steht das Geld möglicherweise nicht mehr zur Verfügung. Gerade für die sehr langfristige Aufgabe der Endlagerung sollte man insofern wirklich über andere Lösungen nachdenken. Externe Fonds, wie man es auch in anderen Ländern macht, die von der öffentlichen Hand bewirtschaftet werden und damit das Geld vor Unternehmenspleiten gesichert wäre."

Das fordern auch die Grünen im Bundestag. Und verlangen, dass sich ein Finanzierungsdebakel wie bei der Sanierung der Asse nicht wiederholt. In das weltweit erste unterirdische Atommülllager dringt Wasser ein, die marode Grube in Niedersachsen droht einzustürzen. Die dort lagernden Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll aus den 60er- und 70er-Jahren müssen geborgen werden. 120 Millionen Euro stellt der Bund als Eigentümer jährlich für die Sanierung der Asse bereit. Erst in zwei Jahrzehnten kann die Bergung beginnen.

Mindestens vier Milliarden Euro Steuergeld dürfte das Katastrophen-Management langfristig schlucken, erklärt die Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl. Ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte mit dem Beseitigen strahlender Hinterlassenschaften der Atomindustrie.

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