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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.04.2008

Energieexperte: Strom wird knapper und teurer

Erdmann: Zu wenig in Kraftwerke und Netze investiert

Moderation: Jörg Degenhardt

Stromzähler (AP Archiv)
Stromzähler (AP Archiv)

Der Energieexperte Georg Erdmann von der Technischen Universität Berlin hat vor einer Unterversorgung mit Strom in Deutschland gewarnt. Da in den vergangenen Jahren nicht ausreichend in Kraftwerke und Netze investiert worden sei, werde die Stromversorgung bei steigenden Preisen in Zukunft weniger zuverlässig, sagte Erdmann.

Jörg Degenhardt: Noch kommt Saft aus der Steckdose, die Frage ist, wie lange noch. Die deutsche Energieagentur warnte gestern vor möglichen Engpässen schon in vier Jahren. Dann würden die deutschen Kraftwerke nicht mehr genug Strom produzieren, um die Verbrauchsspitzen zu decken. Vor Stromlücken warnt heute in der "Bild"-Zeitung auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth. Er spricht sich gegen das Abschalten der Atomkraftwerke aus, ohne neue Kohlekraftwerke zu bauen und meint, Wind- und Gaskraftwerke allein reichten nicht aus. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel schließlich kritisiert ständig neue Warnungen vor einer Stromlücke als Schreckensszenario. Ist die Lage wirklich so ernst und wie darauf regieren? Darüber will ich reden mit Georg Erdmann, Professor für Ökonomie und Leiter der Abteilung Energiesysteme der TU Berlin. Guten Morgen, Herr Erdmann!

Georg Erdmann: Guten Morgen, Herr Degenhardt!

Degenhardt: Sehen Sie die nächste Zukunft in Sachen Energieversorgung für Deutschland auch so dunkelgrau, oder stehen Sie da eher an der Seite des Umweltministers?

Erdmann: Ich glaube, wir werden höhere Preise und weniger zuverlässige Stromversorgung erleben, weil wir seit 10, 15 Jahren nicht mehr genügend Investitionen in Kraftwerke und Netze leisten.

Degenhardt: Das heißt, wir brauchen zum Beispiel neue moderne Kohlekraftwerke, um den Strombedarf wenigstens mittelfristig in Deutschland zu decken?

Erdmann: Wir brauchen auf jeden Fall Kraftwerke. Und im Augenblick, was wir erleben, ist, die Bevölkerung akzeptiert weder die Kernenergie noch Kohlekraftwerke. Und die Politik hat in den letzten Jahren versäumt, neben dem Thema der Strommarktliberalisierung dem Wettbewerb das Thema, wie werden genügend viele Investitionen in dem Land realisiert, auf die Tagesordnung zu bringen. Das heißt, in großen Teilen der Bevölkerung ist immer noch die Meinung, wir haben eine Überkapazität. Wir haben dadurch, dass ja sehr viele Windkraftwerke aufgebaut werden, eigentlich auch genügend Investitionen. Bloß dummerweise, wo kommt der Strom her, wenn eben wenig Wind weht und wir gleichzeitig Spitzenlast haben, zum Beispiel in einer Abendstunde, wo es windstill ist im Winter? Da entstehen eben kritische Situationen.

Degenhardt: Ich habe Sie schon richtig verstanden, Herr Erdmann, wenn nichts passiert, da droht tatsächlich eine Unterversorgung?

Erdmann: Diese Unterversorgung droht. Und was wird man dann machen? Man wird irgendwo versuchen, zum Beispiel Last abzuwerfen. Das ist schon alles bekannt, wie man das macht. Kalifornienkrise 2000/2001 hat das schon vorgemacht. Das ist aber auch schon bekannt. Das ist nichts Neues, dass wir zu wenig investieren. Es ist seit 15 Jahren ungefähr der Fall. Bisher haben wir uns in den letzten Jahren immer über alle möglichen anderen Dinge unterhalten, im Strommarkt liberalisieren, habe ich noch gesagt, Umweltschutz, Klimaschutz. Alles das sind natürlich auch wichtige Themen, die müssen beachtet werden. Aber dummerweise hat man bei der Gelegenheit vergessen, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass es ohne Kraftwerke auch nicht. Ohne das Kraftwerk, was dann einspringen kann, wenn kein Wind da ist, wird es auf die Dauer dann eben in diesen Situationen, windarme Situationen in starken Nachfrageperioden, werden wir Probleme kriegen. Ein zweites Problem werden wir kriegen dort, da weist auch die Bundesnetzagentur regelmäßig darauf hin, dass wir ja Windenergie an der Nordsee überwiegend und der Ostsee, im Norden also, produzieren. Die Verbraucher aber teilweise auch im Süden sind. Wie kommt denn der Strom von Nord nach Süd? Dazu braucht es Hochspannungsleitungen, Höchstspannungsleitung. Auch hier wird zu wenig investiert. Auch da ist schon seit Jahren erkennbar, dass wir auf eine Lücke hinlaufen. Und wenn wir dann eben auch noch hingehen und Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke abstellen im Süden, dann wird es dadurch natürlich noch schwieriger.

Degenhardt: Stichwort Leitungen. Könnte man nicht Strom aus den Nachbarländern importieren?

Erdmann: Natürlich könnte man das, und es wäre schön, wenn wir mehr Leitungen bauen würden. Dann würde dieser Strom des europäischen Strommarkts, der Binnenmarktstrom, würde dadurch nämlich besser funktionieren. Aber für jedes Investment brauche ich Baugenehmigungen, brauche ich die Akzeptanz der Bürger, wo die Leitung durchgeht. Im Augenblick wird endlos darüber gestritten, ob man die Leitung unter die Erde legen soll. Wenn man das täte, würden die Leitungen je nach Gelände, wo ich das dann hinlegen müsste, zwischen fünf- und zehnmal teurer werden als eine Hochspannungsleitung. Irgendwann muss das auch jemand bezahlen. Das heißt, es wird alles nicht einfach, wenn man zu viele Anforderungen an ein Stromsystem stellt. Und vor dieser Masse der Anforderung steckt im Augenblick die Situation, die Energiewirtschaft.

Degenhardt: Insgesamt hält Deutschland etwas mehr als 14 Prozent der weltweiten Braunkohlereserven. Ich denke da vor allem auch an den Ostteil Deutschlands. Was fangen wir damit in der Zukunft an?

Erdmann: Ja, auch da ist natürlich das nächste Problem. Braunkohlereserve bedeutet Tagebau. Tagebau bedeutet natürlich, jedenfalls in der Phase der Braunkohlenutzung, eine besonders starke Einschränkung der Bürgerinteressen. Die Leute müssen teilweise ihre Dörfer verlassen, ihre Landschaft wird verändert. Wenn der Braunkohletageabbau beendet ist, dann stellt sich dann vielleicht am Schluss als ein Segen dar, weil in vielen dieser Gebiete ist inzwischen eine Seenlandschaft entstanden. Jetzt in der Lausitz plant man ja große Dinge, jetzt eine touristische Region mit allen möglichen Sport- und Wassersportmöglichkeiten. Aber in der Phase des Baus selbst ist das natürlich belastend und nachteilig. Man muss die Bürger verstehen, die sich dagegen wehren. Aber andererseits muss man ihnen auch sagen, ja, bitte sehr, wir sind ein Industrieland. Wir brauchen Strom für alle möglichen Zwecke. Wenn nicht genügend Strom da ist, dann wird der Strom teurer. Das sind die Gesetze der Marktwirtschaft. Und am Schluss kommt eine Situation, in der sich eben manch einer vielleicht nicht mehr den Strom wird leisten können.

Degenhardt: Strom wird knapper, Strom wird teurer. Vielen Dank für das Gespräch! Das war Georg Erdmann, Professor für Ökonomie und Leiter der Abteilung Energiesysteme der TU Berlin.

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