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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2013

Empfindsame Kindheitsgeschichte

Anja Röhl: "Die Frau meines Vaters", Edition Nautilus, Hamburg 2013, 160 Seiten

Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am 15. Juni 1972 in Hannover (AP Archiv)
Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am 15. Juni 1972 in Hannover (AP Archiv)

Die Autorin Anja Röhl erzählt in "Die Frau meines Vaters" ihre komplizierte Kindheitsgeschichte in der bedrückenden Enge der frühen Bundesrepublik: mit der Stiefmutter Ulrike Meinhof als fürsorglicher Freundin und "konkret"-Gründer Klaus Rainer Röhl als zudringlichem Vater.

Ursprünglich sollte das Buch "Die Mutter meiner Schwestern" heißen. Dass daraus "Die Frau meines Vaters" geworden ist, ist symptomatisch, denn das Verschwinden der "Schwestern" setzt sich im Text fort. Es ist die Folge einer Auseinandersetzung zwischen der Autorin Anja Röhl, Tochter des "konkret"-Gründers Klaus Rainer Röhl aus erster Ehe, und ihrer Halbschwester Bettina aus der zweiten Ehe Röhls mit der damaligen Star-Kolumnistin und späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Um eine juristische Konfrontation zu vermeiden, hat der Verlag das Buch gar mit Schwärzungen herausgebracht. Sie löschen alle Stellen, in denen von Meinhofs Zwillingen Bettina und Regine die Rede ist. Das ist einigermaßen absurd, weil es sich um Belanglosigkeiten handelt. Tatsächlich wäre diese Geschichte auch ohne Zwillinge zu erzählen.

Vorausgegangen ist schon im Sommer 2010 ein Text im "Stern", in dem Anja Röhl die pädophile Übergriffigkeit ihres Vaters öffentlich machte: Unter der nicht nur sie selbst, sondern auch die kleine Bettina gelitten habe. Bettina Röhl aber widersprach. Nicht unbedingt in der Sache, aber im Zeitpunkt: Zu derartigen Zudringlichkeiten sei es nicht schon in den 60ern, sondern erst nach 1970, nach der Entführung der sieben Jahre alten Zwillinge durch die RAF und ihrer erfolgreichen Rückführung zum Vater gekommen.

Das ist insofern bedeutend, weil es die Motivlage Meinhofs für die Entführung verändert. In den Augen der Tochter Bettina war es ein Versuch, die Kinder aus dem Bürgertum heraus in den Einfluss der militanten Linken zu bringen. Für Anja war es eine Verzweiflungstat der in den Untergrund geratenen Mutter, um die Kinder vor dem pädophilen Zugriff des Vaters zu schützen. Die Wahrheit dürfte, wie so oft, irgendwo in der Mitte liegen.

Anja Röhls autobiographische Erzählung hat mit all dem nur wenig zu tun, kann aber, da es sich nun mal um diese Familie handelt, nicht unbelastet davon sein. Dabei geht es zunächst vor allem um eine schwierige Trennungskindheit in den 50er- und frühen 60er-Jahren mit einem so angeberischen wie weinerlichen Vater, der vor allem damit beschäftigt war, Frauen in kurzen Röcken hinterher zu pfeifen und ihnen an die Schenkel zu fassen.

Die Tochter Anja saß dann auf dem Beifahrersitz und musste sich auch selbst betatschen lassen. Vor allem aber war sie einer permanenten verbalen Sexualisierung ausgesetzt. Es sind düstere, gespenstische Szenen, in denen sie diesen Vater erinnert. Die Mutter war dagegen als Alleinerziehende überfordert; das Verhältnis zu ihr ist so konfliktreich wie das zwischen vielen Müttern und Töchtern.

Erlebbar wird die bedrückende Enge der autoritären, postfaschistischen Bundesrepublik. Das ist die eigentliche Leistung dieses leisen, zurückhaltenden Textes, der sich in einem einfachen, fast kindlichen Nominalstil auf die Perspektive des Mädchens beschränkt. Ulrike Meinhof taucht in dieser Welt auf als die erste Person, die das Kind ernst nimmt und ihm einen eigenen Willen und Verstand zubilligt.

Anja Röhl beschreibt, aus welchem gesellschaftlichen Veränderungsdruck heraus Meinhof sich radikalisierte. Sie verehrt ihre Stiefmutter, auch wenn sie die zum Terrorismus führende Konsequenz ihres Handelns ablehnt. Doch sie hat Meinhof als Emanzipatorin und fürsorgliche Freundin erlebt. Diese Erfahrung ist geeignet, das Bild der kalten Terroristin zu ergänzen.

Hauptfigur des Buches ist dennoch der Vater mit seiner klebrigen Zuneigung. Er hätte sehr viel mehr Grund, sich gegen diese Publikation zu wehren, als die um Deutungshoheit und ideologische Wahrheit kämpfende Halbschwester Bettina.

Jenseits von all dem ist eine zarte, empfindsame Kindheitsgeschichte entstanden, die über die konkrete, komplizierte Familie hinaus eine Frühgeschichte der Bundesrepublik zu erzählen vermag. Es ist ein Text, der sich freimachen möchte von Zwängen und Wertung, der durch die äußeren Umstände aber dorthin zurückgezwungen wird.

Besprochen von Jörg Magenau

Anja Röhl: Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike
Edition Nautilus, Hamburg 2013
160 Seiten, 18 Euro

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