Seit 23:05 Uhr Fazit
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 23:05 Uhr Fazit
 
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.02.2016

Emmy Hennings: "Gefängnis..."Radikal subjektive Gefühlsschau

Von Katharina Döbler

Emmy Hennings (Edition Apollon 2013)
Die Schriftstellerin und Kabarettistin Emmy Hennings (1885-1948) (Edition Apollon 2013)

In ihrem ersten 1919 erschienenen Roman erzählte die Dadaistin Emmy Hennings von ihrem Gefängnisaufenthalt. Jetzt ist die autobiografische Geschichte in drei Versionen in der kommentierten Werkausgabe "Gefängnis, Das Graue Haus, Das Haus im Schatten" erschienen.

Emmy Hennings, geboren 1885, war eine der wenigen Frauen unter den Dadaisten. Ihre schrillen Auftritte im Zürcher Cabaret Voltaire waren eine Attraktion, ihre Gedichte über Dada-Kreise hinaus bekannt.

Als allerdings Dada zur anerkannten Kunstrichtung verkam, wandte sie sich von der Bewegung ab – mit der Begründung, sie gefalle zu vielen Leuten.

Und gefallen wollte sie nicht, jedenfalls nicht mit ihrer literarischen Arbeit. Ihr erster Roman, erschienen 1919, erzählte unerfreuliches aus ihrem eigenen Leben: Von ihrem Gefängnisaufenthalt 1912 in München. Das Echo in der Presse war groß – und überwiegend positiv. Es war das erste Mal, dass eine Frau offensichtlich autobiografisch und mit literarischem Anspruch über derartige Erfahrungen schrieb.

Emmy Hennings tat das in radikal subjektiver Weise, gab Eindrücke, Stimmungen, Zustände und die Lebensgeschichten ihrer Mitgefangenen in expressionistischer Überklarheit wieder. Das Gefühl des Eingesperrtseins und der Ohnmacht, die hilflose Wut, die Einsamkeit und der ästhetische Mangel – das alles teilt sich aus ihren Schilderungen unmittelbar mit.

Männliche Vorkriegsbohème war hingerissen von Emmy Hennings

Dass diese Frau mit ihrer fragilen Mädchenhaftigkeit und Zutraulichkeit Menschen für sich einnehmen und bezaubern konnte, versteht man bei der Lektüre sofort. Die männliche Vorkriegsbohème von Berlin und München war hingerissen von der jungen Sängerin und Diseuse, Morphinistin und Gelegenheitsprostituierten. Jakob von Hoddis führte sie im Berliner Café Größenwahn ein, Johannes R. Becher war unsterblich in sie verliebt, Ferdinand Hardekopf lebte zweitweise mit (und von) ihr. Hugo Ball, mit dem sie die Rauschgiftsucht und einen mystischen Katholizismus teilte, wurde schließlich in der Schweiz ihr Ehemann. Erich Mühsam und Hermann Hesse blieben ihre Freunde bis zuletzt. 

Der Göttinger Wallstein-Verlag hat nun den ersten Band einer kommentierten Werkausgabe herausgebracht, in dem Hennings' Gefängnis-Geschichte in drei verschiedenen Versionen abgedruckt und kommentiert ist. Einmal der tatsächlich veröffentlichte Roman, dann eine erweiterte ausgearbeitete Version desselben Textes, sowie die anders konzipierte, eher expressiv-essayistische Umkreisung des Gefängniserlebnisses, in der sich ihr Hang zum Mystizismus schon bemerkbar macht. Die umfangreiche Kommentierung sowie zeitgenössische Dokumente wie Zeichnungen, Rezensionen und Gedichte vervollständigen den Band, der hoffentlich den Auftakt zur Erschließung eines verstreuten und hochinteressanten Gesamtwerks bilden wird.

Emmy Hennings: "Gefängnis, Das Graue Haus, Das Haus im Schatten"
Band 1 der kommentierten Studienausgabe
Herausgegeben von Christa Baumberger und Nicola Behrmann
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
576 Seiten, 24,90 Euro


Mehr zum Thema

Themenportal "100 Jahre Dada"

August Stramm, Hugo Ball, Emmy Hennings - Die Geburtsstunde von Dada
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 04.02.2016)

Dadaistin Emmy Hennings - "Ein ganz radikaler Mensch am Rande der Existenz"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 08.09.2015)

Ihre Welt war die Bohème
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 31.05.2013)

Das wilde Leben der Emmy Hennings
(Deutschlandfunk, Corso, 18.02.2013)

Lesart

Alex Gino: "George"Mutmacher zum Anderssein
Kinderfüße in Turnschuhen (imago/Westend61)

Seit über 20 Jahren ist der Autor Alex Gino in der Transgender-Bewegung aktiv. Seine Erfahrungen als Mädchen in einem Jungenkörper hat er in dem Jugendroman "George" verarbeitet. Wohltuend unpathetisch und nicht belehrend, meint Sylvia Schwab.Mehr

Fotobuch von Otto ReitspergerWas die Nacht aus dem Meer macht
Die Atlantikküste bei Taghazout im Süden Marokkos - Ausschnitt. Aufgenommen von Otto Reitsperger nachts mit extrem langer Belichtungszeit. (Otto Reitsperger)

Man reibt sich die Augen: Die an Aquarelle erinnernden Meer-Fotos von Otto Reitsperger in seinem Fotobuch "Nachthell" sind tatsächlich Nachtaufnahmen. Fotografiert mit extrem langer Belichtungszeit. Das Meer, sagt Reitsberger, fasziniere ihn wegen seiner großen Bandbreite.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Mathias Énard: "Kompass"Sehnsucht nach dem Orient
Der französische Autor Mathias Énard bei einer Pressekonferenz. (afp / Thomas Samson)

Der Roman "Boussole" ist ein Bestseller in Frankreich. Sein Autor Mathias Énard erzählt von der Leidenschaft der Europäer für das Morgenland − und eine unerfüllte Liebesgeschichte. Auch die deutsche Übersetzung "Kompass" ist mitreißend.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur