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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.10.2011

"Emissionen müssen eindeutig einfach reduziert werden"

Glaziologe erforscht Klimaerwärmung im zentralasiatischen Hochland

Martin Hölzle im Gespräch mit Dieter Kassel

Gletscher: Im Sommer versorgt er die Täler mit Wasser. Wenn er geschmolzen ist, herrscht Dürre. (www.eos.ubc.ca)
Gletscher: Im Sommer versorgt er die Täler mit Wasser. Wenn er geschmolzen ist, herrscht Dürre. (www.eos.ubc.ca)

Derzeit sieht der Gletscherexperte Martin Hölzle noch keine ernsthaften Probleme in Zentralasien. Es seien noch sehr, sehr viele Gletscher vorhanden. Trotzdem müsse man schon jetzt untersuchen, wie sich der Klimawandel auf die Region auswirke.

Dieter Kassel: Inzwischen hat ja fast jeder in Europa schon etwas davon gehört, wie sich die Erderwärmung auf die Gletscher in den Alpen auswirkt, aber wie reagieren eigentlich die hoch gelegenen Gletscher in Zentralasien auf den Klimawandel? Um das wirklich zu sehen und auch zu messen, was passiert, ist ein Forscherteam unter der Leitung des Potsdamer Geoforschungszentrums im Tian-Shan-Gebirge in Kirgistan gewesen und hat diese Gletscher untersucht. Mit dabei war auch Martin Hölzle, er ist Professor an der Universität Fribourg in der Schweiz und dort jetzt für uns am Telefon. Schönen guten Tag, Herr Hölzle!

Martin Hölzle: Guten Tag, Herr Kassel!

Kassel: Diese besonderen Gletscher in Zentralasien, von denen ich ehrlich gesagt bis vor ein paar Wochen noch gar nichts gehört hatte, was macht die denn eigentlich für Forscher so interessant und faszinierend?

Hölzle: Also ich glaube, … Es gibt natürlich eben verschiedene Gebirgsregionen auf der ganzen Erde überall, und natürlich haben wir in Zentralasien … haben wir da eigentlich verschiedene, große Gebirge: Es sind einerseits der Pamir im Süden, und nördlich davon ist der Tian Shan, das sind beides sehr, sehr große Gebirge, und die enthalten natürlich auch verschiedene Eismassen. Und wie wir wissen, haben diese Eismassen eigentlich einen sehr wichtigen Einfluss, einerseits lokaler, regionaler Art, natürlich dann auch im globalen Stil, aber zuerst können wir uns vielleicht auf die regionalen Aspekte hier beschränken, weil die sind sehr, sehr wichtig dort.

Wir sind in Zentralasien in einer sehr trockenen Region eigentlich, und vor allem in den Sommermonaten ist natürlich das Wasser, das zum Beispiel eben von den Gletschern kommt, ist eine der wichtigsten Quellen für die Landwirtschaft, für die Bewässerung, zum Beispiel gerade im berühmten Tal, Ferghanatal, wo sich ja verschiedene Länder eigentlich diesen Teil dort aufteilen.

Kassel: Sie sind wahrscheinlich ahnend und wissend, dass sich auch da der Klimawandel schon ausgewirkt hat, da hingefahren, aber wie genau kann man denn vor Ort messen, wie stark diese Auswirkungen schon sind?

Hölzle: Also einerseits – und das ist eigentlich gut – hatten wir bereits früher Messungen gehabt. Also früher, als dieses ganze Gebiet noch zur Sowjetunion gehört hat, war es so eigentlich, dass dort bereits auf einigen Gletschern sehr gute Messungen gemacht wurden, und deshalb haben wir aus der Vergangenheit eigentlich interessante Informationen, wie die Entwicklung der Gletscher in diesen Gebieten war.

Als die Sowjetunion dann zerfallen ist, eigentlich in den 90er-Jahren, und sich eben diese neuen Staaten eigentlich dann auch gebildet haben, war das Problem ein bisschen, dass eben diese Regionen eigentlich nicht mehr genügend Geld haben, auch diese Wissenschaft zu betreiben, und dementsprechend wurden eigentlich viele dieser sehr wichtigen Messprogramme eingestellt. Und was wir heute eigentlich versuchen, ist, diese Messprogramme eigentlich wiederzubeleben und eigentlich mit diesen Messprogrammen fortzuführen, um auch eben die Veränderungen wirklich dokumentieren zu können, dann auch in Zukunft.

Kassel: Ist denn das alte Zahlenmaterial, noch aus der Zeit der Sowjetunion, auch verfügbar und auch so verfügbar, dass man es heute noch wissenschaftlich auswerten kann?

Hölzle: Das ist sehr unterschiedlich. Zum Teil ist das Material sehr, sehr gut vorhanden, das können wir wirklich gut benutzen, es gibt aber auch an einigen Orten, wo es schwierig ist, wirklich die Originaldaten zum Teil noch zu erhalten. Was wir oft haben, auch jetzt gerade im Gletscherbereich, sind bereits Werte, die wir auch in den internationalen Datenbanken haben, also ich arbeite zum Beispiel noch für den sogenannten World Glacier Monitoring Service, das ist ein Weltbeobachtungsdienst, und da sind bereits eben auch die alten Daten vorhanden, die sind vorhanden. Oft sind einfach … für gewisse lokale Sachen findet man die Originaldaten nicht mehr so leicht.

Kassel: Wie aber, wenn Sie jetzt vor Ort sind, zum Beispiel halt bei diesen Gletschern, wie misst man denn, wie dick das Eis ist? Man kann doch wahrscheinlich nicht einfach auf den Gletscher klettern und dann einen Zollstock anlegen.

Hölzle: Also es gibt natürlich, wie immer … Es gibt verschiedenste Methoden heute, die einen sind eben geophysikalischer Art oder dann auch einfachere Methoden. Je nach Zielsetzung, die man hat, misst man verschiedene Sachen eigentlich auf den Gletschern. Eine der wichtigsten Messungen, die wir heute machen auf einzelnen Gletschern, die aber relativ aufwändig sind, das sind sogenannte Massenbilanzmessungen. Wir wollen schauen: Wie viel Masse verliert ein Gletscher oder wie viel Masse gewinnt der Gletscher?

Für das gehen wir direkt auf den Gletscher. Wir bohren mit einem Dampfbohrer normalerweise Löcher in den Gletscher und stecken dort Stangen hinein, und dann warten wir ein Jahr und schauen im nächsten Jahr dann, wie viel diese Stangen an den unterschiedlichen Orten auf dem Gletscher aufgeschmolzen sind. Im oberen Gebiet des Gletschers, wo wir eigentlich dauernd Schneezuwachs haben, dort machen wir Schneeschächte und schauen, wie viel Schnee jedes Jahr auch dazukommt.

Und dann schauen wir eigentlich für einen einzelnen Gletscher: Wie viel Schnee kommt da in jedem Jahr dazu, wie viel schmilzt unten ab? Und dann können wir die totale Bilanz des Gletschers rechnen und sehen dann, ob er denn in diesem Jahr dann zum Beispiel Masse verloren hat oder eben auch gewonnen hat. Und das machen wir auf verschiedenen Gletschern.

Kassel: Und wie sieht es in Kirgistan aus? Sie haben ja schon erwähnt, dass die Gletscher dort sehr wichtig sind auch in dieser trockenen Region für die Wasserversorgung der Bevölkerung. Gibt es da schon konkrete Auswirkungen des Klimawandels?

Hölzle: Also man kann das eigentlich schon sehen, wir sehen eigentlich, dass der Trend, der bereits eigentlich in den früheren Daten noch aus den Sowjetunion-Zeiten absehbar war und in den letzten Jahren wahrscheinlich jetzt noch verstärkt eben ist, dass wir eigentlich einen kontinuierlichen Massenverlust haben bei den Gletschern, dass heißt, die Gletscher, die geben im Moment eigentlich relativ viel Masse ab, was natürlich auch dazu führt, dass relativ viel Wasser eben auch in den Sommermonaten zum Teil von den Gletschern eben ins Unterland gelangt.

Wir müssen aber dabei eben bewusst sein, dass, wenn die Gletscher immer kleiner und kleiner werden, werden sie mit der Zeit auch immer weniger und weniger Wasser abgeben. Und wenn sie einmal weg sind, dann werden sie natürlich in den Sommermonaten gar kein Wasser mehr abgeben, und in diesen Sommermonaten hat man normalerweise eben auch keine Niederschläge, dementsprechend heißt das eigentlich nichts anderes, dass man dann vor allem in den Monaten August, September allenfalls gar kein Wasser mehr hat, das in diesen Fristen kommt oder nur noch sehr, sehr wenig.

Kassel: Sind wir denn irgendwo auf der Welt schon so weit, also dass wir diese frühe Phase, in der die Gletscher im Sommer so stark abschmelzen, dass es zu Überschwemmungen kommt, hinter uns haben, dass es schon zu einem Wassermangel kommt in Folge?

Hölzle: Es gibt so ganz lokale Gebiete vielleicht, wo das bereits der Fall ist, also wo die Gletscher zum Teil wirklich so klein geworden sind oder zum Teil ganz weg sind. Aber wir können eigentlich sagen, dass im Moment, natürlich gerade im zentralasiatischen Gebiet, immer noch sehr, sehr viele Gletscher vorhanden sind und eigentlich jetzt das dort regional gesehen im Moment eher noch kein Problem ist, da kommt eigentlich immer noch genügend Wasser.

Aber wichtig ist natürlich, dass man sich jetzt überlegt und auch versucht irgendwie, dies abzuschätzen für die Zukunft, wie denn genau diese Abflussentwicklung ist für die Sommermonate, damit man eben abschätzen kann, wann wirklich allenfalls dann eben auch mit einer Wasserknappheit im größeren Bereich gerechnet werden muss.

Kassel: Es ist ja kein Zufall: Die Reise, die Sie gemacht haben, nach Kirgistan, die ging ja nicht erst gestern zu Ende. Wir reden heute mit Ihnen unter anderem deshalb, weil heute auch der letzte Tag der UN-Klimakonferenz in Panama ist, die den großen UN-Klimagipfel in Durban mit vorbereitet, und es sieht ja eigentlich schon seit Ewigkeiten so aus, als ob sich die Länder der Welt nicht so richtig auf verbindliche Ziele zur CO2-Reduktion einigen können.

Wie stellt sich das denn dar aus Sicht eines Gletscherforschers, und ich darf das bei Ihnen glaube ich sagen, eines Menschen, der auch fasziniert ist von diesen Gletschern? Die sind ja neben all ihren Funktionen auch faszinierende Naturschauspiele. Wie dringend ist es denn für die Gletscher, dass die Menschheit sich mal auf irgendwas einigt auf diesen Klimagipfeln?

Hölzle: Also ich denke einfach, dass es außerordentlich wichtig ist, dass man halt global, also für diese Problematik, die wir haben, mit diesem CO2-Anstieg in der Atmosphäre, das ist ein globales Problem eigentlich, und das global angegangen werden muss. Also das heißt eben, die Emissionen müssen eindeutig einfach reduziert werden, und ich glaube, das Problem ist, dass man das eben ja nicht unterschätzen darf, dass die Veränderung, die wir zum Beispiel als Gletscherforscher oder generell in der Stratosphäre sehen, wo wir eigentlich mit Eis zu tun haben und vor allem das Eis, das nahe dem Schmelzpunkt ist, reagiert halt sehr, sehr empfindlich auf eine Temperaturänderung.

Und ich denke, da müssen wir tatsächlich handeln, weil es handelt sich ja nicht nur um die kleinen Gletscher in den Gebirgsregionen, die jetzt schmelzen, wir haben auch noch zwei große Eiskappen auf der Erde, Grönland und die Antarktis, und gewisse Bereiche in Antarktis, aber auch natürlich dann der ganze grönländische Eisschild sind sehr empfindlich auf diese Änderungen, und die können dann auch einen globalen Einfluss haben. Also wenn jetzt nun diese Eisschilde abschmelzen, dann haben wir es auch mit einem Meeresspiegelanstieg zu tun und der betrifft dann weltweit wirklich dann Millionen wahrscheinlich von Menschen, die eben an den Küsten leben.

Kassel: Wie genau sind denn Vorhersagen möglich, was das Abschmelzen von Gletschern angeht? Es gab ja schon Zahlen sogar vom Weltklimarat, die nachher doch ein bisschen wieder revidiert werden mussten, was das Verschwinden von Gletschern angeht. Kann man das überhaupt richtig seriös über Jahrzehnte voraussagen?

Hölzle: Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Ich glaube, hier ist es natürlich so, dass wir vor allem gerade als Gletscherforscher heute uns natürlich darauf beziehen: Wie gut sind die Klimamodelle, also die Klimamodelle, die global oder auch zum Teil regional uns Informationen liefern? Und wir benutzen eigentlich heute die Informationen von diesen Klimamodellen, um unsere lokalen Modelle anzutreiben und zu schauen, was die Gletscher machen. Und je nachdem natürlich, wie groß eigentlich die Streuung ist, was uns diese Klimamodelle als Input liefern, dementsprechend groß ist natürlich dann auch eben die Unsicherheit in unseren Modellen, die da herauskommen.

Also ich denke, wir sind da direkt eigentlich abhängig natürlich von diesen Informationen, und wir wissen heute halt, dass … Dieser Bereich der Unsicherheit auch bei den Klimamodellen ist halt relativ groß. Aber was wir eindeutig sagen können: Der Trend geht eigentlich in eine Richtung, und das ist schon eine starke Erwärmung, und diese starke Erwärmung wird sich unweigerlich eigentlich auf die Eismassen auswirken. Und wir sehen das ja nicht nur jetzt in der Zukunft, sondern wir sehen das heute, wir sehen das eigentlich jedes Jahr. Wir sehen das auch zum Beispiel bei Meereis, also das Meereis dieses Jahr war die zweitniedrigste Ausdehnung, seit Messungen vorhanden sind, und dementsprechend sehen wir schon, dass da im Moment großräumig eigentlich große Veränderungen stattfinden.

Kassel: Sagt der Glaziologe Martin Hölzle von der Universität Fribourg. Professor Hölzle, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Hölzle: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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