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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.07.2011

Elschenbroich: Kleine Almosen helfen den Familien nicht

Bildungsforscherin lehnt Betreuungsgeld ab

Donata Elschenbroich im Gespräch mit Nana Brink

Ein Kindergarten in Remseck bei Ludwigsburg (AP)
Ein Kindergarten in Remseck bei Ludwigsburg (AP)

Die Bildungsforscherin Donata Elschenbroich ist der Ansicht, dass eine hochwertige staatliche Kita-Erziehung den Krippen- und Vorschulkindern mehr nutzt als Finanzspritzen für Familien, die auf einen Kita-Platz verzichten.

Nana Brink: Frühkindliche Bildung ist ein Schlagwort, welches längst Eingang gefunden hat in die Diskussion um die Frage: Wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Bildung geht nicht mehr erst in der Schule los, denn schon die Dreijährigen werden in den Kitas bisweilen mit einem regelrechten Stundeplan konfrontiert: Englisch, Yoga, Kunst für Knirpse. Ab 2013 wird es ja einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag geben, und wie ernst das Thema vielen ist, zeigt eine Studie, die die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (Manuskript weicht hier vom Audio-File ab; Anm. d. Red.) heute herausgeben wird zum Thema frühkindliche Bildung. Und am Telefon ist jetzt Donata Elschenbroich, sie hat am Deutschen Jugendinstitut auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung gearbeitet und beschäftigt sich schon sehr lange mit frühkindlicher Bildung. Einen schönen guten Morgen, Frau Elschenbroich!

Donata Elschenbroich: Guten Morgen!

Brink: Gleich mal die naheliegende Frage zum Thema Sommerferien: Sie forschen gerade über Angebote, die Kindergärten machen können. Was haben Sie herausgefunden?

Elschenbroich: Forschen heißt genauer gesagt, wir drehen gerade einen Film, der heißen soll "Die andere Bildung in den Ferien". Und der Anstoß dazu war die Beobachtung, dass in diesen Wochen, in denen der Staat sich ja aus der Bildungsverantwortung zurückzieht, die Verantwortung eigentlich bei den Familien liegt, die Initiative bei den Familien liegt. Und da tut sich – das wissen wir alle – eine sehr große Bildungsschere auf oder erweitert sich sogar noch in den Ferien, weil es ja Familien gibt, die dann mit den Kindern viel unternehmen, gar nicht unbedingt die Kinder nur in Kurse schicken, die Sie gerade genannt und aufgezählt haben, sondern auch mit den Kindern wandern oder Vogelhäuser bauen oder an den Ostseestrand fahren oder ins Ausland fahren.

Und dann gibt es die Kinder mit einem Migrationshintergrund, die auch viel erleben, die oft mit ihren Eltern in die Heimatorte der Großeltern fahren, wo sehr viel erfahren und erlebt wird, aber das bleibt bildungsfern, weil es in der Schule und im Kindergarten nicht wirklich Thema ist. Und dann gibt es natürlich auch die Kinder, die weder-noch …, deren Familien nicht die Zeit und auch nicht das Bewusstsein haben für Weder-noch, und die dann vielleicht diese Wochen überbrücken mit noch mehr Fernsehkonsum als sonst.

Und da versuchen wir jetzt von den baden-württembergischen Bildungshäusern aus, die die Kinder von drei bis zehn in einer schon gemeinsamen Pädagogik anregen wollen, zu beobachten, welche kleinen Anregungen man den Familien geben kann, dass diese Zeit nicht als Pauken oder als zusätzliche Überstimulierung verwendet wird, sondern dass man im Alltag sieht, was da alles gelernt und interessant sein kann und das bewusster werden lässt.

Brink: Apropos Bildungsschere, das ist ja auch schon ein großes Thema bei der frühkindlichen Bildung – wann fängt die an und wie muss sie aussehen? Kann man das überhaupt generell beantworten?

Elschenbroich: Die Bildungsschere existiert, das ist überhaupt keine Frage, dass manche Kinder sehr viel deutlicher erfahren als andere, dass ihr Interesse wahrgenommen wird, dass ihre Aufmerksamkeit belohnt wird, dass sie sozusagen das positive Selbstkonzept entwickeln können, 'Ich bin ein Denker, ein Forscher, das, was mich interessiert, interessiert auch andere', und dass Kinder in Verhältnissen leben, die zu unruhig oder vielleicht auch zu apathisch sind, um ihnen dabei zu helfen, dieses positive Selbstkonzept aufzubauen und dass das das Entscheidende ist für das lebenslange Lernen. Das ist inzwischen trivial, das ist bekannt geworden, vor allem auch durch den Ausbau, der die ganze Diskussion um die frühe Bildung in den letzten zehn Jahren, die ja sehr intensiv war.

Brink: Ich möchte noch ein bisschen genauer erfahren, was genau frühkindliche Bildung, also wenn wir jetzt bei den Dreijährigen anfangen, Sie haben ein Buch geschrieben, "Die Dinge", das beschreibt Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens. Sind das die Bildungsreisen, die wir brauchen für die Kinder ab drei?

Elschenbroich: Das sind die Bildungsreisen, die die Kinder sich suchen und gar nicht erst ab drei, sondern eigentlich praktisch ab ihrer Geburt. Die ganze Welt ist ja, wenn man so will, eine Aufgabe oder eine Vielzahl von Aufgaben, und die Kinder stellen sich ja, die suchen sich ja selbst diese Aufgaben. Sie wollen den Rührbesen, der unter den Schrank gerollt ist, den wollen sie wieder herausfinden. Und sie strengen sich dabei sehr an und sie wollen das Problem lösen.

Und wir haben einfach beobachtet oder noch mal genauer zusammengestellt in den frühen Jahren, wie auch gerade die Alltagsgegenstände, die Kinder herausfordern, das Wissen, das in ihnen steckt, sich mithilfe der Erwachsenen aufzuschließen. Und das ist Bildung in jedem wachen Moment. Und diese Bildung kann natürlich akzeptiert oder verstärkt oder weiter ausgebaut werden durch die Berufserzieher in den öffentlichen Einrichtungen.

Und da ist die Frage, ob das erst mit drei beginnen soll oder ob die Familien erst ab dem dritten Lebensjahr Unterstützung für ihre Kinder kriegen, die ist noch längst nicht entschieden. Also ich würde denken, dass auch schon ab dem ersten Lebensjahr allen Familien eigentlich diese neuen Möglichkeiten, die Berufserzieher und die Frühpädagogik entwickelt hat, die Ideen, wie man dieses Alltagslernen noch vertiefen kann, auch mit Beteiligung der Familien. Da kann noch viel passieren in nächster Zeit.

Brink: Stichwort Beteiligung der Familien: Es gibt ja jetzt auch einen großen Streit um das sogenannte Betreuungsgeld, also das Geld, das Eltern bekommen, die ihre Kinder zu Hause betreuen – ist das denn nicht auch eine sinnvolle Alternative zum Kindergartenplatz?

Elschenbroich: Also eine Alternative ist es auf keinen Fall. Natürlich gibt es Familien, die mehr Geld bräuchten, um jetzt auch gerade in diesen sechs Ferienwochen die guten Angebote, die nie ganz umsonst sind, der Museen und der Ferienreisen aufzugreifen, aber es gibt so viel zu tun noch im Ausbau und auch in der Qualitätssteigerung in der öffentlichen Erziehung von eins bis sechs Jahren, dass man das Geld wirklich da jetzt gezielt einsetzen kann und damit auch dem einzelnen Kind mehr nützt, als wenn es sozusagen jetzt verstreut wird als kleine Almosen in die Familien.

Brink: Die Jugendforscherin Donata Elschenbroich. Vielen Dank, Frau Elschenbroich, für das Gespräch!

Elschenbroich: Danke auch!

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