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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.07.2013

Eloquenz und Gotteskraft

Christian Lehnert: "Korinthische Brocken", Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 282 Seiten

Eine aus Holz geschnitzte Figur des Heiligen Paulus steht in der Paulskirche in München. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Eine aus Holz geschnitzte Figur des Heiligen Paulus steht in der Paulskirche in München. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Mit seinem Essay "Korinthische Brocken" begibt sich Christian Lehnert auf den verschlungenen Weg, den Apostel Paulus verstehen zu wollen. Dabei findet der Lyriker und Theologe überraschende Links zu den Größen der Philosophie - und zu den Dadaisten.

Der 1969 in Dresden geborene Lyriker und Theologe Christian Lehnert - von dem Hans Werner Henze sagt, er habe einen "seltenen Sinn fürs Schöne" - versteht Paulus' ersten Brief an die Korinther als einen "gegen den Strom geschriebenen" Text.

"Der korinthische Weg der Weisheit, dem Paulus hier und immer wieder in seinem Brief vehement widersprach, war letztlich das Erfolgsmodell."

Doch den "Eloquenten" und den "Sprachmächtigen" hält Paulus mit dem Wort Gottes eine Sprache entgegen, deren Kraft sich nicht auf Aussagen und auf Informationen gründet. Ihre "Gotteskraft" beweist sich im "Wort vom Kreuz", wenn sie sich auf ein "Raunen im Hintergrund" bezieht. Paulus' Predigt – so Lehnert – gründet "auf der puren Annahme der unbegründbaren Überzeugung" und damit schlägt er auch einen Bogen, der zur Sprache der Poesie führt.

Der Titel, den Lehnert für seinen Essay gewählt hat, zielt ins gedankliche Zentrum des Textes. Als korinthischer "Brocken" erweist sich Paulus' erster Brief an die Korinther, der in einer Art Exegese von einem Theologen ausgelegt wird, der zugleich Dichter ist. Angesichts dieser zweifachen Berufung verwundert Lehnerts besondere Affinität für das geschriebene Wort nicht. Paulus ist ihm nahe, weil er in Paulus einen rastlos Suchenden sieht.

Essay voller überraschender Assoziationsräume

Wer wie Paulus das Skandalon des gekreuzigten Messias erklären will, der ringt mit dem Wort, wenn er einen sprachlichen Ausdruck für etwas finden will, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Dabei bewegt sich Paulus "an der Grenze zur Sprachlosigkeit". Diese Grenzerfahrung teilt der Dichter mit Paulus. Und von daher erklären sich die überraschenden Assoziationsräume, die der Essay eröffnet. Und die zu Paul Celan, Primo Levi, Ludwig Wittgenstein, Friedrich Nietzsche und den Dadaisten führen – ihnen ist Reden ein ebenso großes Problem wie Schweigen, das nicht hinzunehmen ist.

Aus Lehnerts Wunsch, Paulus verstehen zu wollen, ist ein Text entstanden, in dem Paulus und dessen Brief an die Korinther nicht als etwas hinlänglich Bekanntes dargestellt wird. Der Essay sucht zu beiden einen Weg, der nicht linear verläuft. Lehnert schlägt bei seiner Suche auch Nebenwege ein, auf denen er dann auf seine schreibenden Kollegen trifft. Der Text atmet Aktualität, auch weil Lehnert am Schluss nach der Berechtigung eines politischen Machtanspruchs angesichts des prophezeiten Endes fragt, "wenn er (Christus) das Reich Gottes, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat."

Dass es sich bei dem Essay auch um einen "Brocken" handelt, also im wörtlichen Sinn um schwere Kost, soll nicht verschwiegen werden. Der Text ist eine Herausforderung und er zeigt sich auch darin auf Augenhöhe mit Paulus, durch dessen Wirken und durch dessen Schrift er inspiriert wurde. Lehnert lädt mit diesem Essay dazu ein, einen von Paulus angeregten und von ihm entworfenen Denkraum aufzusuchen. In dem höchst kühne und bizarr sich windende Fährten gelegt sind, denen zu folgen ein intellektuelles Vergnügen ist.

Besprochen von Michael Opitz

Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
282 Seiten, 22,95 Euro

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