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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.12.2015

Eklat am Thalia TheaterIst Alvis Hermanis noch bei Trost?

Von Michael Laages

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis (Imago)
Der lettische Regisseur Alvis Hermanis (Imago)

Flüchtlinge sind potentielle Terroristen, meint Alvis Hermanis. Und weil sich das Hamburger Thalia Theater für Geflüchtete engagiert, sagt er dort nun eine Inszenierung ab. Auf so einen Regisseur kann das Haus gut verzichten, kommentiert Michael Laages.

So rabiat und brutal geht hierzulande nicht mal die auch schon nicht sehr zimperliche AfD zur Sache. Die deutsche "Begeisterung", alle Grenzen zu öffnen, gefährde ganz Europa; so äußert sich der Lette Alvis Hermanis zur akuten Flüchtlingsproblematik. Und warum? Weil - jetzt kommt's knüppeldick! - zwar nicht jeder Flüchtling ein Terrorist sei, aber jeder Terrorist ein Flüchtling. Oder Kind eines früher mal Geflüchteten. Weil Terrorverdächtige und "normale" Flüchtlinge nicht voneinander zu unterscheiden seien - so wuchert die Logik weiter-, unterstütze den Terror, wer Geflüchteten helfe. Das sei mit dem Mitleid für die Opfer in Paris nicht vereinbar; seit den Anschlägen vom 13. November befinde sich die Welt im Krieg, und im Krieg müsse sich jeder und jede entscheiden, auf welcher Seite er oder sie stehe. Er, Hermanis, und das Thalia Theater stünden auf "entgegengesetzten" Seiten.

Konsequent übersetzt und in der Wortwahl des Theaterkünstlers heißt das: Alvis Hermanis und das Thalia Theater befinden sich im "Krieg" gegeneinander. Ist der Mann noch bei Trost? Für den Kriegsgegner (also das Thalia Theater) hat dessen Intendant Joachim Lux deutlich geantwortet: Die Absage zeige nur, wie tief Europa derzeit gespalten sei. Er, Lux, habe noch nie erlebt, dass Inszenierungen aus politischen Gründen abgesagt werden. Auch habe er "nie für möglich gehalten, dass humanitäres Engagement für Hilfsbedürftige zur Aufkündigung der Zusammenarbeit führen" könnte. Das Thalia verstehe sich im Übrigen als Ort des offenen gesellschaftlichen Diskurses und gebe in zahlreichen Debatten dem größtmöglichen politischen Spektrum Raum.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Dieses Motto, gerade auch in Potsdam für den Diskurs über Migration und Identität geprägt, gehört zu den zentralen Fragen der Hamburger "Lessingtage" im kommenden Januar. Alvis Hermanis will von solchen Fragen offenbar nichts mehr hören.

Das Thalia Theater kann auf Alvis Hermanis gut verzichten

Was aber spukt durch den Kopf des Mannes aus Riga? Was anderes als ein Flüchtling, wenn auch auf höherem Niveau, war er denn selber, als er 1990 die Heimat verließ, als sie sich gerade in der Loslösung von der Sowjetunion befand, und sich in Paris ansiedelte? Und wie kommt er gerade mit Blick auf Paris darauf, alle Terroristen seien Flüchtlinge oder Kinder Geflüchteter? Überwiegend belgische und französische Staatsbürger haben gebombt und geschossen; und wenn die französischen Täter "Kinder von Geflüchteten" gewesen sind, aus Algerien zum Beispiel, dann waren schon die Eltern Bürger der mit viel Blut umkämpften Kolonie, also Franzosen.

Wie politisch ahnungslos also darf ein Künstler argumentieren? Und, wichtiger noch: Darf er hetzen gegen all die anderen, die Nicht-Terroristen, die alles verloren haben oder alles aufgeben mussten für ein bisschen "normales" Leben? Darf er die gute alte Sippenhaft in modisch-neuem Gewand fordern – wo ein Terrorist unter den Geflüchteten ist, darf keiner mehr kommen ... Welcher Teufel reitet ihn, Deutschland "Begeisterung" für den Flüchtlingszustrom zu attestieren – wo doch Land, Bevölkerung und Staat (offenbar im Gegensatz zum Letten Hermanis) nur bereit sind, unter immensen Mühen Verantwortung zu akzeptieren in der globalen Welt, von der wir sonst immer nur profitieren? Und wo sich Deutsche (unter anderem) auch noch an Zeiten erinnern, da "Schleuser" nicht Kriminelle per se waren, sondern als "Fluchthelfer" hohes Ansehen genossen.

Kann sein, dass Alvis Hermanis ein bedeutender Theaterkünstler ist – seit heute aber hat er sich außerhalb der Gemeinschaft derer gestellt, die Menschen mit anderer Überzeugung nicht gleich mit Kriegserklärungen überziehen. Das Theater all derer, die von Hasspredigern nichts halten und sich stattdessen unter größten Anstrengungen bemühen um das Zusammenleben im Konsens, dieses Theater wird auf einen wie Hermanis gut verzichten können.

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Thalia Theater - Fünf Minuten mit einem Schicksal
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 24.10.2015)

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