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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.05.2013

EKD-Ratsvorsitzender fordert gerechteres Steuersystem

Nikolaus Schneider: Pendel ist in die falsche Richtung ausgeschlagen

Moderation: Nana Brink

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider. (AP)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider. (AP)

"Wir müssen darauf achten, dass wir wieder zum rechten Maß zurückfinden", sagt Nikolaus Schneider mit Blick auf die Steuerproblematik. Die Entlastung der oberen Zehntausend durch Steuersenkungen sei eine falsche Richtung, betont der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Nana Brink: "Soviel du brauchst" – der Slogan des Evangelischen Kirchentages, der hat ja gestern begonnen. Heute geht es dann richtig los, und die Marschrichtung, siehe Slogan, ist klar. Es geht um Gerechtigkeit und auch um die Gerechtigkeitslücken. Kirchentagspräsident Gerhard Robbers hat gestern beim Eröffnungsgottesdienst schon mal für einen Schulterschluss geworben. Kirchen und Gewerkschaften stünden beide an der Seite derjenigen, die nicht genug zum Leben haben. "Das können wir gemeinsam besser als getrennt", hat er wörtlich gesagt.

Nikolaus Schneider ist Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, schönen guten Morgen, Herr Schneider!

Nikolaus Schneider: Schönen guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Soviel du brauchst – braucht es klare Worte der evangelischen Kirche angesichts der Krise des Kapitalismus, die wir gerade sehen?

Schneider: Natürlich, es braucht klare Worte. Denn wir müssen auf Fehlentwicklungen hinweisen, die uns ja alle jetzt in den neuesten Nachrichten auch wirklich erschüttert haben.

Brink: Wo sehen wir denn die kritischen Töne auf dem Kirchentag?

Schneider: Die kritischen Töne auf dem Kirchentag sind in vielen Podiumsveranstaltungen, aber sie waren auch gestern sehr deutlich in den Gottesdiensten zu hören. Ich hab die Bischöfin Kirsten Fehrs in ihrer Predigt gehört, die auch auf diese Mängel hingewiesen hat, dass die einen zu wenig zum Leben haben und die anderen viel zu viel.

Brink: Werden wir ein bisschen konkreter: Der Berliner Bischof Dröge hat ja vor Kurzem erst eine gerechte Steuer- und Finanzordnung gefordert. Mehr Solidarität – was heißt das denn konkret? Höhere Steuern für Besserverdienende? Eine Vermögensabgabe?

Schneider: Das sind jetzt unterschiedliche Instrumente, die Sie gerade angesprochen haben, aber die sind für mich wirklich denkbar. Wir müssen darauf achten, und das heißt Ethik, dass wir wieder zum rechten Maß, zu Maß und Mitte zurückfinden und die destruktiven Eigenschaften, die in uns allen ja auch angelegt sind, wie etwa die Gier, dass die uns nicht so beherrschen. Wenn unser Herz nur noch vom Geld beherrscht wird, dann zerstören wir uns selbst und wir zerstören andere Menschen. Und dazu gehören in der Tat dann diese Umverteilungssysteme.

Brink: Aber so ganz konkret werden Sie jetzt nicht. Scheuen Sie sich davor?

Schneider: Ja, ich könnte dieses oder jenes nennen, in der Tat. Die Frage der Steuergerechtigkeit ist eine eminente Frage, und ich bin auch der Meinung, dass Steuersenkungen, Entlastung der oberen Zehntausend, wie das über die letzten 20 Jahre erfolgt ist, dass da einfach die Entwicklung eine falsche Richtung nimmt. Da ist das Pendel in die falsche Richtung ausgeschlagen.

Brink: Aber trotzdem wünschen sich ja manche nicht nur schöne Worte, sondern vielleicht auch eine Kirche, die eingreift – wie können Sie denn eingreifen?

Schneider: Gute Frage! Na, mit der Losung für den Monat Mai des gestrigen Tages, "Tu deinen Mund auf für die Stummen", und für diejenigen, die ungerecht behandelt werden. Also, das ist die einzige Möglichkeit, die wir als Kirche haben, wenn wir politische Wirksamkeit entfalten wollen. Und das ist dann hier wirklich eine Frage an das politische Handeln. Also die Stimme erheben, auch in die Diskussion der Methoden eingreifen. Dafür haben wir unsere Wissenschaftler, die dieses tun.

Und die andere Seite ist das, was wir selber machen können. Etwa über die Liebestätigkeit der Kirchen, also die Diakonie und die Caritas, dieses dann auch zu tun, und da machen wir ja auch viel. Wir organisieren Tafeln, wir haben Schuldnerberatungen – also alles Instrumente, die die Menschen dann auch unmittelbar spüren.

Brink: Also Ihr Eingreifen in das politische Procedere oder sagen wir die politische Diskussion angeht, damit handeln Sie sich ja auch Kritik ein. Viele Politiker sagen ja auch, hört mal zu, Kirche, das geht euch nichts an, wir leben in einem säkularen Staat.

Schneider: Ja, aber das ist, sagen wir mal, das ist häufig auch Ausdruck dessen, dass die Menschen mit unseren Positionen nicht einverstanden sind. Wenn sie mit unseren Positionen einverstanden sind, hören wir das ganz anders. Nein, es ist doch völlig klar. Das geht gar nicht anders. Das Evangelium will die Welt verändern! Wir haben da überhaupt gar keine Wahl. Und die Kirche ist nicht für sich selber da oder um eine fromme Seele zu pflegen.

Das ist auch wichtig, die Seele zu pflegen, aber wie gesagt, das Evangelium will die Welt verändern und will den Menschen guttun, dass also die Liebe Gottes, die Gerechtigkeit Gottes für alle Menschen erfahrbar wird, und da geht es dann eben auch um politische Strukturen. Aber wir streben eben keinen Klerikalismus an, wir wollen nicht die politische Macht haben. Die ist gesellschaftlich bei den Parteien, bei den Regierungen richtig geordnet. Aber wir wollen am Gespräch teilhaben.

Brink: Auf den Podien des Kirchentages sitzen viele Vertreter der Wirtschaft. Der Verteidigungsminister spricht. Das wäre ja vor Jahrzehnten undenkbar gewesen auf einem Kirchentag. Suchen Sie den Schulterschluss jetzt, nicht nur mit den Gewerkschaften, wie Kirchentagspräsident Robbers sagte?

Bei den Vorbereitungen für den Kirchentag 2013 legt eine freiwillige Helferin in Hamburg eine Kirchentagsfahne zusammen. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)"Soviel du brauchst" - das ist das Motto des Evangelischen Kirchentages in Hamburg. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Schneider: Wir sind sehr froh, dass die Verantwortungsträger sich dem Gespräch stellen. Darum geht es dem Kirchentag auch, ein großes Forum zu sein, in dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen und die, die zuhören, sich zum Teil beteiligen können, aber sich auch ihre Meinung bilden können. Und das hat jetzt wenig mit Schulterschluss im Sinne von der Übernahme von Positionen zu tun, sondern das hat damit zu tun, dass wir mit denen, die nun die Macht haben, Dinge auch zu verändern, dass wir mit denen ins Gespräch kommen. Und das finde ich von daher großartig, dass die Menschen auch auf den Kirchentag kommen.

Brink: Die Krise ist ja eine europäische Krise, und wir tun hier ja manchmal so, auch wir jetzt gerade, wir reden ja nur über Deutschland, als säßen wir auf einer Insel der Seligen. Blickt die evangelische Kirche auch mal über den Tellerrand, dahin, wo Europa zum Beispiel gerade am meisten blutet?

Schneider: Selbstverständlich. Also, ich hab mich ja auch selber schon so geäußert, und der Kirchentag tut dies auch, und es sind auch europäische Politiker hier, dann häufig mit deutschem Hintergrund. Aber mittlerweile lädt der Kirchentag auch über die Grenzen Deutschlands ein. Und wir denken so was wie über die europäische Dimension auch eines möglichen Kirchentages nach. Und wir haben unsere Partnerkirchen eingeladen aus Europa. Es sind die Ungarn da, die Franzosen, die Italiener. Also der Kirchentag denkt auch europäisch, und gerade angesichts etwa der Jugendarbeitslosigkeit, der Perspektivlosigkeit so vieler Jugendlicher im Süden müssen wir das natürlich in den Blick nehmen.

Brink: Habe ich Sie jetzt gerade richtig verstanden, dass Sie wirklich über einen europäischen Kirchentag nachdenken, initiiert von Deutschland?

Schneider: So was ist in der Diskussion.

Brink: Wie weit sind Sie da schon?

Schneider: Also, wir laden gezielt jetzt über die europäischen Grenzen hinweg ein. Das ist das erste. Was sich daraus weiter entwickelt, muss man sehen. Und das müssen auch wirklich mit Ellen Ueberschär, der Generalsekretärin, besprechen, denn der Kirchentag ist ja keine – wird ja nicht vaon den Kirchen selber gesteuert. Er ist eine Laienbewegung, an der sich dann auch die Theologen beteiligen. Das ist übrigens was ganz Großartiges.

Brink: Viel habe ich ja jetzt gehört von Ihren Ansichten, von Solidarität, aber – verlieren Sie nicht an Bedeutung, da ja auch Ihnen die Mitglieder in nicht unerheblichem Maße abhanden kommen?

Schneider: Na ja, wir nehmen halt teil an der demografischen Entwicklung, das muss man auch mal wirklich klarstellen. Uns rennen die Leute nicht in großen Scharen weg, wir haben auch Austrittszahlen, keine Frage, wir haben aber übrigens auch Eintritte. Also da wird häufig in der Öffentlichkeit immer nur die halbe Wahrheit gesagt. Wir haben auch Eintritte. Aber im Übrigen beerdigen wir sehr viel mehr als wir taufen, und das ist ein Riesenproblem, ja.

Brink: Nikolaus Schneider, Ratspräsident der evangelischen Kirche in Deutschland. Schönen Dank für das Gespräch, und Ihnen noch einen schönen Kirchentag!

Schneider: Danke schön, Frau Brink, sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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