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Politisches Feuilleton

D-Mark für alleDer Tag, an dem die Finanzmauer fiel
"Kommt die DM bleiben wir kommt sie nicht geh'n wir zu ihr!" ist auf einem Transparent zu lesen, das ein Paar bei einer Montagsdemonstration am 12.2.1990 in Leipzig mit sich führt. Die von den Demonstranten hier geforderte Einführung der D-Mark in der DDR wurde im Rahmen der per Staatsvertrag vereinbarten Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1.7.1990 realisiert. Sie bildete einen entscheidenden Schritt zur Wiedervereinigung der beiden deutsche Staaten am 3.10.1990. (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)

Als die D-Mark in die DDR kam, vereinte das zwar die Deutschen insgesamt. Es spaltete aber die Ostdeutschen, meint der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow. Man konnte schnell an Geld kommen - und es genauso schnell verlieren.Mehr

Kirill PetrenkoNationale Misstöne der Musikkritik
Der russische Dirigent Kirill Petrenko (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)

Kirill Petrenko wird 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Einige feierten die Entscheidung als mutig, doch zum Teil mischten sich nationalkulturelle Misstöne in die Kritik. Empörend sei das, meint Uwe Friedrich.Mehr

FamilienrechtDas "Kindeswohl" ist eine leere Floskel
Ein Vater lässt am 16.03.2014 in Berlin auf dem Teufelsberg bei starkem Wind und dicht bewölktem Himmel mit seinem Sohn einen Drachen steigen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Wenn Eltern sich trennen, leiden die Kinder - und Familiengerichte müssen retten, was zu retten ist. Soweit die Theorie. Doch in Wirklichkeit, sagt der Künstler und Publizist Peter Kees, sorgen die Gerichte oft dafür, dass der Schaden noch größer wird.Mehr

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.02.2014

EinwanderungPolitische Begriffe mit Eigenleben

Wie die Wortwahl die Agenda hinter dem Gesprochenen entlarvt

Von Richard Szklorz

Wenn Menschen ihr Land verlassen, nehmen sie ihre Gebräuche und Identität mit in ihr neues Heimatland. (AP)
Wenn Menschen ihr Land verlassen, nehmen sie ihre Gebräuche und Identität mit in ihr neues Heimatland. (AP)

Einwanderer, Zuwanderer, Migrant - ja, was denn nun? Schon die Wortwahl verrät die Haltung des Sprechenden zu diesen Menschen. Die Worte helfen zu verschleiern, zu neutralisieren - und entlarven ihren Sprecher trotzdem.

Was ist der Unterschied zwischen Einwanderung und Zuwanderung? Auf den ersten Blick ist er nicht zu erkennen. Wer aber genauer hinhört, stellt fest, dass "Zuwanderung" sanfter, erträglicher klingt, als das eindeutigere "Einwanderung".

Auf dem Höhepunkt der kontrovers geführten Debatten der frühen Zehnerjahre, als die Schlachten um das brenzlige Thema eigentlich schon geschlagen schienen und sich die Einsicht durchzusetzen begann, Deutschland werde nie mehr blütenrein deutsch, sondern bunt-deutsch sein, da begann das Eigenleben des Wortes "Zuwanderung".

Nicht nur in der Publizistik, die gerne neue Wörter aufgreift, auch die Politik verlieh dem Wort 2005 durch ein "Zuwanderungsgesetz" einen offiziellen Status. Dieses rot-grüne Gesetz spricht sehr viel über Steuerung, Begrenzung, Regelung des Aufenthalts, aber wenig über offene Türen. Für seine Autoren scheint der Begriff "Einwanderung" kein Teil des deutschen Wortschatzes zu sein.

Die Dinge nett und neutral klingen lassen

Der Begriff "Zuwanderung" ruft das Bild von einem Menschen hervor, der sich fürs Erste mit dem Beistelltisch und Beistellbett begnügt, eben ein Da-Zu-Gekommener, der von dem gut funktionierenden deutschen Ganzen auf Distanz gehalten wird. Erträglicher für jene, die schon immer riefen: Wir sind doch kein Einwanderungsland!?

Dagegen die "Einwanderung" mit der eindeutigen Vorsilbe. Sie scheint die Vorstellung zu wecken, da wolle einer wirklich ein-treten, um Platz an der Esszimmertafel zu nehmen und spätestens nach der Stufe 3 im Deutschkurs der Volkshochschule sogar mitzureden. Wer einwandert, kommt nicht nur dazu, er gehört auch dazu.

Doch es gibt noch mehr Wörter, die helfen, Dinge netter oder neutral klingen zu lassen. Wie das Wort "Migration" mit seinen Ableitungen: Migrant, Migrieren, Migrationshintergrund.

Einst war die Migration vor allem Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung. Dann entdeckten aber Politik und Medien diesen Fachbegriff und machten aus ihm ein griffiges Schlagwort. Seine Verwendung ist längst inflationär, und es ist nicht abzusehen, dass er bald aus der Mode kommt.

Wenn von einer Schule mit hohem Migrantenanteil die Rede ist, dann weiß jeder, was und wer gemeint ist: Kinder aus armen Familien nichtdeutscher Herkunft, die als soziale Problemfälle eingestuft sind. Das vielleicht freundlich gemeinte Wort stigmatisiert auf diese Weise erst recht und ordnet die Migranten einer Sondergruppe außerhalb der Mehrheitsgesellschaft zu.

Die Französischlehrerin aus Paris ist nie eine "Migrantin"

Selten ist mit "Migrant" aber ein dänischer Kellner gemeint, oder eine Französischlehrerin aus Paris. Dabei sind sie Migranten und werden bestimmt in einer gewissenhaft angelegten behördlichen Statistik als solche auch geführt.

So entsteht eine Bezeichnung für Menschen, die Objekt von Fürsorge und vielfältiger Bemühungen um deren Integration sind. Oft gut gemeint, und doch problematisch, denn sie bleibt an den so Eingestuften viel zu lange kleben. Noch Kinder der dritten, demnächst der vierten Generation, etwa mit türkischen Wurzeln, heißen zwar nicht mehr "Migranten", aber sind immer noch Menschen mit "Migrationshintergrund". Obwohl sie mitunter auf dem Gymnasium Homer und Cicero im Original zu lesen lernen.

Bedenkt man den lateinischen Ursprung des Wortes – Wanderer – könnte man fast auf die Idee kommen, das Wort passe manchen so gut, weil es einen nicht ganz abgeschlossenen Prozess beschreibt und daher die unbewusste Erwartung nährt, dem Migranten liege das Wandern im Blut und er könnte deshalb eines Tages weiterziehen, statt Farbtupfer des deutschen Flickerlteppichs zu sein.

Szklorz, Richard (privat)Szklorz, Richard (privat)Richard Szklorz, geboren und aufgewachsen in der Nachkriegs-Tschechoslowakei, studierte an der Universität Tübingen und an der Freien Universität Berlin.

Lange lebte er in London, Jerusalem und New York, wovon die New Yorker Zeit beinahe seine zweite Auswanderung wurde. Nach der Wende bereiste Szklorz als Redakteur der Wochenzeitung „Freitag“ zum ersten Mal wieder sein Geburtsland und andere ostmitteleuropäische Staaten. Inzwischen lebt er in Berlin.

Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet Szklorz als freier Journalist für Zeitungen und Rundfunkanstalten. Er ist Autor zahlreicher Glossen über den deutschen Alltag sowie von Kommentaren, Rezensionen und Berichten aus der jüdischen und jüdisch-deutschen Welt.

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