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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.06.2005

Einsteins geheimes Vermächtnis

Ulrich Woelk: "Einstein on the lake"

Rezensiert von Jörg Magenau

Albert Einstein
Albert Einstein (AP)

In Ulrich Woelks Erzählung "Einstein on the lake" geht es um nichts Geringeres als um Einsteins Vermächtnis. Ort des Geschehens ist der Templiner See bei Potsdam, wo der Physiker sein Sommerhaus hatte. Bevor er Deutschland 1933 verließ, soll er dort in einer wasserdichten Kiste seine schriftliche Hinterlassenschaft versenkt haben.

Im Kino sind englischsprachige Titel durchaus üblich. In der Literatur ist das eher ungewöhnlich, vor allem dann, wenn es sich um einen deutschsprachigen Autor handelt. "Einstein on the lake" heißt Ulrich Woelks neues Buch. Das klingt, als handle es sich um ein Produkt aus Hollywood. Der Titel ist jedoch eine Paraphrase auf das Musikstück "Einstein on the beach" des amerikanischen Komponisten Philip Glass, das in der Geschichte eine gewisse Rolle spielt. Wichtiger ist aber der Hinweis auf Einstein, denn es geht um nichts Geringeres als um Einsteins Vermächtnis.

Ort des Geschehens ist der Templiner See bei Potsdam, gleich neben dem Schwielowsee, wo Einstein sein Sommerhaus hatte. Bevor er Deutschland 1933 verließ, versenkte er dort in einer wasserdichten Kiste seine schriftliche Hinterlassenschaft. Der Jurist Anselm, eine der drei Hauptfiguren des Buches, will diese Kiste finden. Die Gewissheit, genau hier suchen zu müssen, begründet er damit, dass in dem Namen Templin Einsteins Formel e=mc² steckt: Thermische Energie gleich Masse im Produkt mit LIchtgeschwindigkeit hoch zwei gleich Nuklearreaktion - ergibt T.E.M.P.L.I.N. Also mietet Anselm ein altes Hausboot auf dem See und lädt seinen Freund Bernhard ein, den Sommer dort mit ihm zu verbringen, denn Bernhard ist Journalist und wäre geeignet, den zu erwartenden sensationellen Fund medienwirksam zu inszenieren.

Bernhard ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Doch was ihn schließlich dazu drängt, das Geschehene zu rekapitulieren und erzählerisch zu bewältigen, hat ganz andere Gründe. Auf dem Boot befindet sich auch Anselm Frau Gesine, die allerdings lieber nach Bali gereist wäre, als ihren Sommer im Brandenburgischen zu verläppern. Mit fast mathematischer Präzision lässt sich errechnen, was sich aus dieser Konstellation ergeben wird. Während Anselm seine Tauchgänge absolviert, beginnen Gesine und Bernhard auf dem Boot eine Affäre - zunächst vielleicht eher aus Langeweile, aber doch voller Leidenschaft.

Ulrich Woelk, 1960 in Köln geboren, hat zunächst Physik studiert und als Astrophysiker gearbeitet, bevor er zum Schriftsteller wurde. Einsteins Relativitätstheorie ist ihm also nicht nur vom Hörensagen vertraut. In dieser novellenartigen Geschichte, die - soviel kann verraten werden - tragisch endet, befasst er sich nun mit der Relativität der Liebe. "Liebe ist eine sanfte Form der Perversion", heißt es an einer Stelle, und Gesine doziert während ihrer Eskapade, dass die Ehe Energie bindet, die wie bei Atomen erst durch neuerliche Spaltung zurückzugewinnen sei. So gesehen ist ihre Affäre ein Akt physikalischer Notwendigkeit. Das erlaubt, moralische Vorbehalte als "altbackenen Ethiktrödel" abzutun.

Woelk gelingt es, eine Wissenschafts-Abenteuergeschichte und eine prickelnde Liebesgeschichte elegant miteinander zu einer sogenannten "Sommer-Erzählung" zu verbinden. Mit dem Blick des Naturwissenschaftlers analysiert er, was passiert, wenn zwei Menschen aufeinanderprallen und zwei sich trennen und wie Treue und Verrat, Langeweile und Leidenschaft zusammenhängen. Die Bindungskraft von Beziehungen ist ein großes Thema in all seinen Romanen. Die Helden seiner Bücher altern allmählich mit dem Autor und haben nun die Probleme von Mitvierzigern, die in ihrem Leben noch einmal neue Herausforderungen suchen. "Einstein on the lake" ist ein origineller Beitrag zum Einstein-Jahr. Mühsam wird die Lektüre nur dadurch, dass Woelks Ich-Erzähler in einer merkwürdig geschraubten Sprache spricht. Wenn es um Liebe geht, schreibt er, er sei gezwungen, "dem uralten Thema nun doch meine Aufwartung zu machen". Wenn er sich darum bemüht, aufrichtig zu sein, verspricht er, "meine Sätze zu einem getreulichen Abdruck meiner Wahrnehmung zu machen." Von solchen altväterlich klingenden, aufgeschäumten Phrasen gibt es leider zu viele, um sie bloß als Ausrutscher betrachten zu können. Für einen angenehmen Sommertag am Badesee ist das Buch trotzdem zu empfehlen. Es ist spannend genug, um es in einem Zug durchzulesen.

Ulrich Woelk: Einstein on the lake.
Eine Sommer-Erzählung. dtv premium
156 Seiten, 12,- Euro