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Einmal Deutschland und zurück

Immer mehr Spätaussiedler wollen zurück

Von Ernst-Luwig von Aster

Sprachunterricht für Aussiedler
Sprachunterricht für Aussiedler (AP)

Sie kommen aus Kasachstan, Kirgisien oder Russland und leben seit Jahren in Deutschland. Doch hier sind sie nie heimisch geworden. Immer mehr Spätaussiedler wollen in ihre Herkunftsländer zurück und suchen nach Unterstützung für die Rückkehr.

Der Berufsverkehr schiebt sich über die Bielefelder Karl-Liebknecht-Strasse. Elmar Welt eilt den Bürgersteig entlang. Bleibt vor dem Haus Nummer 68 a stehen:

"Hier links ein afrikanischer Laden, ein Stück weiter Sprachkurse der AWO für Aussiedler, dann eine Moschee, ein Stück weiter ein ägyptisches Hotel, lebendig ist das hier."

Vor sieben Jahren kam der Mittvierziger aus Usbekistan, heute ist er deutscher Staatsbürger. Und hilft Flüchtlingen im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO.

"Heimatgarten" steht in großen Lettern über den Fenstern im Erdgeschoss des Altbaus. Und: "Freiwillige Rückkehr und humanitäre Reintegration von Flüchtlingen"

"Unser Büro ist eigentlich für drei größere Welträume zuständig: Einmal ist das Afrika, GUS, Baltikum und Ex- Jugoslawien…"

Im ersten Raum sitzt sein Kollege. Betreut afrikanische Flüchtlinge. Alphabetisch aufgereiht stehen die Ordner hinter dem Schreibtisch: Äthiopien, Elfenbeinküste, Eritrea, Ghana, Guinea, Jemen, Kamerun, Kongo, Nigeria, Togo. Welts Arbeitsbereich liegt im nächsten Zimmer. Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Fast jedes von Welts Telefonaten beginnt auf Deutsch. Und geht dann weiter auf Russisch.

"Sie können mit mir auch auf russisch sprechen", sagt Welt meist im zweiten Satz. Ein Angebot das die meisten Anrufer dankbar annehmen. Fast immer sind es Spätaussiedler. Die zurück wollen. Nach Russland, Kasachstan. Oder die Ukraine.

"Die Tränen habe ich heute auch wieder erlebt, eine verzweifelte Frau, sie hat hier einen verheirateten Sohn und sieht vor allem für ihn keine berufliche Perspektive hier und sie beobachtet, dass ihr Sohn hier kaputt geht."

Seit zwei Jahren ist das kleine Bielefelder Büro die Anlaufstelle für Spätaussiedler mit Deutschland-Frust. 2005 erschien in einer kleinen russischsprachigen Zeitung ein Artikel, der über Rückkehrwillige berichtete. Dort stand auch, dass das Heimatgarten-Büro versucht, ihnen zu helfen.

"Dieser Artikel hat eine Welle ausgelöst, tausende von Anrufen haben wir bekommen. Und seitdem stehen die Telefone nicht mehr still."

Aus ganz Deutschland rufen seitdem Spätaussiedler an. Welt hört zu. Macht sich Notizen, nimmt die Adressen auf, wenn die Anrufer zustimmen. Schickt ihnen dann einen Fragebogen.

"Das ist der Ordner zum Beispiel, wo wir alle die Fragebögen von Spätaussiedlern aufbewahren, manche sind schon ausgereist. Wir aktualisieren ständig unsere Akten."

Protokolle der enttäuschten Hoffnungen. Der Verzweifelung. Auch Tatjanas und Grigorijs Fragebogen ist hier abgeheftet.

Ortswechsel. Knapp einhundert Kilometer weiter streckt sich Tatjana vor einer großen braunen Schrankwand, greift in das Fach oben rechts. Da liegen die Fotoalben.

Ihr Mann Grigorij sitzt auf dem Sofa. Auf dem Couchtisch vor sich einen schwarzen Tischrechner, aus dem zwei Kugelschreiber herausragen. Drumherum Briefe, Drucksachen. Ein Schreiben vom Bundesverwaltungsamt, das ihnen die Einreise nach Deutschland ermöglichte, Briefe vom Arbeitsamt, vom Jobcenter.

Grigorij und Tatjana sind nicht ihre richtigen Namen. Das Ehepaar möchte anonym bleiben. Wenn sie über das Leben in Deutschland erzählen. Und ihren Wunsch nach Russland zurückzukehren. Einmal haben sie sich schon öffentlich geäußert. Mit ihren richtigen Namen. Da klingelte am nächsten Tag das Telefon. Eine ältere Dame war am Apparat:

"Zuerst wusste ich gar nicht, was sie wollte, dann habe ich sie gefragt. Und da hat sie mich angesprochen. Was wollen Sie noch? Sie sind aus Russland gekommen, haben alles bekommen! Sitzen zuhause und brauchen nicht zu arbeiten. Was wollen sie noch? Hat mich beschimpft sozusagen. Dann habe ich aufgelegt."

Tatjana blickt trotzig durch die Brille. Sie lässt sich von niemandem beschimpfen. Vorsichtig legt die 50-Jährige die Fotoalben auf den Couchtisch, beginnt zu blättern:

"Da sind wir im Wald gewesen, mit mehreren Familien und unseren Kindern, haben ein Picknick gemacht mit unseren Kindern, haben übernachtet im Zelt, gekocht auf dem Feuer, und gespielt."

Ein Schwarz-Weiß-Foto. Aufgenommen in Südsibirien, in der Nähe von Omsk.

"Die Schwarz-Weiß-Fotos sind aus Russland. Altes und Neues, das ist gemischt."

Russland schwarz-weiß. Bis 1998. Dann bunte Deutschland-Bilder. Grigorij blättert weiter. Streicht mit der linken Hand über ein Schwarz-Weiß-Porträt. Ein junger Mann im Anzug. Mit Schnauzbart und vollen Wangen blickt er herausfordernd in die Kamera.

"Das ist neun Jahre zurück, ich war ein junger Mann, energisch, jetzt neun Jahre vorbei, ich bin ein alter Mann."

Vor neun Jahren kamen sie aus Omsk nach Deutschland. Mit ihren zwei Söhnen. Eine Woche Grenzlager, drei Wochen Heim, dann Umzug in eine kleine Dreizimmerwohnung. Ein halbes Jahr Sprachkurs.

"Zuerst habe ich gesehen, alles schön, alles Ordnung, alle Leute sehr freundlich, habe ich gedacht."

Erinnert sich Grigorij. Er kommt gut ausgebildet nach Deutschland. Ist Diplom-Techniker und Diplom-Ingenieur.

"In Russland ich habe gearbeitet als Leiter in einer … Mittelfirma, 500 Mitarbeiter, ich habe als Leiter gearbeitet."

Und große Kraftwerks- und Flughafenprojekte betreut. In Deutschland aber sind seine Qualifikationen nicht gefragt.

"Ich habe Arbeit gefunden in Zeitarbeitsfirma, als Elektro-Installateur. Ganz schwere Arbeit, auch Wochenende arbeiten mit niedrigem Lohn."

Bis zu einhundert Kilometer fährt der damals 45-Jährige jeden Tag zur Arbeit. Steht morgens um drei auf, damit er um sechs anfangen kann. Grigorij verdient in dieser Zeit 17 Mark brutto pro Stunde. Seine deutschen Kollegen bekommen 25 Mark. Tatjana arbeitet erst an der Kasse eines Supermarktes, wechselt dann ans Fließband einer Keksfabrik.

"Ich habe früher immer gedacht, als ich nach Deutschland gekommen bin, warum haben die Deutschen immer nur Termine, das konnte ich gar nicht verstehen. Auch wenn ich in Russland bis sechs gearbeitet habe, habe ich gekocht, gespielt mit den Kindern auf der Straße. Und das in Deutschland, man findet gar keine übrige Zeit hier."

Sie kaufen einen Kleinwagen, die Schrankwand, die Sofagarnitur. Dann noch zwei Ölgemälde, das Stück für 70 Mark: Deutsche Gebirgslandschaften. Die hängen sie ins Wohnzimmer. Tatjana und Grigorij versuchen heimisch zu werden. Doch etwas fehlt:

"In Russland man kann mit jedem Menschen sprechen, egal ob im Laden, auf dem Markt. Im Hotel, alle Leute sprechen dich an, kann man sich ein bisschen hinsetzen, reden. Das brauch ich. Und hier, wenn ich jetzt rausgehe auf die Straße, niemand ist da, ich kann auch nicht mit meinen Nachbarn reden, alle sind immer weg. Ich kenne meine Nachbarn grob vom Sehen mit dem 'Guten Tag' und das war es und dann sind sie wieder weg. Alle haben keine Zeit."

Grigorij bekommt Rückenprobleme. Kann nicht mehr schwer arbeiten. Eine leichte Arbeit aber gibt es für ihn nicht.

"Besser nach Hause fahren, als hier bleiben, habe ich gedacht. Denn diese sklavische Arbeit geht nicht. Ich habe verletzt meinen Rücken, gekriegt eine schwere Krankheit, der Arzt hat die Untersuchungen gemacht. Ich habe alle Papiere dabei."

Grigorij beginnt Briefe zu schreiben. An die Kommune. Die Landesregierung, die Bundesregierung, die Ausländerbeauftragten. Bittet um Unterstützung. Für die Rückkehr nach Russland. Die er alleine nicht finanzieren kann.

"Ich kann nicht jetzt zurück nach Russland fahren. Meine Tasche ist leer, ich habe keine Geld jetzt ist meine Tasche leer. Ich bin drei Jahre arbeitslos. Ich kann nicht ohne Geld fahren."

Grigorij greift zu einem Ordner. Beginnt zu blättern. Eine Chronologie der freundlichen Absagen.

"Ich habe überall Anträge gestellt, Bundestag, niedersächsische Regierung, überall, die Antworten nur negativ, überall negative Antworten."

Grigorij zieht einen Brief hervor. Der hat ihm weitergeholfen. Ein wenig zumindest.

"Ich habe geschrieben einen Brief, an Minister für Inneres und Sport. Und ich habe bekommen einen Brief. Sie haben mir gegeben den Kontakt mit Heimatgarten, dann habe ich telefoniert."

Wieder in Bielefeld, im Heimatgarten-Büro. Mittlerweile hat Elmar Welt rund 1000 rückkehrwillige Spätaussiedler in seiner Kartei. Und täglich werden es mehr. Die Anfragen konkreter:

"Was passiert mit dem Gepäck, mit dem Zoll, mit der Legalisierung, vor der Rückkehr, nach der Rückkehr …"

Immer wieder kommt die Frage nach finanzieller Unterstützung für die Rückkehr. Doch da muss Welt passen. Dafür gibt es keine Mittel. Von der AWO nicht. Von der EU nicht. Und von der Bundesregierung auch nicht.

"Wir sehen und erleben die Tränen der Menschen jeden Tag. Und das Problem ist zu aktuell um Zeit zu verlieren."

Elmar Welt geht zu seinem Schreibtisch, beugt sich über die Computertastatur.

"Hier sind alle Informationen von den kasachischen und russischen Konsulaten und der Botschaft und auch die Internetseite von Kasachstans Präsidenten."

Seit zwei Jahren interessieren sich die Regierungen in Moskau und Astana verstärkt für die deutschen Aussiedler. Macht auch dort das Wort vom "Fachkräftemangel" die Runde.

"Die Fachkräfte sind gefragt, besonders ehemalige deutsche Mitbürger sind gefragt. Alle erinnern sich an deutsche Tugenden und sie sind eigentlich herzlich willkommen. Besonders in der letzten Zeit. Kasachstan ist groß, die Bevölkerung ist klein und die Wirtschaft boomt, sie brauchen die Leute."

Rund 1000 Spätaussiedler sind bis jetzt nach Kasachstan zurückgekehrt, heißt es aus der kasachischen Botschaft. Eine der wenigen offiziellen Mitteilungen in Sachen Spätaussiedler-Rückkehr. Elmar Welt öffnet die nächste Datei. Ein Erlass des russischen Präsidenten vom Januar.

"Laut Dokument werden an Landsleute, die in die für Russland strategisch wichtigen Grenzregionen übersiedeln einmalige Zuwendungen von jeweils 60.000 Rubel und pro Angehörigen 20.000 Rubel ausgezahlt. Das sind offizielle Informationen."

Doch bisher gibt es den Erlass nur auf dem Papier. Elmar Welt kennt keinen Rückkehrer, der vom russischen Staat Unterstützung bekommen hat.

Grigorij hat sich neben dem Wohnzimmer ein kleines Arbeitszimmer eingerichtet. Ein Fernseher steht hier, der Satellitenempfänger liefert russische Programme

"Zum Beispiel, das ist eine russische Programm.
Mein Mann guckt den ganzen Tag fast nur Nachrichten.
Mich interessiert Ökonomik, Politik in der Welt und Russland."

Dass in Russland Fachkräfte fehlen, hörte der 53-Jährige in den Nachrichten immer wieder. Im Juni packten er und Tatjana dann ihre Koffer. Fuhren nach Osten.

"Ich fahr Kaliningrad, schon zweimal gefahren, zehn Stunden Auto, zwölf Stunden Bus. Dort kann ich finden Arbeit, kein Problem."

Grigorij besuchte einen großen Elektrobetrieb, unterhielt sich mit dem Direktor. Der würde ihn einstellen, sagt er. Doch um alles andere müsste sich Grigorij selber kümmern. Die Arbeitserlaubnis, die Einreise, die Wohnungssuche.

"Es gibt auch eine Hilfe von russischer Seite. Aber nur dann, wenn mein Mann eine Einladung von russischer Seite bekommt. Dann kann er nach Kaliningrad fahren und kriegt dann eine erste Hilfe."

Doch ob eine Einladung kommt, wissen sie nicht. Und ob dann Geld gezahlt wird, auch nicht. An Grigorijs Entschluss ändert das nichts. Über dem Stuhl hängt sein Trainingsanzug, die Hanteln liegen auf dem Boden. Er hält sich fit, so gut es geht. "Wladimir Putin ist mein Vorbild", sagt er. Auf seinem Schreibtisch steht ein Präsidenten-Portrait in Acrylglas. Putin blickt entschlossen. Unter dem Schriftzug: "Russlands Energie".

"Hier ich habe Familie, zwei Söhne, Frau und zwei Enkel. Ich wollte hier bleiben, aber ich brauche normale Leben. Nicht hier jetzt gucke in Fernseher ganzen Tag. Ich möchte beruflich arbeiten."

Tatjana nickt. Sie kann ihren Mann gut verstehen. Wenn er nach Kaliningrad geht, wird sie wahrscheinlich in Deutschland bleiben. Eine Ehe auf Distanz. Früher konnte sie sich das nie vorstellen.

"Als ich noch jung war, wollte ich das nie haben, aber jetzt ja, …, jetzt wird es okay sein."

Herne, Tagungszentrum Mont Csenis. Ein futuristischer Bau aus Glas, Stahl, im Innern hohe Holzständer. Auf dem Dach Solarkollektoren. Die Arbeiterwohlfahrt hat hierher zur Tagung unter dem Motto "Rückkehr in die Heimat" geladen. Will über Flüchtlingsarbeit, und freiwillige Wege zurück in die Herkunftsländer diskutieren.

Ein bulliger Mittvierziger, in Jeans, das Sprechset überm Ohr, eilt redend Richtung Cafe. In der rechten Hand eine Zeitung und das Mobiltelefon: In der linken einen Stapel Unterlagen.

Wladimir Osmolowski legt die Unterlagen auf einen Bistrotisch. Streift sich mit der freigewordenen Hand das Headset vom Ohr, klemmt es zwischen den zweiten und dritten Hemden-Knopf.

"Ich wohne in Deutschland schon 16 Jahre, bin mit meinem Leben total zufrieden. Ich habe diese Umsiedlung tatsächlich als eine Umsiedlung in ein Paradies empfunden."

Gerade ist er auf dem Weg zur Sitzung des Migrationsbeirates in Gelsenkirchen. Macht hier auf der Konferenz einen Zwischenstopp, um Elmar Welt zu treffen. Und auf der Tagung über die Lage der Spätaussiedler zu berichten.

"Zu meiner persönlichen Überraschung Ende 2006 habe ich immer öfter Fragen bekommen bei diesen Beratungen, die Leute kommen zu mir und haben gesagt. 'Wir wollen zurückkehren. Und zwar für immer.' Ob ich nicht helfen kann."

Osmolovski hat vor Jahren den "Schutz- und Integrationshilfeverein" gegründet, um russischsprachige Mitbürger zu unterstützen. "Wort und Tat" heißt die Verbraucher-Zeitung, die er mit heraus gibt. Ihr Verkauf finanziert die Vereinsarbeit. Und die Rechtsberatung, die zweimal in der Woche stattfindet.

"Da habe ich auch viele Briefe geschrieben. Ich habe Briefe geschrieben, unter anderem habe ich an den Integrationsbeauftragten NRW geschrieben ... Er hat geschrieben, es gibt nicht solche Programme, die das unterstützen würden, weil die sind doch im Sinne des Gesetzes Deutsche. Und man kann nicht definieren Deutsche, die aus Russland kommen, kriegen Unterstützung, und Deutsche die nach Amerika auswandern wollen, kriegen keine Unterstützung."

Egal wo er hinschrieb, es kam Absage auf Absage. "Nicht zuständig". "Keine Rückkehrförderung". "Wir finanzieren keinen Tourismus". In die Beratungsstelle aber kamen weiter Familien.

"Dann bin ich irgendwie draufgekommen, die Namen zu notieren, dann habe ich seit März 2007 schon 50 Familien auf der Liste. Manche sind schon weggefahren. Viele können dat nicht machen, weil sie eine finanzielle Unterstützung brauchen. Die sind nicht in der Lage aus eigenen Kräften."

Jetzt kommt Elmar Welt an den Bistrotisch. Dunkler Anzug. Orangene Krawatte. Die beiden begrüßen sich auf Russisch. Sie kennen sich schon lange. Der ruhige AWO-Mitarbeiter. Und der schnell redende Vereinsgründer und Zeitungsherausgeber.

"Das Thema Rückkehr von Spätaussiedlern ist in Deutschland immer noch tabuisiert. Und keiner fühlt sich verantwortlich für dieses Thema. Ob es politisch brisant ist oder unangenehm für die Regierung, das kann man nur vermuten."

Osmolowski nickt zustimmend. Doch lockerlassen will keiner von den beiden. Elmar Welt hat zusammen mit dem Heimatgarten Kontakte nach Russland aufgebaut. Arbeitet dort mit Hilfsorganisationen zusammen. Wladimir Osmolowski bearbeitet derweil die lokale Ebene. Ämter und Behörden. Mit immer den gleichen Argumenten:

"Das heißt, wir füttern, ich würde das ganz grob ausdrücken, die Leute aus den Kassen der Steuerzahler und die Leute sagen: 'Ist alles Scheiße hier.' Auf meine Meinung würde ich alles unternehmen, zu sagen: 'Liebe Leute, wenn ihr unzufrieden seit, geht dahin, wo es ihnen besser geht, wir helfen ihnen.'"

Ein Appell an die Mitmenschlichkeit. Meist beantwortet mit einem Schulterzucken. Denn Mittel zur Förderung des Wohlbefindens von unzufriedenen Spätaussiedlern hat keine Kommune in ihren Haushalt eingestellt. Schon überzeugender: Osmolowskis zweites Argument:

"Wenn eine Familie mit einem Kind durchschnittlich 1500 Euro pro Monat bezieht, wenn wir die ein halbes Jahr hier halten, ist das schon eine enorme Summe, die einfach ausgezahlt wird, ohne dass die Leute hier für die Menschheit oder Gesellschaft was tun. Und wenn wir denen einmalig 2000, 3000, 4000 Euro gewähren, dass sie weggehen können, das ist für alle Beteiligten günstig sage ich mal …"

In ein, zwei Fällen unterstützten Behörden die Rückkehr der Spätaussiedler. Doch es wurde Stillschweigen vereinbart. Osmolowski kann daher auch nicht verraten, wen er wo überzeugte. Langsam aber, glaubt er, kommt Bewegung in die Rückkehr-Diskussion. Die baden-württembergische Landesregierung hat vor kurzem signalisiert, in Zukunft rückkehrwillige Spätaussiedler zu unterstützen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, da sind sich Osmolowksi und Welt einig. Für die betroffenen Spätaussiedler aber erst der Beginn eines langen Weges. Die russische Bürokratie steht der Deutschen in nichts nach, sagt Osmolowski. Und wer allzu naiv die Rückreise antritt, findet sich schneller als er denkt in Deutschland wieder:

"Ich kenne schon Familien, die zurückgekehrt sind. Und da entstanden schon Probleme, wenn die da waren. Zum Beispiel haben die Eltern doppelte Staatsangehörigkeit. Aber die Kinder wurden hier geboren, haben nur die deutsche Staatsangehörigkeit. Die haben die Kinder aber einfach mitgenommen. Und dann stellte sich heraus, die Kinder befinden sich illegal in Russland. Die Kinder, die drei Jahre alt sind."

Die Familie musste zurück. Nach Deutschland.

"Aber das habe ich live erlebt, weil ich dieser Frau geholfen habe. Und das ist nicht einfach. Die musste auch entsprechend die Geburtsurkunde des Kindes legalisieren, da gibt es so ein internationales Legalisierungsprocedere. Und dann hat sie hier bei dem russischen Konsulat entsprechende russische Papier bekommen für das Kind. Und dann konnte sie das Kind wieder mit zurücknehmen."

Deutschland-Russland-Deutschland. Und wieder zurück.

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